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Samstag, 25. April 2026 Kontakt
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Wirtschaft Obersteiermark Ost - industrielles Herz im Umbau

Wirtschaft Obersteiermark Ost - industrielles Herz im Umbau

4.156 Kammermitglieder zählt die WKO-Regionalstelle Leoben Anfang 2026, davon 3.527 aktiv wirtschaftstreibende Betriebe. In den rund 1.185 gewerblichen Unternehmen des Bezirks arbeiten im Sommer 2025 knapp 18.000 Beschäftigte - ein Plus von über 200 Stellen gegenüber dem Vorjahr. Die Zahl ist bemerkenswert, weil sie inmitten der größten strukturellen Umwälzung seit der Verstaatlichten-Krise der 1980er-Jahre entsteht: In Donawitz baut die voestalpine einen der beiden klassischen Hochöfen zurück und ersetzt ihn durch einen Elektrolichtbogenofen.

Das Wichtigste in Kürze
  • Die Mur-Mürz-Furche verbindet die Bezirke Leoben und Bruck-Mürzzuschlag und gilt als industrielles Herz der Steiermark - mit voestalpine Donawitz, AT&S Leoben, Pankl Kapfenberg und MM Karton Frohnleiten als Ankerbetrieben
  • Die WKO Leoben meldet für 2026 rund 4.156 Kammermitglieder, 241 Neugründungen und eine Arbeitslosenquote von 6,4 Prozent - unter dem steirischen Schnitt von 7,9 Prozent
  • In Donawitz beschäftigt die voestalpine Stahl Donawitz GmbH rund 1.200 Menschen, produziert jährlich rund 1,5 Millionen Tonnen Stahl und ist der größte Schienenhersteller Europas
  • Die AT&S schafft 2025 rund 150 neue Stellen am Stammsitz Leoben und baut den Reinraumbereich für IC-Substrate von 760 auf 2.300 Quadratmeter aus
  • Rund 450 Millionen Euro investiert die voestalpine am Standort Donawitz in den Elektrolichtbogenofen - Betriebsstart ist 2027, bis zu 1.700 Arbeitsplätze werden dadurch in der Steiermark gesichert
  • Mit dem Semmering-Basistunnel (geplanter Fahrplanwechsel Dezember 2029) verkürzt sich die Fahrzeit zwischen Mürzzuschlag und Gloggnitz von 45 auf rund 15 Minuten

Geografie und Bezirksstruktur der Mur-Mürz-Furche

Die Mur-Mürz-Furche ist jene Tallandschaft, in der Mur und Mürz zwischen Bruck an der Mur und Leoben zusammentreffen. Sie umfasst die politischen Bezirke Leoben und Bruck-Mürzzuschlag und wird in der Regionalstatistik oft als Obersteiermark Ost geführt. Leitstädte sind Leoben, Bruck an der Mur, Kapfenberg und Mürzzuschlag.

Im Bezirk Leoben verteilen sich die Betriebsstandorte stark auf die Stadt Leoben (1.733 Betriebsstandorte), gefolgt von Trofaiach (796) und Eisenerz (305). Die Region kommt auf über 700 Lehrlinge in Ausbildung und mehr als 500 offene Stellen bei der WKO. Die Wirtschaftsstruktur ist industriegetrieben: Allein im Produktionssektor arbeiten über 6.000 Menschen.

Die WKO-Regionalstelle Leoben spricht bewusst von einer „breiten Betriebsstruktur", die in der schwachen Konjunktur des Jahres 2025 stabilisierend gewirkt hat. Während die gesamte Steiermark 2025 wirtschaftlich stagnierte, legte die Mitgliederzahl im Bezirk Leoben um 55 Betriebe zu - seit 2016 ein Plus von zwölf Prozent.

Die industriellen Ankerbetriebe

Unternehmen Standort Beschäftigte / Umsatz Kernprodukt
voestalpine Stahl Donawitz Leoben-Donawitz rund 1.200 Mitarbeitende Schienen, Walzdraht, Stahl
AT&S Leoben-Hinterberg ca. 13.000 weltweit, +150 in Leoben 2025 IC-Substrate, Leiterplatten
Pankl Racing Systems Kapfenberg über 1.800 weltweit Motor- und Antriebskomponenten
MM Frohnleiten Frohnleiten rund 570 Mitarbeitende Recyclingkarton (ca. 400.000 t/Jahr)
Montanuniversität Leoben Leoben über 3.400 Studierende (Stand 2025) Forschung Material, Rohstoffe, Kreislaufwirtschaft

voestalpine Donawitz - der Umbau des Hüttenwerks

Das Hüttenwerk Donawitz verarbeitet den Großteil seiner rund 1,5 Millionen Tonnen jährlicher Stahlproduktion zu Schienen und Walzdraht. Die Exportquote bei Schienen liegt bei 80 Prozent; Donawitz ist damit Europas größter Schienenhersteller. Im Walzdrahtwerk entstehen jährlich rund 550.000 Tonnen Walzdraht in Durchmessern zwischen 5 und 60 Millimetern.

