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Donnerstag, 23. April 2026 Kontakt
Innovation

Batterieforschung in der Steiermark - AVL, TU Graz und das COMET-Zentrum Battery4Life

Batterieforschung in der Steiermark - AVL, TU Graz und das COMET-Zentrum Battery4Life

Rund 24 Millionen Euro öffentliche Mittel, mehr als neun Millionen Euro zusätzliche Industriebeiträge und drei spezialisierte Forschungszentren in Graz und Umgebung: Die Steiermark ist zum wichtigsten Batterieforschungsstandort Österreichs geworden. Im Zentrum stehen drei Einrichtungen - das AVL Battery Innovation Center, das Battery Safety Center Graz von TU Graz und AVL sowie das 2024 bewilligte COMET-K1-Zentrum Battery4Life.

Das Wichtigste in Kürze
  • AVL Battery Innovation Center in Graz - 1.600 Quadratmeter, seit September 2021 in Betrieb, rund 110 neue Stellen
  • Battery Safety Center Graz (BSCG) von TU Graz und AVL - 2020 eröffnet, Gesamtinvestition knapp 9 Mio. Euro
  • COMET-K1-Zentrum Battery4Life - 2024 bewilligt, rund 18,7 Mio. Euro öffentliche Förderung über vier Jahre
  • Samsung SDI Battery Systems in Premstätten - seit 2022 Entwicklungs- und Testzentrum in Kalsdorf bei Graz
  • Institut für Chemie und Technologie von Materialien (ICTM) an der TU Graz betreibt einen der Forschungsschwerpunkte zu Festkörperbatterien
  • Industriepartner sind AVL List, AVL DiTEST, Infineon, Fronius, Magna Steyr, Audi, BMW und Porsche

AVL Battery Innovation Center - die industrielle Antwort auf die E-Mobilität

Am 23. September 2021 eröffnete AVL List am Hauptsitz in Graz das Battery Innovation Center. Die 1.600 Quadratmeter grosse Anlage bildet im Pilotmassstab die gesamte Batteriefertigungskette ab: Stapeln, Laserschweissen, Modulmontage, Klebung, elektrischer Zusammenbau und Pack-Assembly. Industrieroboter arbeiten dabei in Taktzeiten, die einer Grossserienfertigung von 10.000 Stück pro Jahr entsprechen. Ziel ist, Produktentwicklung und Fertigungsplanung unter einem Dach zu verknüpfen.

AVL-Geschäftsführer Helmut List rechnete bei der Eröffnung mit rund 110 zusätzlichen Arbeitsplätzen. Der lokale Umsatz in der Batterieentwicklung sollte laut Unternehmensangabe binnen drei Jahren um 60 Prozent steigen. Das Innovation Center ist eng mit den AVL-Prüfständen für Fahrzeugbatterien verzahnt - die Kombination aus Entwicklung, Zellmusterbau und Test in einem Gebäude gilt als Besonderheit im europäischen Vergleich.

Die AVL-Pressemeldung zur Eröffnung beschreibt die Anlage als Reaktion auf die erwartete Verdopplung der globalen Batteriezellenproduktion bis Mitte des Jahrzehnts.

Battery Safety Center Graz - Sicherheit als eigenes Forschungsfeld

Bereits 2020 eröffneten TU Graz und AVL am Campus Inffeldgasse das Battery Safety Center Graz (BSCG). Die Einrichtung ist Teil des Instituts für Fahrzeugsicherheit der TU Graz. Beide Partner investierten gemeinsam rund neun Millionen Euro, fünf Millionen davon flossen in Gebäude und Grundinfrastruktur. Das BSCG forscht zu drei Kernfragen: Wie altert eine Batterie unter realen Lastprofilen? Wie verhält sie sich im Unfall? Und wie lassen sich Zellen, Module und Packs gezielt auf Sicherheitsrisiken hin charakterisieren?

Aus dem BSCG-Umfeld stammt auch das SafeBattery-Projekt, in dem unter anderem mechanische Belastungen, Thermal Runaway und Schnellladezyklen untersucht wurden. Die Arbeiten flossen in Publikationen der TU Graz und in AVL-Produkte ein.

Battery4Life - das neue COMET-Zentrum

Im Juli 2024 bewilligte die Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft FFG ein neues COMET-K1-Zentrum unter der Leitung der TU Graz. Das Projekt heisst Battery4Life und ist auf vier Jahre angelegt. Die Förderstruktur summiert sich auf beachtliche Beträge:

QuelleBeitragAnmerkung
FFG (Bund)ca. 6,5 Mio. EuroCOMET-Kernförderung
Land Steiermark2,6 Mio. EuroStandort-Kofinanzierung
Land Oberösterreich0,6 Mio. EuroBeteiligte Partnerinstitute
Industriepartnerca. 9 Mio. Euroüber vier Jahre
Summeca. 18,7 Mio. Euroöffentlich plus privat

Inhaltlich widmet sich Battery4Life zwei grossen Themen: Batteriesicherheit über den gesamten Lebenszyklus und Second-Life-Anwendungen. Gerade der zweite Punkt ist wirtschaftlich relevant - ausgemusterte Fahrzeugakkus könnten künftig als stationäre Speicher noch Jahre Energie liefern, wenn dafür belastbare Prüfmethoden vorliegen. Zu den Industriepartnern zählen laut TU Graz AVL List, AVL DiTEST, Infineon, Fronius, Magna Steyr, Audi, BMW und Porsche.

