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Donnerstag, 23. April 2026 Kontakt
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Helmut List - der Industrie-Patriarch hinter AVL in Graz

2,03 Milliarden Euro Umsatz, 12.200 Mitarbeiter weltweit, davon 4.100 am Stammsitz in Graz-Lend: Das ist die AVL List GmbH, wie Helmut List sie 2024 führte. Seit 1979 steht der heute 84-Jährige an der Spitze des Unternehmens, das sein Vater Hans List 1948 als Ingenieurbüro in einem Grazer Hinterhof gegründet hatte.

Das Wichtigste in Kürze
  • Helmut List führt die AVL List GmbH seit 1979 als Vorsitzender der Geschäftsführung - damit ist er einer der am längsten amtierenden Industrie-CEOs Österreichs
  • AVL wurde 1948 von seinem Vater Hans List in Graz gegründet, Helmut List übernahm im Alter von 37 Jahren die Führung
  • Unter seiner Leitung wuchs AVL von einem Motorenentwicklungsbüro zum weltweit größten unabhängigen Entwicklungspartner der Automobilindustrie mit über 12.200 Beschäftigten
  • Jahresumsatz 2024: 2,03 Milliarden Euro; Firmensitz weiterhin in der Hans-List-Platz-Gegend in Graz-Lend
  • 2003 eröffnete mit der Helmut-List-Halle eine umgewidmete AVL-Industriehalle als Konzertbühne, 2007 folgte die Gründung der AVL Cultural Foundation gemeinsam mit seiner Frau Kathryn List
  • Zahlreiche staatliche Auszeichnungen, darunter das Große Goldene Ehrenzeichen des Landes Steiermark (2010) und das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse (2012)
Lebensdaten
Geboren
20. Dezember 1941 in Graz
Ausbildung
Maschinenbau-Studium an der TU Graz, Diplom-Ingenieur 1967
Stationen
Eintritt in AVL List 1966, Übernahme der Geschäftsführung 1979
Aktuell
Vorsitzender der Geschäftsführung AVL List GmbH, Ehrenkonsul der Republik Korea

Vom väterlichen Ingenieurbüro zum Global Player

Die Geschichte der AVL List beginnt 1948, als Hans List - damals bereits ein international anerkannter Verbrennungsmotoren-Forscher - in Graz ein Ingenieurbüro eröffnete. Helmut List trat 1966 als 24-jähriger Maschinenbau-Absolvent der TU Graz in das Unternehmen seines Vaters ein. Dreizehn Jahre später, am 6. September 1979, übernahm er die Geschäftsführung.

Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte AVL rund 400 Mitarbeiter. Der Kernmarkt: Motorenentwicklung für Fahrzeug- und Maschinenbauer. Helmut List strukturierte das Unternehmen in drei Geschäftsfelder: Engineering Services, Prüfstands- und Messtechnik sowie Simulationssoftware für die Motoren- und Fahrzeugentwicklung. Diese Aufteilung bildet bis heute das Gerüst des Konzerns.

Der Weg zum globalen Entwicklungshaus verlief in Etappen. In den 1990er-Jahren baute AVL ein Netz internationaler Niederlassungen auf - heute existieren Standorte unter anderem in Shanghai, Tianjin, Montreal, Regensburg und Zalaegerszeg. Gleichzeitig etablierte sich Graz als einer der weltweit wichtigsten Knoten für Antriebsstrang-Know-how, insbesondere seit der Automobilindustrie der Shift zur Elektromobilität als strategische Herausforderung zugewachsen ist.

Das Unternehmen unter der Person

KennzahlWert (Stand 2024)
Gründungsjahr1948 durch Hans List
Helmut List im Unternehmen seit1966
Helmut List an der Spitze seit6. September 1979
HauptsitzGraz-Lend, Österreich
Mitarbeiter weltweitüber 12.200
Mitarbeiter in Graz4.100
Umsatz 20242,03 Milliarden Euro
GeschäftsfelderEngineering Services, Prüfstands- und Messtechnik, Simulationssoftware

Die strategische Neuausrichtung auf Elektromobilität und Wasserstoff-Antriebe trieb List früh voran. 2021 eröffnete AVL in Graz ein eigenes Batterie-Innovationszentrum, 2022 folgte ein Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Prüfzentrum. Beide Investments waren Signale an die Branche, dass AVL den Verbrenner-Schwerpunkt des Unternehmens Schritt für Schritt um neue Technologiefelder ergänzt. Der Übergang ist nicht reibungslos: 2024 und 2025 musste die Gruppe mehrere Stellenabbau-Runden ankündigen, darunter rund 350 Kündigungen allein in Graz.

