Rund 88 Prozent der steirischen Landesfläche werden landwirtschaftlich bewirtschaftet - und ein wachsender Teil davon digital gesteuert. Drohnen säen Zwischenfrüchte auf einem Hektar in 15 Minuten, wo der Traktor eine Stunde braucht. Satellitendaten melden Weinbauern täglich den Reifegrad einzelner Parzellen. Und ab März 2026 können steirische Grünlandbetriebe mit einer kostenfreien App der HBLFA Raumberg-Gumpenstein den Ertrag jeder gemähten Wiese einzeln prüfen. Smart Farming ist keine Zukunftsvision mehr, sondern ein laufender Umbau.
- 88 Prozent der steirischen Fläche werden landwirtschaftlich genutzt - hoher Hebel für Digitalisierung
- HBLFA Raumberg-Gumpenstein in Irdning (Ennstal) - Leitinstitut für Forschung zu Grünland und Tierhaltung, seit 60+ Jahren
- SatGrass-App aus Raumberg-Gumpenstein ab März 2026 bundesweit kostenlos - satellitenbasierte Ertragsprüfung
- Innovation Farm als österreichweites Pilotprojekt demonstriert autonome Roboter, Drohnensaat und Sensortechnik
- Precision Viticulture im Weinbau: Drohnen messen Reifegrad, Bewässerungsbedarf und erkennen Krankheitsherde
- Comp4Drones-Projekt mit AIT, Infineon Austria und Skyability entwickelt Smart-Farming-Drohnen
HBLFA Raumberg-Gumpenstein - das Forschungsherz im Ennstal
Die Höhere Bundeslehr- und Forschungsanstalt für Landwirtschaft Raumberg-Gumpenstein in Irdning-Donnersbachtal ist Österreichs zentrale Forschungsanstalt für Grünlandwirtschaft und Tierhaltung im Alpenraum. Seit über 60 Jahren arbeitet das Institut praxisorientiert, mittlerweile in sieben Forschungsgruppen mit deutlichem Digitalisierungsschwerpunkt.
Ab Mitte März 2026 stellt Raumberg-Gumpenstein die SatGrass-App bundesweit kostenlos bereit. Die App nutzt Satellitenbilder und liefert Grünlandbetrieben tagesgenau Informationen zu Qualität und Ertrag jeder gemähten Wiesenparzelle direkt aufs Handy oder in den PC. Das Ziel: Futtermengen besser planen, Düngung bedarfsgerecht steuern und Flächen mit schwachem Aufwuchs rechtzeitig erkennen.
Parallel zur App-Veröffentlichung fand am 13. März 2026 in Raumberg-Gumpenstein die Fachkonferenz "Digitale Innovationen für Grünland und Tierhaltung - Satelliten, Sensoren, KI" statt. Kooperationspartner waren die Innovation Farm und mehrere europäische Forschungseinrichtungen. Die Konferenz gilt als Knotenpunkt des österreichischen Grünland-Smart-Farming-Netzwerks.
Die Innovation Farm als Demonstrationsnetzwerk
Die Innovation Farm ist das österreichische Pilotprojekt für angewandtes Smart Farming. Betrieben wird sie durch einen Verbund von Josephinum Research (Wieselburg), Raumberg-Gumpenstein und der FH Wiener Neustadt. Auf Demonstrationsflächen werden Technologien vom Hackroboter bis zur Sensordrohne im realen Einsatz getestet und Landwirten zugänglich gemacht.
Im Rahmen der Innovation Farm wurde 2024 das EU-Projekt agrifoodTEF gestartet - ein europäisches Testzentrum für KI-Anwendungen in der Landwirtschaft. Josephinum Research, Raumberg-Gumpenstein und FH Wiener Neustadt fungieren als österreichische Partner. Für steirische Betriebe bedeutet das: Neue Technologien werden nicht nur getestet, sondern laufend in die Beratungspraxis der Landwirtschaftskammer Steiermark übernommen.
Drohnen - von der Zwischenfruchtsaat bis zur Weinberg-Analyse
Im offenen Ackerbau hat sich die Drohnensaat etabliert. Eine Drohne schafft laut Landwirtschaftskammer rund einen Hektar in 15 Minuten, ein Traktor benötigt dafür etwa eine Stunde. Besonders für Zwischenfrüchte vor der Ernte der Hauptkultur ist das ein Zeitvorteil, weil die Saat auch auf stehende Bestände ausgebracht werden kann.
Im Weinbau - in der Steiermark vor allem in der Südsteiermark (Bezirk Leibnitz) und im Vulkanland wichtig - laufen bereits Precision-Viticulture-Anwendungen. Drohnen mit Multispektralkameras erfassen den Reifegrad einzelner Rebzeilen, zeigen Bewässerungsbedarf, erkennen Krankheitsherde frühzeitig und helfen bei der zielgenauen Pflanzenschutzmittelausbringung. Die Research Studios Austria haben in Kooperation mit dem Weingut Moravitz (Burgenland), dem AIT, Infineon Austria und dem Drohnendienstleister Skyability im Projekt Comp4Drones einen Demonstrator für Smart-Farming-Drohnen entwickelt, dessen Erkenntnisse auch steirischen Winzern zugutekommen.
Schädlingsmanagement und Forstwirtschaft
Ein weiterer Einsatzbereich ist das biologische Schädlingsmanagement. Seit einigen Jahren werden Trichogramma-Schlupfwespen per Drohne in steirische Maisfelder ausgebracht, um den Maiszünsler ohne Pestizide zu bekämpfen. Die Methode ist in der Oststeiermark, in Südoststeiermark und im Vulkanland verbreitet, wo der Maisanbau hohen Stellenwert hat.
