2,03 Milliarden Euro Umsatz 2024, nach 2,05 Milliarden Euro im Vorjahr - bei AVL List in Graz steht zum ersten Mal seit Jahrzehnten ein Schrumpfen in der Bilanz. Weltweit sind rund 12.200 Mitarbeiter bei dem Antriebsentwickler beschäftigt, davon lange Zeit über 4.300 am Headquarter Graz. Bis Mitte 2026 soll die Grazer Mannschaft unter 3.000 Köpfe fallen. Kein anderer steirischer Leitbetrieb steht so sichtbar für den automotiven Umbruch wie AVL - Europas größter unabhängiger Antriebsentwickler in der schärfsten Restrukturierung seiner Firmengeschichte.
- Umsatz 2024: 2,03 Milliarden Euro (Vorjahr 2,05 Mrd. Euro) - erstmals leichter Rückgang
- Weltweit rund 12.200 Beschäftigte, historisch ca. 4.300 am Standort Graz
- Drei Kündigungswellen binnen zwölf Monaten: 350 im Sommer 2025, 100 im November 2025, 350 bis Mitte 2026
- Grazer Mitarbeiterzahl sinkt bis Mitte 2026 unter 3.000 - rund 30 Prozent weniger als 2019
- Geschäftsfelder: Verbrenner, Hybrid, Elektro, Brennstoffzelle, Software, Simulation, Prüfstände
- Expansion in neue Branchen: Bahn, Schifffahrt, Luftfahrt, Verteidigung, stationäre Energie
- Investitionsplan: 700 Millionen Euro bis 2026 trotz Restrukturierung
Was AVL macht - und warum es unabhängig ist
AVL List entwickelt Antriebe. Das schließt heute alles ein: Verbrennungsmotoren, Hybridsysteme, Elektroantriebe, Batterien, Brennstoffzellen, die dazugehörige Software und die Prüfstände, auf denen neue Systeme getestet werden. Was AVL einzigartig macht, ist die Unabhängigkeit: Anders als Bosch oder Continental gehört AVL keinem Automobilhersteller und hat keine eigene Großserienfertigung. Das Unternehmen entwickelt im Auftrag - für praktisch alle großen Autohersteller Europas, Asiens und Nordamerikas.
Gegründet wurde das Unternehmen 1948 von Hans List in Graz. Der Name setzt sich zusammen aus den Initialen des Firmengründers (Anstalt für Verbrennungskraftmaschinen List). Über 70 Jahre lang lief AVL als Familienbetrieb, geführt zunächst von Hans List, dann von seinem Sohn Helmut List - seit 1979 an der Spitze. Helmut List zählt zu den prägenden Industriellen der Zweiten Republik und wurde mehrfach als Manager des Jahres ausgezeichnet. Ein eigenes Menschen-Porträt beleuchtet die Person.
Die Restrukturierung 2024-2026
Seit 2024 arbeitet AVL sich durch die tiefste Restrukturierung der Firmengeschichte. Ausgangspunkt ist der Umbruch in der europäischen Automobilindustrie: Deutsche Hersteller reduzieren Entwicklungsbudgets, Verbrennungsmotor-Projekte laufen aus, gleichzeitig verzögern sich Elektrifizierungs-Programme. Für einen Entwicklungsdienstleister bedeutet das Auftragsvolatilität - aufgefangen werden muss sie letztlich durch Personalabbau.
Die Chronologie des Stellenabbaus in Graz:
| Zeitpunkt | Maßnahme | Betroffene |
|---|---|---|
| März 2024 | Kündigungen und natürliche Fluktuation | rund 200 Stellen |
| Sommer 2025 | Erste große Abbauwelle | rund 350 Stellen |
| November 2025 | Zusätzliche Streichungen | rund 100 Stellen |
| Jänner 2026 bis Mitte 2026 | Dritte Welle | rund 350 Stellen |
Am 28. Jänner 2026 kündigte AVL die bislang jüngste Stufe an. Konzernsprecher Markus Tomaschitz nannte als Grund: "Die wirtschaftliche Entwicklung der vergangenen Wochen und Monate hat sich nicht verbessert." Die Standortmannschaft in Graz soll bis Mitte 2026 unter 3.000 Personen fallen - ein Rückgang von rund 30 Prozent gegenüber dem Vor-Covid-Niveau 2019. Ein Sozialplan mit Outplacement-Maßnahmen begleitet die Kündigungen.
