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Samstag, 25. April 2026 Kontakt
Innovation

Joanneum Research - Österreichs zweitgrößte außeruniversitäre Forschung in Graz

Joanneum Research - Österreichs zweitgrößte außeruniversitäre Forschung in Graz

500 Beschäftigte aus mehr als 25 Nationen, rund 77 Millionen US-Dollar Jahresumsatz, 50 aktive Patentfamilien und sieben Forschungsinstitute: Joanneum Research ist nach dem AIT Austrian Institute of Technology die zweitgrößte außeruniversitäre Forschungseinrichtung Österreichs. Die Eigentümerstruktur - Steiermark, Kärnten und Burgenland - macht das 1986 gegründete Institut zum wichtigsten Forschungsarm der Länder im Süden Österreichs.

Das Wichtigste in Kürze
  • Joanneum Research beschäftigt mehr als 500 Mitarbeitende aus über 25 Nationen, davon rund 430 am Hauptstandort Graz
  • Jahresumsatz laut öffentlichen Angaben rund 77,6 Millionen US-Dollar (entspricht ca. 70 Mio. Euro, Stand 2025)
  • Sieben Institute: DIGITAL, MATERIALS, HEALTH, LIFE, POLICIES, COREMED und ROBOTICS
  • 50 aktive Patentfamilien, 370 Erfinderinnen und Erfinder im Haus
  • Eigentümer: Länder Steiermark (73,9 %), Kärnten (15 %) und Burgenland (11 %), unterstützt vom Bund
  • 2025 Übernahme der Mehrheit an Virtual Vehicle Research GmbH - bedeutender Schritt im Bereich Fahrzeugsimulation

Gründung und Eigentümerstruktur

Joanneum Research wurde 1986 als Tochtergesellschaft des Landes Steiermark gegründet. Benannt ist das Institut nach Erzherzog Johann von Österreich, der 1811 das Joanneum als steirisches Universalmuseum initiierte. Heute hält die Steiermark 73,9 Prozent der Anteile, Kärnten 15 Prozent und Burgenland 11 Prozent. Die Rechtsform ist eine gemeinnützige Forschungsgesellschaft mit beschränkter Haftung, geführt wird das Haus von einer mehrköpfigen Geschäftsführung mit Heinz Mayer als wissenschaftlichem Direktor.

Finanziert wird Joanneum Research aus drei Töpfen: Basiszuschüsse der Länder, kompetitive öffentliche Forschungsmittel (FFG, FWF, EU-Programme) und Auftragsforschung für Unternehmen. Der Anteil der Auftragsforschung liegt laut Geschäftsbericht 2023 bei über 50 Prozent - ungewöhnlich hoch für eine staatlich getragene Einrichtung. Damit steht Joanneum Research deutlich näher am Markt als viele universitäre Institute.

Die sieben Institute

Die Forschungsarbeit ist auf sieben fachlich spezialisierte Institute aufgeteilt. Die grössten Einheiten sind DIGITAL und MATERIALS mit jeweils deutlich über 100 Mitarbeitenden, gefolgt von HEALTH, LIFE und POLICIES. ROBOTICS und COREMED sind kleiner, aber hochspezialisiert.

InstitutSchwerpunktStandort
DIGITALDigitale Technologien, KI, Bildverarbeitung, CybersecurityGraz
MATERIALSSensorik, Photonik, ProduktionstechnologieWeiz
ROBOTICSRobotik und flexible ProduktionKlagenfurt / Graz
HEALTHBiomedizinische Forschung, MedikamentenentwicklungGraz
LIFEKlima, Energie, GesellschaftGraz
POLICIESWirtschafts- und SozialforschungWien / Graz
COREMEDRegenerative und Präzisionsmedizin (mit Medizinischer Uni Graz)Graz

MATERIALS in Weiz ist besonders sichtbar im Bereich Sensorfolien und photonischer Systeme. Das Institut arbeitet eng mit Infineon und AT&S zusammen und hat mehrere Patentfamilien im Bereich bio-basierter Prägelacke entwickelt.

Patente - die harte Währung der angewandten Forschung

Joanneum Research betreibt 50 aktive Patentfamilien, gepflegt von 370 Erfinderinnen und Erfindern. Der Patentschutz erstreckt sich auf Europa, Nordamerika, Japan, Südkorea und zunehmend Indien. Besonders erfolgreich ist die AKUT-Technologie - ein KI-gestütztes Mikrofon-System zur Tunnelüberwachung, das Pannen und Verkehrsereignisse früh erkennt. AKUT gilt intern als "erfolgreichste Erfindung" des Hauses.

Drei Patentfamilien sichern die Open-Flow-Microperfusion (OFM), ein medizintechnisches Verfahren zur direkten Messung von Wirkstoffen im lebenden Gewebe. Die Methode wird weltweit in der klinischen Forschung eingesetzt. Weitere Schwerpunkte betreffen bio-basierte Verpackungslacke (MATERIALS), LED-basierte Fahrzeugerkennung und - besonders aktuell - die OptoQuant-Erfindung, die Mikrooptik mit Quantentechnologie zu skalierbaren Quantenprozessor-Plattformen verbindet.

