Im steirischen Magna-Steyr-Werk laufen Sensoren an Industrierobotern rund um die Uhr - und deren Daten fliessen in KI-Modelle, die Maschinenausfälle vorhersagen, bevor sie passieren. Das Projekt SUSPICION ist nur eines von Dutzenden Beispielen, die zeigen, wie breit künstliche Intelligenz in der steirischen Wirtschaft inzwischen angekommen ist. Vom Automobilzulieferer über das Spital bis zur Pflanzenzucht - 2026 ist KI kein Experiment mehr, sondern Bestandteil laufender Prozesse.
- Magna Steyr arbeitet mit Fraunhofer Austria, Joanneum Research und craftworks an Predictive Maintenance für Roboteranlagen
- Joanneum Research übernahm im Februar 2025 die Mehrheit von Virtual Vehicle - neues K2-Programm "Digital Mobility" für softwaredefinierte Fahrzeuge
- Das Digital Health Lab von Joanneum Research und KAGes bringt KI-gestützte Entscheidungsunterstützung in steirische Spitäler
- Know Center an der TU Graz - rund 150 KI-Projekte pro Jahr, COMET-Modul DDAI mit 4 Mio. Euro Volumen
- Silicon Austria Labs in Graz - 350 Expertinnen und Experten, Forschung zu KI-Hardware und eingebetteten Systemen
- AVL nutzt Machine Learning für virtuelle Fahrzeugtests und automatisierte Kalibrierung von Antriebssystemen
Produktion - SUSPICION und die Wartung der Zukunft
Das wohl sichtbarste KI-Projekt im steirischen Automotive-Cluster heisst SUSPICION. Magna Steyr analysiert gemeinsam mit Fraunhofer Austria, Joanneum Research und dem Wiener Datenspezialisten craftworks Daten von Industrierobotern, um Zusammenhänge zwischen Maschinenparametern und Ausfällen zu erkennen. Das Ziel: Fehlfunktionen vorherzusehen, ungeplante Stillstände zu reduzieren und Wartungsintervalle zu optimieren. Die Fraunhofer-Austria-Ankündigung sprach bereits beim Start von signifikantem Optimierungspotenzial in der Roboterauslastung.
SUSPICION steht exemplarisch für einen branchenweiten Trend: Predictive Maintenance ist 2026 keine Zukunftstechnologie mehr, sondern integraler Bestandteil der Produktionsplanung. Magna Steyr fertigt in Graz rund 200.000 Fahrzeuge pro Jahr, die Prozesssicherheit in einer solchen Produktion hängt zunehmend an Datenströmen, nicht nur an Mechanik.
Mobilität - Joanneum Research übernimmt Virtual Vehicle
Im Februar 2025 vollzog Joanneum Research einen strategischen Schritt: Das Forschungsinstitut übernahm 50,1 Prozent der Anteile an der Virtual Vehicle Research GmbH, dem Grazer Spezialisten für Fahrzeugsimulation. Das 2002 gegründete Unternehmen beschäftigt rund 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und arbeitet seit Jahren an Methoden zur digitalen Erprobung von Fahrzeugen, bevor physische Prototypen gebaut werden.
Das aktuelle Forschungsprogramm trägt den Titel "K2 Digital Mobility". Im Zentrum stehen softwaredefinierte Fahrzeuge - also Autos, bei denen Funktionalität zunehmend über Software und weniger über Hardware gesteuert wird. KI wird dabei in zwei Bereichen zentral: bei der Fahrsimulation unter Unfall- und Extremszenarien und bei der automatisierten Validierung sicherheitskritischer Softwareblöcke.
AVL List ergänzt diese Landschaft durch eigene Forschung. Das Grazer Unternehmen nutzt Machine Learning zur automatisierten Kalibrierung von Antriebs- und Emissionsprüfständen - ein Aufgabenfeld, das klassisch tage- bis wochenlang dauerte und nun in Stunden erledigt werden kann. Die AVL-Tochter AVL DiTEST entwickelt zudem KI-gestützte Werkstattdiagnose-Tools, die Fehlerdiagnosen aus Fahrzeugdaten generieren.
Gesundheit - Digital Health Lab am LKH Graz
Die Steiermärkische Krankenanstaltengesellschaft KAGes und Joanneum Research betreiben seit 2024 das Digital Health Lab, ein virtuelles Labor für KI-Anwendungen im Gesundheitswesen. Im Fokus stehen drei Bereiche: digitale Behandlungspfade, Entscheidungsunterstützung für Ärzte und Pflegepersonal sowie die interprofessionelle Kommunikation in Spitälern.
Konkrete Projekte umfassen Risikovorhersage vor Operationen, automatisierte Auswertung von Monitoring-Daten auf Intensivstationen und die Unterstützung bei der Personalplanung. Das LKH-Univ. Klinikum Graz fungiert als Hauptstandort für die Evaluation der Lösungen. Die Kooperationsankündigung nennt als Ziel, die Steiermark zu einer Vorreiterregion für digitale Medizin zu machen.
Das Know Center - Daten-Dienstleister für über 150 Projekte pro Jahr
Ein weiterer wichtiger KI-Akteur ist das Know Center Research GmbH in Graz, das seit 2001 als COMET-K1-Zentrum für vertrauenswürdige KI und Data Science arbeitet. Unter der Leitung von Stefanie Lindstaedt - der ersten Frau an der Spitze eines österreichischen COMET-Zentrums - bearbeitet das Know Center rund 150 Projekte pro Jahr mit Unternehmenspartnern aus Energie, Medizin, Pharma, Automatisierung und Logistik.