Der Abbau trifft vor allem Bereiche, die direkt mit dem Verbrennungsmotor zusammenhängen - Entwicklung, Simulation, Testing für klassische Antriebe. Parallel stellt AVL im Bereich Software, Elektrifizierung und Brennstoffzelle weiterhin ein. Netto schrumpft der Standort Graz deutlich, qualitativ verschiebt sich die Belegschaft in Richtung Software- und Systementwicklung.
Die neue Strategie - Diversifizierung weg vom Auto
Gleichzeitig investiert AVL 700 Millionen Euro bis 2026 in Transformationsfelder. Das Investitionsprogramm zielt auf fünf Schwerpunkte: Elektromobilität, Wasserstofftechnologie, autonomes Fahren, Softwareentwicklung und nachhaltige Energieanwendungen. Eine parallele strategische Linie ist die Verbreiterung über die Automobilindustrie hinaus: AVL entwickelt verstärkt für Bahn- und Schifffahrtsantriebe, für den Luftfahrtsektor, die stationäre Energie (Wasserstoff-Brennstoffzellen als Notstromaggregate) und die Verteidigungsindustrie.
Seit Ende 2025 arbeitet das Unternehmen mit externen Restrukturierungsberatern zusammen - ein ungewöhnlicher Schritt für die bisher sehr eigenständig geführte AVL. Die konkreten Empfehlungen werden von der Konzernleitung Schritt für Schritt umgesetzt.
Das Geschäftsmodell - warum Prüfstände und Software so wichtig sind
AVL verdient nicht nur an der Entwicklung selbst, sondern auch am Verkauf der Prüfstände, auf denen Fahrzeughersteller ihre Antriebe testen. AVL-Rollenprüfstände stehen in fast jeder größeren Entwicklungsabteilung der Welt. Ergänzt wird das durch Simulationssoftware (AVL CRUISE, AVL FIRE, AVL BOOST). Gerade dieses Software- und Testing-Geschäft ist weniger konjunkturabhängig als das Auftragsentwicklungsgeschäft und soll in der Transformationsstrategie stärker wachsen.
Zudem ist AVL laut Autorevue seit Jahren Österreichs Patentmeister. Die hohe Patentdichte ist nicht nur Reputationsfaktor, sondern schützt das Geschäftsmodell: Wer eigene Antriebspatente hält, kann diese auch lizenzieren.
Standorte weltweit
Neben Graz betreibt AVL rund 45 Niederlassungen und Tech Center weltweit. Größere Standorte befinden sich in Deutschland (Regensburg, Stuttgart, München), in den USA (Michigan), Indien (Chakan, Gurgaon), China (Shanghai, Peking) und Japan. Die internationale Vertriebs- und Entwicklungspräsenz war lange eine zentrale Stärke - in der aktuellen Phase wirkt sie als Puffer gegen die lokale Nachfrageschwäche in Europa.
AVL ist Teil des AC Styria Mobility Cluster und gilt traditionell als Leitbetrieb der steirischen Automotive-Industrie. Der Personalabbau wirkt über Zulieferer und Dienstleister hinaus auf den gesamten Wirtschaftsraum Graz. Einen Teil der freiwerdenden Fachkräfte fängt der parallele Aufbau bei Halbleiterherstellern (AMS Osram, Infineon) und in der Bahnindustrie auf.
Wer führt AVL jetzt
Helmut List blieb bis über sein 80. Lebensjahr hinaus Vorstandsvorsitzender des Konzerns. Die Geschäftsführung hat sich inzwischen verbreitert - um Helmut List als Vorsitzenden ist ein größeres Managementteam entstanden, das die Transformation steuert. Die Eigentümerstruktur ist weiterhin familiendominiert: Helmut List hält die Mehrheit über die Familiengesellschaft.