Gut zu wissen:
Die COMET-Zentren sind das wichtigste österreichische Förderinstrument für anwendungsorientierte Forschung. K1-Zentren wie Battery4Life laufen typischerweise vier Jahre mit Verlängerungsoption und binden verpflichtend mindestens fünf wissenschaftliche und fünf industrielle Partner.

Samsung SDI Battery Systems - der koreanische Ankerpartner

Neben den Forschungszentren sitzt in Premstätten bei Graz einer der grössten Batteriepartner der europäischen Autoindustrie. Die Samsung SDI Battery Systems GmbH gehört seit 2015 vollständig zum südkoreanischen Samsung-SDI-Konzern und entwickelt Batteriesysteme auf Lithium-Ionen-Basis für Daimler, Audi, Porsche und Jaguar. 2022 bezog das Unternehmen ein neues Entwicklungs-, Industrialisierungs- und Testzentrum in Kalsdorf bei Graz.

Wichtig zur Einordnung: Die eigentliche Zellfertigung des Konzerns findet nicht in der Steiermark statt, sondern in Göd in Ungarn. Der steirische Standort konzentriert sich auf Modul- und Pack-Entwicklung, Prototypenbau und Test. Damit ergänzt Samsung SDI die Forschungsinfrastruktur um industrielle Reifung, ohne in direkte Konkurrenz zu AVL zu treten.

Das ICTM an der TU Graz - Grundlagenarbeit für Festkörperbatterien

Ergänzt wird die industrielle Szene durch Grundlagenforschung. Das Institut für Chemie und Technologie von Materialien (ICTM) an der TU Graz zählt zu den grössten Instituten der Universität und ist Teil der Fakultät für Technische Chemie. Einer der beiden Forschungsschwerpunkte, der Bereich Festkörper-Physikalische Chemie und Elektrochemie, arbeitet an Ionentransport in nano- und amorphen Festkörpern - also an den materialwissenschaftlichen Grundlagen für Festkörperbatterien.

Stefan Koller, heute Gründer und Geschäftsführer von Varta Innovation in Graz, war lange am ICTM aktiv. Varta Innovation wiederum gilt als eines der weiteren industriellen Standbeine der steirischen Batterieszene.

Warum sich die Dichte auszahlt

Die Steiermark bietet derzeit die seltene Konstellation, alle vier Wertschöpfungsstufen der Batterieforschung an einem Ort zu versammeln: Materialforschung (ICTM), Zell- und Moduldesign (AVL, Samsung SDI), Sicherheits- und Lebensdauertests (BSCG, Battery4Life) sowie Second-Life-Entwicklung (Battery4Life). Diese Dichte zieht internationale Partner an - Audi, BMW, Porsche und Daimler sind entweder als Industriepartner oder als Kunden laufender Projekte eingebunden.

Gleichzeitig bleibt eine strukturelle Lücke: Es gibt in der Steiermark keine eigene Gigafactory zur Zellfertigung. Der einzige Zellhersteller in Österreich ist Varta Micro Innovation in Graz - allerdings auf kleine Spezialzellen spezialisiert, nicht auf Automotive-Grossserien. Der dafür notwendige Skill-Transfer aus Kalsdorf oder Göd wäre eine langfristige strategische Frage.

Wichtige Einschränkung:
Die steirische Batterieforschung deckt Entwicklung, Test und Sicherheit sehr gut ab. Zellfertigung im Gigawattstunden-Massstab findet jedoch weiter in Asien, Ungarn und Deutschland statt. Wer die gesamte Wertschöpfungskette in Österreich sucht, findet sie derzeit nicht.

Ausgründungen und Spin-offs

Aus dem Umfeld des BSCG und des ICTM sind in den vergangenen Jahren mehrere Unternehmen entstanden. Zu den bekanntesten gehört das bereits erwähnte Varta Innovation-Team in Graz. Auch die Arbeiten rund um die Grazer Firma Voltlabor und mehrere Hochschul-Spin-offs im Bereich der Zelldiagnostik haben ihre Wurzeln in den TU-Graz-Instituten.

Die Joanneum Research unterstützt diese Szene mit ihrem Institut MATERIALS, das an Sensorik und Beschichtungstechnologien für Zellgehäuse arbeitet, sowie mit den Battery Innovation Days, die seit 2023 jährlich in Graz stattfinden.

Ausblick: Bis 2028 werden die Ergebnisse von Battery4Life sichtbar - dann entscheidet sich, ob die Steiermark ihre Rolle als Entwicklungs- und Sicherheits-Hub Europas ausbauen kann. Die Ansiedlungsentscheidungen grosser Zellhersteller sind davon weitgehend entkoppelt, doch das lokale Cluster aus AVL, TU Graz und Industriepartnern schafft bis dahin einen belastbaren Standortvorteil.

Quellen