Gut zu wissen:
AVL steht historisch für "Anstalt für Verbrennungskraftmaschinen List". Der ursprüngliche Name spiegelt die Gründungszeit wider, als Verbrennungsmotoren die unumstrittene Basistechnologie der Mobilität waren. Heute investiert AVL dreistellige Millionenbeträge in Brennstoffzellen-, Batterie- und autonomes-Fahren-Know-how.

Führungsphilosophie - Forschung als Langstreckenlauf

Helmut List vertritt öffentlich die Haltung, dass technologische Führerschaft nur durch konsequente Forschungsinvestitionen über Jahrzehnte entsteht. Als Vorsitzender der Forschungs- und Entwicklungsarbeitsgruppe der Industriellenvereinigung Österreich hat er sich über viele Jahre für höhere F&E-Quoten stark gemacht. Im Unternehmen selbst liegt der Forschungsanteil traditionell deutlich über dem Branchenschnitt.

Neben seiner Konzernverantwortung war List jahrelang Vorstandsmitglied oder Vorsitzender internationaler Forschungsverbände wie EIRMA (European Industrial Research Management Association), IRDAC (International Research and Development Actions) und EARPA (European Automotive Research Partners Association). Diese Rollen brachten ihn früh in Kontakt mit den strategischen Diskussionen der europäischen Industriepolitik - und AVL in die Rolle eines gefragten Partners für große EU-Forschungsprojekte.

Die Helmut-List-Halle - Industriegeschichte als Konzertsaal

Am 9. Jänner 2003 wurde die Helmut-List-Halle in der Grazer Waagner-Biro-Straße mit der Uraufführung der Oper "Begehren" von Beat Furrer eröffnet. Die Halle entstand aus einer umgewidmeten, in den 1950er-Jahren errichteten AVL-Industriehalle. Architekt Markus Pernthaler hatte sie für bis zu 2.400 Besucher adaptiert und akustisch für Konzerte, Kongresse und Bühnenproduktionen optimiert.

Die Eröffnung fiel mit dem Auftakt von Graz als Kulturhauptstadt Europas 2003 zusammen. Vier Jahre später, 2007, gründete Helmut List gemeinsam mit seiner Frau Kathryn List die AVL Cultural Foundation, die seither die Halle betreibt und den steirischen Kulturbetrieb - insbesondere das Festival Styriarte - als Spielstätte mit prägt.

Auszeichnungen und Engagement

Die öffentlichen Ehrungen für Helmut List haben sich über Jahrzehnte aufgebaut:

  • 2002: Ehrenring der Stadt Graz
  • 2003: Wilhelm-Exner-Medaille des Österreichischen Gewerbevereins
  • 2005: Großes Ehrenzeichen des Landes Steiermark
  • 2010: Großes Goldenes Ehrenzeichen des Landes Steiermark
  • 2012: Österreichisches Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse
  • 2024: EY Entrepreneur Of The Year - Sonderpreis Unternehmerisches Lebenswerk

Darüber hinaus trägt List den Titel eines Ehrenkonsuls der Republik Korea - eine diplomatische Funktion, die seinen Fokus auf die asiatischen Kernmärkte der Automobilindustrie spiegelt. Die Stadt Graz würdigte ihn zudem mit dem Titel Konsul und Ehrenprofessor, wie aus dem Stadtportal der Landeshauptstadt Graz hervorgeht.

Aktueller Stand

Stand April 2026 ist Helmut List weiterhin als Vorsitzender der Geschäftsführung der AVL List GmbH aktiv - laut dem österreichischen Firmenbuch in dieser Funktion seit 6. September 1979. Die operative Führung teilt er mit einem mehrköpfigen Geschäftsführerteam, das in den vergangenen Jahren gezielt erweitert wurde: Urs Gerspach (seit 2017), Yorck Schmidt (seit 2019), Stefan Bruhnke (seit 1. Juli 2024) und Lukas Walter (seit 1. März 2025) sind weitere Geschäftsführer.

Die Erweiterung des Führungsgremiums deutet auf eine geordnete, mehrstufige Nachfolge-Architektur hin, bleibt aber bisher ohne offizielle Ankündigung eines Wechsels an der Spitze. Der strategische Druck auf AVL ist hoch: Die Transformation der europäischen Automobilindustrie, Stellenabbau in der Heimatregion und der Wettbewerb mit chinesischen und asiatischen Entwicklungshäusern prägen den Alltag. Das Unternehmen bleibt trotzdem einer der zentralen Beschäftiger im Raum Graz und ein Flaggschiff des steirischen Automotive-Clusters.

Ausblick: Helmut List hat AVL List über 45 Jahre durch drei große Technologie-Umbrüche geführt - vom klassischen Verbrenner über die Abgasregulierung bis zur Elektrifizierung. Wie die Grazer Gruppe die nächste Dekade zwischen Kostendruck, Transformation und Nachfolge gestaltet, wird nicht nur AVLs Zukunft prägen, sondern auch jene des gesamten steirischen Automotive-Standorts.

Quellen