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Magna Steyr Graz – Europas führender Auftragsfertiger im Wandel der Automobilindustrie

Das Wichtigste in Kürze

  • Magna Steyr in Graz ist der weltweit führende markenunabhängige Fahrzeug-Auftragsfertiger mit einer Kapazität von bis zu 200.000 Fahrzeugen pro Jahr
  • 2024 wurden 71.900 Fahrzeuge produziert – ein Rückgang von über 30 Prozent gegenüber 2023 (105.000 Fahrzeuge)
  • Der chinesische Hersteller Xpeng lässt seit September 2025 die Modelle G6, G9 und P7+ in Graz montieren
  • Mercedes hat den Fertigungsauftrag für die G-Klasse bis 2034 verlängert
  • McLaren verhandelt über die Fertigung von zwei Elektro-Luxusmodellen am Standort
  • Der durchschnittliche Personalstand sank 2024 auf rund 6.976 Beschäftigte

71.900 Fahrzeuge verließen 2024 das Magna-Steyr-Werk in Graz-Thondorf – bei einer Kapazität von 200.000 Stück ein ernüchterndes Ergebnis. Der weltweit führende markenunabhängige Auftragsfertiger durchlebte mit der Fisker-Insolvenz, dem Auslaufen von Jaguar-Modellen und dem bevorstehenden Ende der BMW-Z4- und Toyota-Supra-Produktion eine der schwierigsten Phasen seiner über 125-jährigen Geschichte. Doch seit dem Herbst 2025 wendet sich das Blatt: Neue Aufträge aus China, eine langfristige Verlängerung mit Mercedes und Verhandlungen mit McLaren geben dem Standort frische Perspektiven.

125 Jahre Mobilität aus Graz

Die Geschichte des Werks in Graz-Thondorf reicht weit zurück. Bereits seit den 1920er-Jahren werden am Standort im Süden der Landeshauptstadt Fahrzeuge produziert – damals noch unter dem Namen Steyr-Daimler-Puch. Die legendäre Marke fertigte hier unter anderem den Haflinger, den Pinzgauer und den Puch G – die militärische Variante der Mercedes G-Klasse, die seit 1979 in Graz gebaut wird. Nach mehreren Eigentümerwechseln entstand 2011 aus der Fusion von Magna Europe und Teilen des Steyr-Daimler-Puch-Erbes die heutige Magna Steyr Fahrzeugtechnik GmbH & Co KG, eine Tochtergesellschaft des austro-kanadischen Automobilzulieferkonzerns Magna International.

In über einem Jahrhundert liefen mehr als 3,5 Millionen Fahrzeuge in 34 Modellen für 11 verschiedene Hersteller vom Band. Das Werk feierte 2024 das Jubiläum „125 Jahre Mobilität aus Graz“ – ein Meilenstein, der die tiefe Verwurzelung der Automobilproduktion in der steirischen Landeshauptstadt unterstreicht. Magna Steyr verfügt über ein weltweites Alleinstellungsmerkmal: Es ist der erste Auftragsfertiger, der konventionelle Antriebe, Plug-in-Hybride und rein elektrische Fahrzeuge auf derselben Produktionslinie herstellt. Diese Flexibilität macht den Standort für Hersteller attraktiv, die kleine bis mittlere Serien effizient produzieren lassen wollen, ohne selbst in kostspielige Fertigungsanlagen investieren zu müssen.

Krisenjahr 2024 – Fisker-Pleite und Auftragseinbruch

Das Jahr 2024 wurde zur Belastungsprobe für den Standort. Die Insolvenz des US-Elektroauto-Startups Fisker riss ein großes Loch in die Produktionsplanung – von den 40.000 ursprünglich für das Gesamtjahr 2023 geplanten Fisker Ocean wurden nur rund 10.000 Stück produziert. Bereits im Dezember 2023 war eine Fertigungslinie vom Zweischicht- auf einen Einschichtbetrieb umgestellt worden. Als Fisker schließlich die Produktion endgültig einstellte, waren die Folgen dramatisch.

Zusätzlich lief die Produktion des Jaguar I-Pace und E-Pace zum Ende 2024 aus. Der durchschnittliche Personalstand sank von 7.781 auf 6.976 Beschäftigte, rund 500 Stellen wurden im April 2024 abgebaut. Weitere 200 Stellen gingen bei Magna Powertrain im nahegelegenen Lannach verloren. Die Magna Steyr Fahrzeugtechnik verbuchte einen Betriebsverlust von 11,7 Millionen Euro – nach einem Betriebsgewinn von 35,8 Millionen Euro im Vorjahr. Nur dank 120 Millionen Euro an Beteiligungserträgen stand am Ende des Jahres noch ein Konzerngewinn von 111,2 Millionen Euro.

Kennzahl 2023 2024 Veränderung
Produzierte Fahrzeuge 105.000 71.900 -31,5 %
Durchschn. Personalstand 7.781 6.976 -10,3 %
Betriebsergebnis +35,8 Mio. Euro -11,7 Mio. Euro Verlust
Kapazität 200.000/Jahr 200.000/Jahr unverändert
Höchststand Beschäftigte ca. 11.000 im Jahr 2018

Neue Aufträge – Chinesische Hersteller entdecken Graz

Die Wende kam aus einer zunächst unerwarteten Richtung. Im September 2025 startete der chinesische Elektroautohersteller Xpeng die Montage seiner Modelle G6 und G9 bei Magna in Graz – das erste Mal, dass ein chinesischer Massenhersteller eine vollständige Fahrzeugmontage in der Steiermark in Auftrag gab. Bereits Ende 2025 schloss Xpeng die Testproduktion des dritten Modells P7+ erfolgreich ab. Die Zusammenarbeit wird als langfristig angelegt beschrieben.