Im Forstsektor - vor allem in der obersteirischen Fichtenwirtschaft - sind Drohnen längst Standardwerkzeug der Borkenkäferkontrolle. Thermografische Aufnahmen und KI-gestützte Bildanalyse erkennen befallene Bäume, noch bevor der Befall mit blossem Auge sichtbar ist. Die Landesforstdirektion Steiermark hat entsprechende Förderprogramme etabliert, nachdem 2018 bis 2022 in der Steiermark mehrere Millionen Festmeter durch Borkenkäferbefall angefallen sind.
| Technologie | Einsatzbereich | Beispiel in der Steiermark |
|---|---|---|
| Satellitendaten | Grünland-Ertragsprüfung | SatGrass-App aus Raumberg-Gumpenstein |
| Drohnensaat | Zwischenfrüchte, Untersaat | Ackerbau Oststeiermark, Südweststeiermark |
| Multispektral-Drohnen | Weinbau, Obstbau | Südsteiermark, Vulkanland |
| Autonome Roboter | Fütterung, Hackarbeit | Milchviehbetriebe obere Steiermark |
| Thermografie-Drohnen | Forstwirtschaft | Borkenkäferfrüherkennung |
| Trichogramma-Drohnen | Pflanzenschutz Mais | Süd- und Oststeiermark |
Die Milchwirtschaft als Vorreiterin
In der Milchwirtschaft sind digitale Werkzeuge fast Standard geworden. Automatische Melkroboter erfassen Milchleistung und Gesundheitsparameter jeder einzelnen Kuh, Fütterungsroboter dosieren Grundfutter und Kraftfutter individuell. Sensorhalsbänder erkennen Brunstverhalten und frühe Krankheitsanzeichen. Die Landwirtschaftskammer Steiermark hält fest, dass besonders viele Milchviehbetriebe in Liezen (Ennstal, Ausseerland) und der Obersteiermark solche Systeme einsetzen.
Der steirische Maschinenring hat gemeinsam mit der Landwirtschaftskammer die Beratung zu solchen Systemen verstärkt und gibt Hilfestellung bei Investitionsentscheidungen - denn die Anschaffungskosten liegen je nach Roboter und Betriebsgrösse zwischen 120.000 und 250.000 Euro.
Die Bundesförderung für die Digitalisierung landwirtschaftlicher Betriebe läuft unter dem Begriff "Innovations- und Investitionsprogramm" über die Agrarmarkt Austria. Förderhöhen liegen je nach Massnahme bei 20 bis 40 Prozent der Investitionssumme, für Junglandwirte höher. Die Landwirtschaftskammer Steiermark berät Betriebe zu Antragstellung und Projektplanung.
Weiterbildung - das Land Steiermark als Ausbildungsstandort
Für Aus- und Weiterbildung spielen zwei steirische Einrichtungen eine zentrale Rolle. Die Höhere Bundeslehr- und Forschungsanstalt Raumberg-Gumpenstein hat neben ihrer Forschungsarbeit einen grossen Schulbetrieb mit mehreren hundert Schülerinnen und Schülern. Das LFI Steiermark (Ländliches Fortbildungsinstitut) bietet regelmässig Kurse zu Agrardrohnen, Precision Farming und Digitaler Betriebsführung, die auch für den EU-Drohnen-Führerschein qualifizieren.
Die LFI-Drohnenkurse sind regelmässig ausgebucht. Das zeigt, dass die Nachfrage nach praktischer Digitalkompetenz in den landwirtschaftlichen Betrieben breit vorhanden ist - nicht nur in Grossbetrieben.
Grenzen und offene Fragen
Nicht alle Betriebsstrukturen profitieren gleichmässig. Die durchschnittliche steirische Betriebsgrösse liegt bei rund 20 Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche - das ist europäisch klein. Für viele Kleinbetriebe sind Roboter und Drohnen in Eigennutzung nicht wirtschaftlich. Der Maschinenring Steiermark und private Dienstleister übernehmen deshalb zunehmend Drohneneinsätze im Lohn - von der Saat bis zur Trichogramma-Ausbringung.
Auch der Datenschutz ist ein offener Punkt: Welche Daten einer Betriebsbuchhaltung an Herstellerserver fliessen und wer Eigentum an Ertragsdaten hat, ist in Europa uneinheitlich geregelt. Der EU-Data-Governance-Act und der Data Act setzen seit 2024 erste Rahmen, detaillierte Branchen-Standards für die Landwirtschaft stehen aber noch aus.
Digitale Agrartechnik ersetzt keine agronomische Fachkenntnis. Sensordaten und KI-Auswertungen sind Werkzeuge, keine Entscheidungen. Falsche Interpretation - etwa bei Bewässerungsempfehlungen - kann wirtschaftlich teuer werden. Die Beratung durch Landwirtschaftskammer oder LFI wird ausdrücklich empfohlen.
Quellen
- HBLFA Raumberg-Gumpenstein: Forschung und SatGrass-App
- Innovation Farm Österreich - Smart-Farming-Demonstrationsnetzwerk
- Landwirtschaftskammer Steiermark: Digitalisierung in der Landwirtschaft
- Research Studios Austria: Weingärten von oben - Precision Farming mit Drohnen
- LFI Steiermark: Kursangebot Agrardrohnen