Der zentrale strategische Einschnitt läuft unter dem Projektnamen greentec steel. 2023 erfolgte der Spatenstich für einen Elektrolichtbogenofen in Donawitz, der 2027 in Betrieb gehen soll und jährlich 850.000 Tonnen CO2-reduzierten Stahl produzieren wird. Einer der beiden klassischen Hochöfen wird dafür zurückgebaut. Das Investitionsvolumen am Standort liegt bei rund 450 Millionen Euro und ist Teil eines konzernweiten Programms von 1,5 Milliarden Euro. Laut einer Studie des Industriewissenschaftlichen Instituts sichert allein der Donawitz-Teil des Investments bis zu 1.700 Arbeitsplätze in der Steiermark.

Der zweite Hochofen wird laut aktueller Konzernplanung um 2030 durch einen weiteren Elektrolichtbogenofen ersetzt. Damit wird der Stahlstandort innerhalb eines Jahrzehnts vom klassisch integrierten Hüttenwerk zum weitgehend elektrifizierten Stahlwerk umgebaut.

AT&S - Leoben als Kompetenzzentrum für IC-Substrate

Mit dem Ausbau in Leoben-Hinterberg stärkt die AT&S AG einen zweiten Pfeiler der obersteirischen Hightech-Industrie. Im Juni 2025 eröffnete das Unternehmen dort Europas erstes IC-Substrat-Werk und verband es mit einem Forschungs- und Kompetenzzentrum. Im Oktober 2025 kündigte AT&S 150 zusätzliche Jobs am Standort Leoben an; der Reinraumbereich wird von 760 auf 2.300 Quadratmeter verdreifacht. Weltweit beschäftigt AT&S rund 13.000 Menschen, mit Produktionsstandorten in Leoben, Fehring, Shanghai, Chongqing, Kulim und Nanjangud.

Strategisch ergänzen sich voestalpine und AT&S stärker, als auf den ersten Blick sichtbar: Beide Unternehmen brauchen massive Mengen an CO2-armer Elektrizität - der Stahl für den Elektrolichtbogenofen, die Halbleiter für die Reinraum-Fertigung. Der Energieversorger Energie Steiermark hat angekündigt, rund 300 Millionen Euro in erneuerbare Erzeugung zu investieren, ein Großteil davon direkt in obersteirische Netzknoten.

Montanuniversität als Innovationsanker

Die Montanuniversität Leoben zählte im März 2025 rund 3.449 Studierende und beherbergt acht Christian-Doppler-Labore, in denen anwendungsorientierte Grundlagenforschung gemeinsam mit Industriepartnern stattfindet. Die Schwerpunkte - Rohstoffgewinnung, Werkstoffwissenschaft, Kreislaufwirtschaft, Hochtemperaturtechnik - decken sich eng mit den strategischen Fragen, die die Stahl-, Halbleiter- und Kartonindustrie der Region beschäftigen.

Mit den in den vergangenen Jahren eröffneten Forschungsgebäuden „House of Digitalization" und einem neuen Chemie-Zentrum verfügt die Universität über eine Infrastruktur, die auch für privatwirtschaftliche Partnerforschung attraktiv ist. Das ist für die Region kein Zufall: Die Universität war historisch Gründungskatalysator, etwa über die Ausgründung der voestalpine High Performance Metals Division und des heutigen Pankl-Konzerns.

Standortfaktor:
Die räumliche Dichte von Schwerindustrie, Präzisionstechnik und Hightech-Elektronik auf engem Raum ist in Europa selten. Zwischen Donawitz, Leoben-Hinterberg, Kapfenberg und Frohnleiten liegen weniger als 40 Kilometer. Unternehmensverbünde wie die AC Styria und die Green Tech Valley Cluster GmbH nutzen diese Nähe für gemeinsame Forschungs- und Ausbildungsprojekte.