Hinter dem Auftrag steht eine gezielte Marktstrategie: Das sogenannte SKD-Verfahren (Semi-Knocked-Down), bei dem Fahrzeuge in China vorproduziert, in Baugruppen zerlegt und in Graz endmontiert werden, ermöglicht es chinesischen Herstellern, die EU-Sonderzölle auf importierte Elektrofahrzeuge zu umgehen und gleichzeitig als europäisch produziert zu gelten. Neben Xpeng hat auch der drittgrößte chinesische Automobilhersteller GAC (Guangzhou Automobile Group) die Fertigung seines Elektro-SUV Aion V bei Magna angekündigt.

Gut zu wissen:
Die Mercedes G-Klasse bleibt das Flaggschiff des Standorts. Mercedes hat den Fertigungsauftrag im Dezember 2025 bis zum Jahr 2034 verlängert. Die G-Klasse wird seit über vier Jahrzehnten in Graz gebaut und ist eines der profitabelsten Modelle im gesamten Mercedes-Portfolio. Für Magna Steyr bietet sie langfristige Planungssicherheit und stabile Auslastung.

McLaren, Scout und weitere Perspektiven

Neben den chinesischen Aufträgen und der Mercedes-Verlängerung zeichnen sich weitere Perspektiven ab. Laut Medienberichten verhandelt der britische Sportwagenbauer McLaren mit Magna Steyr über die Fertigung von zwei Elektro-Luxusmodellen. Die Gespräche sollen sich in der finalen Phase befinden. Sollte der Auftrag zustande kommen, würde er den Auslauf der BMW-Z4- und Toyota-Supra-Produktion im Frühjahr 2026 kompensieren und dem Standort ein weiteres Premiumsegment sichern.

Bereits gesichert ist die Zusammenarbeit mit dem Volkswagen-Konzern: Die neue US-Elektromarke Scout lässt bei Magna in Graz zwei Modelle entwickeln, die Anfang 2027 auf den amerikanischen Markt kommen sollen. Auch wenn die Serienproduktion in den USA stattfinden wird, sichert die Entwicklungsarbeit Ingenieursarbeitsplätze und Know-how am Standort.

Praxis-Tipp:
Magna Steyr zählt laut Great Place to Work zu den besten Arbeitgebern Österreichs. Das Unternehmen betreibt eine eigene Photovoltaikanlage mit umgerechnet sieben Fußballfeldern Größe und 10.983 kWp Leistung am Standort Graz. Aktuelle Stellenangebote finden sich auf der Magna-Karriereseite – besonders gefragt sind derzeit Fachkräfte für die Einrichtung neuer Produktionslinien.

Flexible Manufacturing – Die Strategie für die Zukunft

Um die Flexibilität weiter zu steigern und neue Auftraggeber zu gewinnen, hat Magna das Programm „Flexible Manufacturing Solutions“ gestartet. Ziel ist es, bis zu vier Plattformen und acht Derivate unabhängig von Antriebsart und Stückzahlschwankungen auf einer Produktionslinie herzustellen. Das Werk soll zum schnellsten und effizientesten Partner für Programme mit niedrigen (unter 15.000 Fahrzeuge) und mittleren Stückzahlen (15.000 bis 50.000 Fahrzeuge) in Europa werden. Gerade für Hersteller, die den europäischen Markt bedienen wollen, ohne selbst Milliarden in eigene Werke zu investieren, ist dieses Angebot attraktiv. Magna investiert dafür in digitale Produktionsplanung, modulare Fertigungszellen und flexible Logistiksysteme, die schnelle Umrüstungen zwischen verschiedenen Fahrzeugmodellen ermöglichen.

Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Steiermark

Mit rund 7.000 Beschäftigten bleibt Magna einer der größten privaten Arbeitgeber in Graz und der Steiermark. Das Unternehmen ist eng mit dem ACstyria-Mobilitätscluster vernetzt und generiert erhebliche Wertschöpfung bei Zulieferbetrieben in der Region. Die Transformation vom klassischen Auftragsfertiger europäischer Premiummarken zum europäischen Produktionshub für globale Elektromobilität spiegelt den fundamentalen Wandel der gesamten steirischen Automobilindustrie wider.

Die neue Rolle als Produktionsstandort für chinesische E-Autos ist dabei durchaus ambivalent: Sie sichert kurzfristig Arbeitsplätze und Auslastung, wirft aber Fragen nach der langfristigen Wertschöpfungstiefe auf, da das SKD-Verfahren weniger lokale Fertigung erfordert als die bisherige Vollproduktion. Wirtschaftslandesrätin Barbara Eibinger-Miedl betonte, dass der Mobilitätscluster ACstyria Plattform und Perspektive für die gesamte Branche bieten soll – einschließlich boomender Bereiche wie dem Bahnsektor und der Luftfahrt, in denen steirische Unternehmen ebenfalls stark vertreten sind.

Herausforderung Strukturwandel:
Das Land Steiermark hat gemeinsam mit dem AMS eine Branchenstiftung für die Automobilindustrie und ihre Zulieferer eingerichtet. Ziel ist es, Beschäftigte, die durch den Strukturwandel ihren Arbeitsplatz verlieren, durch Weiterbildung in wachsende Branchen zu vermitteln. Die Stiftung wurde zunächst für rund 500 Personen aus dem Mobilitätsbereich konzipiert.

Quellen