Virtual Vehicle - die strategische Übernahme 2025

Im Februar 2025 übernahm Joanneum Research 50,1 Prozent der Anteile an der Virtual Vehicle Research GmbH. Das 2002 gegründete COMET-K2-Zentrum in Graz gilt als europäischer Spezialist für Fahrzeugsimulation und beschäftigt rund 300 Personen. Mit der Mehrheitsübernahme wächst die Joanneum-Research-Gruppe auf über 800 Mitarbeitende.

Strategisch bedeutet der Schritt eine klare Positionierung im Bereich softwaredefinierter Fahrzeuge. Das aktuelle Forschungsprogramm "K2 Digital Mobility" fokussiert auf KI-gestützte Validierung von Fahrzeugsoftware, Simulation autonomer Fahrmanöver und Entwicklung digitaler Zwillinge für Antriebsstränge. Die Transaktion wurde als eine der bedeutendsten Neuordnungen der österreichischen Forschungslandschaft 2025 kommentiert.

Digital Health Lab und internationale Projekte

Ein weiterer Meilenstein 2024 war der Start des Digital Health Lab gemeinsam mit der Steiermärkischen Krankenanstaltengesellschaft KAGes. Das virtuelle Labor soll digitale Behandlungspfade, KI-gestützte Entscheidungsunterstützung und die Kommunikation zwischen Ärzten, Pflege und Therapie in steirischen Spitälern verbessern. Der Lead liegt bei Joanneum Research DIGITAL, das auch die OFM-Technologie aus HEALTH weiterentwickelt.

Auf europäischer Ebene ist Joanneum Research an über 200 Horizon-Europe-Projekten beteiligt. Schwerpunkte liegen in den Bereichen Erdbeobachtung (Remote Sensing Teams unter den stärksten Europas), Wasserstoffforschung - über das Institut LIFE und in Kooperation mit HyCentA - und präzisionsmedizinischen Therapieansätzen bei Wundheilung und Diabetes.

Gut zu wissen:
Der Unterschied zu universitärer Forschung ist entscheidend: Joanneum Research arbeitet zu über 50 Prozent in Auftragsforschung, also in Projekten mit konkreten Industriekunden. Die Ergebnisse landen in Patenten, Produkten und Prozessen - nicht nur in Publikationen.

Standorte - sechs Städte, ein Haus

Auch wenn 430 der rund 500 Mitarbeitenden in Graz sitzen, ist Joanneum Research räumlich über sechs Standorte verteilt: Graz (Hauptsitz), Hartberg (Institut LIFE), Leoben (Materials-Nebenstelle), Niklasdorf (Polymer Competence Center), Weiz (Sensorik und Photonik), Klagenfurt (ROBOTICS) und Wien (POLICIES und COREMED-Außenstelle). Die geografische Verteilung folgt den Eigentümerländern und zentralen Partnereinrichtungen - etwa der Montanuniversität Leoben im Materials-Bereich.

Für Partnerunternehmen bedeutet die Dezentralisierung kurze Wege: Ein Sensorikhersteller in der Oststeiermark findet seinen Ansprechpartner in Weiz, ein Klimabetrieb in der Obersteiermark in Hartberg. Die zentrale Projektsteuerung läuft weiter über Graz.

Wirtschaftliche Einordnung

Mit rund 77,6 Millionen US-Dollar Umsatz liegt Joanneum Research in der Liga der mittelgrossen steirischen Industrieunternehmen - hinter Konzernen wie Andritz, AVL oder Magna Steyr, aber klar vor vielen spezialisierten Technologieanbietern. Der wirtschaftliche Hebel liegt jedoch nicht im eigenen Umsatz, sondern in den Technologie-Transfers: Joanneum Research schätzt, dass pro Jahr Projekte mit einem vielfachen Volumen bei Kundenunternehmen angestoßen werden.

Der Fachkräftemarkt ist für ein Forschungsinstitut dieser Größe eine Dauerherausforderung. Joanneum Research konkurriert um Naturwissenschaftler und Ingenieure mit TU Graz, AVL, Infineon und Silicon Austria Labs. Die Karriereseite listet laufend zwischen 30 und 60 offene Stellen, vor allem in den Bereichen Data Science, Materialchemie, Sensorik und Biostatistik.

Auszeichnungen und Reputation

2024 erhielt das Haus den Styrian Innovation Award für eine nachhaltige Beschichtungstechnologie aus MATERIALS. International ist Joanneum Research in der European Association of Research and Technology Organisations (EARTO) vertreten - dem Zusammenschluss der grössten angewandten Forschungseinrichtungen Europas. Damit steht das Haus formal in einer Reihe mit der Fraunhofer-Gesellschaft (Deutschland), TNO (Niederlande) und VTT (Finnland).

Ausblick: Mit der Virtual-Vehicle-Übernahme und dem Digital Health Lab hat Joanneum Research 2024 und 2025 zwei strategische Weichenstellungen vollzogen. Die kommenden Jahre entscheiden, ob aus dem klassischen Landesinstitut eine im europäischen Vergleich eigenständig schlagkräftige Forschungsorganisation wird. Die Größenordnung - 800 Mitarbeitende nach der Fusion - wäre dafür die Voraussetzung.

Quellen