Arbeitsmarkt und Lehrlingsausbildung

Im Bezirk Leoben lag die Arbeitslosenquote zuletzt bei 6,4 Prozent - deutlich unter dem steirischen Schnitt von 7,9 Prozent. Die WKO meldet über 700 Lehrlinge in Ausbildung und mehr als 500 offene Stellen. Der Bezirk Bruck-Mürzzuschlag bildet rund 1.276 Lehrlinge in 349 Betrieben aus. Die starke duale Ausbildung ist ein Erbe der klassischen Industrieregion: voestalpine, AT&S, Pankl und Böhler Edelstahl (Kapfenberg) stellen traditionell große Lehrstellenkontingente bereit.

Die Kehrseite zeigen die demografischen Zahlen: Bruck-Mürzzuschlag hatte 2023 nur noch 98.283 Einwohner. Die Bevölkerung schrumpft seit Jahrzehnten, weil die Abwanderung jüngerer, gut ausgebildeter Menschen in den Großraum Graz kaum gestoppt werden konnte. Das verschärft den Fachkräftemangel in einer Region, die industrielles Wachstum prinzipiell leisten könnte.

Strukturelles Risiko:
Die hohe Konzentration auf wenige Großbetriebe macht die Mur-Mürz-Furche abhängig von Entscheidungen globaler Konzernzentralen. Veränderungen bei der voestalpine, AT&S oder Magna wirken unmittelbar auf die regionale Arbeitsmarktlage. Die Diversifikation über KMU, Handwerk und Tourismus kommt zwar voran, ist aber gegenüber Oststeiermark oder Graz-Umgebung deutlich weniger ausgeprägt.

Infrastruktur - Südbahn, Semmering-Basistunnel, Ennstalbahn

Die Region ist seit der Mitte des 19. Jahrhunderts durch die Südbahn erschlossen und lebt vom Güter- und Personenverkehr zwischen Wien, Graz und Klagenfurt. Mit dem Semmering-Basistunnel rückt eine neue Generation dieser Verbindung in Sichtweite. Nach aktueller Projektleitung rechnet die ÖBB-Infrastruktur AG mit der Inbetriebnahme zum Fahrplanwechsel im Dezember 2029. Zwischen Mürzzuschlag und Gloggnitz verkürzt sich die Fahrzeit dann von 45 auf rund 15 Minuten. In der Bauphase arbeiten rund 1.200 Menschen auf den Baustellen, im Regelbetrieb werden etwa 11.000 Menschen im Tunnelsystem beschäftigt sein.

Parallel bindet die Koralmbahn die Obersteiermark mittelbar an den Süden an: Seit 14. Dezember 2025 sind Graz und Klagenfurt in 42 Minuten verbunden, die Güterverkehrsströme verteilen sich neu. Für die Logistikstandorte in Bruck an der Mur und Leoben ergibt sich durch die Kombination beider Projekte ein neuer Positionswert an der künftigen Hochleistungs-Südstrecke Wien-Villach.

Strukturwandel - wie weit gehen Elektrifizierung und Automatisierung?

Die obersteirische Industrie ist in mehreren parallelen Transformationen gefangen. Erstens energetisch: Der Wechsel vom Hochofen auf den Elektrolichtbogenofen senkt den CO2-Ausstoß drastisch, verändert aber die Qualifikationsprofile in der Belegschaft. Zweitens technologisch: Halbleiterfertigung und Präzisionsmechanik erfordern mehr Ingenieurinnen und Techniker - weniger Produktionsarbeiter. Drittens demografisch: Die Region verliert Arbeitskräfte an Graz und an Deutschland.

Positiv fällt auf, dass die Investitionszyklen der großen Ankerbetriebe derzeit synchron laufen. voestalpine, AT&S und die Knill-Mosdorfer-Gruppe investieren gleichzeitig in den steirischen Standort - das ist kein Zufall, sondern Folge einer Standortstrategie, die auf Energie, Forschung und Ausbildung in der Region setzt.

Ausblick: Die Mur-Mürz-Furche durchläuft den stärksten Umbau seit der Verstaatlichten-Krise. Zwei Großprojekte - der greentec-steel-Umbau in Donawitz und der Semmering-Basistunnel - werden ab 2027 bis 2029 die wirtschaftliche Identität der Region neu prägen. Ob die Obersteiermark Ost das industrielle Herz der Steiermark bleibt, entscheidet sich nicht an der Zahl der Hochöfen, sondern daran, ob ausreichend Fachkräfte in die Region zurückgewonnen werden können.

Quellen