Das COMET-Modul DDAI (Data Driven Artificial Intelligence) läuft mit einem Volumen von rund vier Millionen Euro und konzentriert sich auf überprüfbare und transparente KI-Systeme - ein Thema, das mit dem EU AI Act ab 2026 zusätzliche Bedeutung erhält. Die positive COMET-Evaluierung sicherte dem Know Center weitere acht Jahre Förderung. Stefanie Lindstaedt leitet zugleich das Institut für Interaktive Systeme und Data Science (ISDS) an der TU Graz, womit die Brücke zwischen Grundlagenforschung und Industrieprojekten personell besetzt ist.
| Institution | Schwerpunkt | Typische Anwendung |
|---|---|---|
| Know Center (TU Graz) | Vertrauenswürdige KI, Data Science | Prozessoptimierung, Prediction |
| Joanneum Research DIGITAL | Computer Vision, Sprachverarbeitung | Industrie, Gesundheit, Sicherheit |
| Silicon Austria Labs (SAL) | KI-Hardware, Embedded Systems | Sensor-Chips, IoT, Autonomes Fahren |
| Virtual Vehicle Research | Fahrzeugsimulation | Autonomes Fahren, Validierung |
| AVL List | Antriebstechnik, Testing | Predictive Maintenance, Kalibrierung |
| Fraunhofer Austria (Graz) | Angewandte KI in Produktion | Roboterdatenanalyse |
Silicon Austria Labs - KI auf der Chip-Ebene
Mit dem Silicon Austria Labs (SAL) hat Graz seit 2018 auch ein eigenes Kompetenzzentrum für elektronikbasierte Systeme. Rund 350 Expertinnen und Experten aus über 40 Nationen arbeiten an Microsystems, Sensor Systems, Intelligent Wireless Systems, Power Electronics und Embedded Systems. Für KI besonders relevant ist der Bereich Embedded Systems, in dem Deep-Learning-Modelle für Hardware mit wenig Speicher und geringem Energieverbrauch entwickelt werden - etwa für Sensorik in Fahrzeugen, Industrieanlagen oder medizinischen Wearables.
Ein herausragendes Projekt ist NEUROKIT2E, das eine europäische Deep-Learning-Plattform für eingebettete Hardware entwickelt. 2025 gelang SAL zudem ein Durchbruch in der photonischen Integration: Die eigene Produktion von 8-Zoll-Wafern aus Lithium-Niobat-Dünnfilm soll die Basis für schnellere optische Datenübertragung werden.
Industrielle Breite - nicht nur Konzerne
Nicht alle KI-Anwendungen sitzen bei Grossunternehmen. Kleinere Firmen in der Steiermark nutzen KI inzwischen routinemässig: Zellstoff Pöls, die Mayr-Melnhof Karton AG und Sappi betreiben Bildverarbeitungssysteme zur Qualitätskontrolle an Papiermaschinen. Niceshops in Paldau setzt KI zur automatischen Produktklassifikation und für personalisierte Empfehlungen im E-Commerce ein. Und Weber Hydraulik in Losenstein - ein Ausseerland-Betrieb im Bezirk Liezen - nutzt KI-gestützte Zerspanungsüberwachung.
KMU mit KI-Projekten sollten die Innovationsscheck-Förderung der FFG prüfen. Mit 12.500 Euro lassen sich erste Machbarkeitsstudien mit Know Center oder Joanneum Research kostendeckend durchführen. Die SFG ergänzt mit Landesförderungen bei komplexeren Vorhaben.
Grenzen - was KI in der Steiermark (noch) nicht kann
Trotz der sichtbaren Breite bleibt die österreichische Szene in zwei Bereichen hinter der internationalen Spitze zurück. Erstens: Grosse Sprachmodelle werden in Österreich kaum eigenständig entwickelt - dafür fehlen die Rechenressourcen. Zweitens: Die Integration von KI in Standardprozesse ist in vielen KMU erst am Anfang, hier wirkt der Fachkräftemangel bremsend. Das AMS Steiermark meldete 2025 rund 1.100 offene IT-Fachkraftstellen im Raum Graz, ein Teil davon entfällt auf Data Scientists und ML Engineers.
Der EU AI Act, der seit August 2024 schrittweise in Kraft tritt, wird zudem Compliance-Aufwand in Unternehmen verschieben. Für Hochrisiko-KI-Systeme - etwa in Medizin, Personalwesen oder Infrastruktur - gelten ab 2026 dokumentationspflichtige Risikobewertungen und Transparenzregeln.
Dieser Überblick ersetzt keine Compliance-Beratung. Unternehmen mit KI-Einsatz in regulierten Bereichen (Medizin, HR, Finanz, kritische Infrastruktur) sollten frühzeitig fachkundige Beratung zum EU AI Act und seiner Umsetzung in Österreich einholen.
Die nächsten Schritte der Region
Für 2026 und die Folgejahre zeichnen sich drei Schwerpunkte ab: die Weiterentwicklung der KI-Zentren (Know Center, Silicon Austria Labs), die Skalierung industrieller Pilotprojekte (Magna Steyr, voestalpine, AVL) und die Regulierungsanpassung im Gesundheitsbereich. Die steirische Wirtschaftsförderung SFG hat KI zu einem der drei Leitthemen ihres aktuellen Förderprogramms gemacht.
Quellen
- Industriemagazin: So will Magna Steyr Maschinenausfälle vorhersagen - Projekt SUSPICION
- Steiermark.biz: Virtual Vehicle Graz und die Mehrheitsübernahme durch Joanneum Research
- Know Center Research GmbH: Profil Stefanie Lindstaedt und DDAI-Modul
- Silicon Austria Labs (SAL) - Forschungszentrum für elektronikbasierte Systeme, Graz
- Joanneum Research: Digital Health Lab mit KAGes - Ankündigung