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Samstag, 25. April 2026 Kontakt
Startups

Fintech in Graz und der Steiermark - die überschaubare, aber spezialisierte Szene

Fintech in Graz und der Steiermark - die überschaubare, aber spezialisierte Szene

155 Fintechs sind in Österreich registriert, davon 38 Startups. 80 Prozent dieser Unternehmen sitzen in Wien. Die Grazer und steirische Fintech-Szene ist im Vergleich klein - aber deutlich spezialisierter, als die reine Zahl vermuten lässt. Der gemeinsame Nenner fast aller namhaften steirischen Fintechs: Krypto- und Blockchain-Infrastruktur.

Das Wichtigste in Kürze
  • Die steirische Fintech-Szene ist zahlenmäßig klein, aber auf Krypto- und Blockchain-Infrastruktur spezialisiert
  • Coinfinity in Graz betreibt Österreichs ersten Bitcoin-ATM (seit 2014) und ist als MiCA-regulierter Anbieter positioniert
  • Trever entwickelt in Graz eine Enterprise-Plattform ("Digital Asset Operating System") für Banken, bisher 2,4 Millionen Euro Kapital eingeworben
  • KURANT mit Sitz in Graz ist europäischer Marktführer für Bitcoin-ATMs mit rund 300 Automaten in Österreich, Deutschland und Spanien
  • Klassische Neobanken, Payment-Startups oder Insurtechs sind in der Steiermark praktisch nicht vorhanden - hier dominiert Wien

Die Positionierung: Bitcoin-Ökosystem statt Neobank

Ein Blick auf die Fintech-Landscape Austria der Initiative oenpay zeigt: Während in Wien die Bandbreite von Payment (Paysafecard, Blue Code) über Vermögensverwaltung (Wikifolio) bis zur Vergleichsplattform (durchblicker.at) reicht, konzentrieren sich die steirischen Akteure auf ein Segment - Bitcoin- und Blockchain-Dienste.

Dieser Fokus ist historisch gewachsen. Coinfinity wurde 2014 in Graz gegründet und betrieb Österreichs ersten Bitcoin-Automaten. In der Folgezeit entstanden rund um das Unternehmen und die technische Universität Graz mehrere Gründungen, die auf Krypto-Infrastruktur oder -Handel spezialisiert sind.

Coinfinity - der Bitcoin-Pionier

Coinfinity GmbH mit Sitz in der Griesgasse 10 in Graz wurde laut Firmenbucheinträgen 2014 gegründet. Zu den Gesellschaftern zählen unter anderem die Blockchain Investor AG (20,33 Prozent) sowie die Gründer Max Tertinegg (49,38 Prozent) und Stefan Kliment (12,80 Prozent). Geschäftsführer sind Tertinegg und Stefan Grill.

Das Produktportfolio hat sich vom reinen ATM-Betrieb zu einer breiteren Bitcoin-Plattform entwickelt. Aktuell bietet Coinfinity eine Bitcoin-Trading-App, einen Sparplan für Bitcoin, eine eigene Wallet und Unternehmenskunden-Services. Das Unternehmen wirbt mit dem Slogan "100 Prozent Transparenz, 0 Prozent Spread" und einer Lightning-Network-Integration für schnelle Transaktionen.

Regulatorisch hat Coinfinity eine MiCA-Lizenz - die neue EU-Regulierung für Krypto-Dienstleister, die seit 2024 stufenweise in Kraft tritt. Mitarbeiterzahl und Umsatz sind öffentlich nicht nachvollziehbar; laut einzelnen Quellen liegt die Beschäftigtenzahl im einstelligen Bereich.

Trever - die B2B-Krypto-Infrastruktur für Banken

Das 2019 von Hans-Jürgen Griesbacher und Benjamin Rath gegründete Trever richtet sich nicht an Endkunden, sondern an Banken und Finanzinstitute. Die Grazer Gründung entwickelt ein "Digital Asset Operating System", das Handel, Verwahrung und Buchhaltung von digitalen Assets wie Bitcoin, Ether und NFTs für institutionelle Anbieter abwickelt.

Laut Trever-eigenen Angaben sind Institute wie V-Bank, Futurum Bank und Bankhaus Scheich an die Plattform angeschlossen. Außerdem besteht eine Integration mit der 3DX-Plattform der Frankfurter 360T und mit Boerse Stuttgart Digital.

Finanzierung: Bisher 2,4 Millionen Euro Gesamtinvestment, Lead-Investoren waren TX Ventures und Market One Capital. Das Unternehmen ist im Science Park Graz inkubiert worden - ein typisches Muster für steirische Deep-Tech-Gründungen mit B2B-Fokus.

KURANT - der ATM-Marktführer

KURANT mit Sitz in Graz ist laut eigenen Angaben europäischer Marktführer für Bitcoin-ATMs. Das Netzwerk umfasst rund 300 Automaten in Österreich, Deutschland und Spanien, davon neun in und um Graz. An diesen Geräten können Kunden mit Bargeld Bitcoin kaufen oder verkaufen.

Das Geschäftsmodell steht 2026 unter regulatorischem Druck. Laut KURANT-Website befindet sich das Unternehmen "in der finalen Phase der regulatorischen Lizenzierung nach der neuen MiCAR-Verordnung", der ATM-Betrieb ist aktuell temporär ausgesetzt. Der weitere Verlauf hängt davon ab, ob und wie die österreichische FMA die MiCA-Lizenz vergibt.

UnternehmenSitzGründungSchwerpunkt
CoinfinityGraz2014Bitcoin-Trading, Sparplan, Unternehmens-Services
TreverGraz2019B2B-Krypto-Infrastruktur für Banken
KURANTGraz2014 (Vorläufer)Bitcoin-ATM-Netz in AT/DE/ES

Was in Graz fehlt - und warum das strukturell so ist

Klassische Fintech-Kategorien wie Neobanken (N26, Revolut), digitale Vermögensverwaltung (Wikifolio, Scalable Capital), Payment-Lösungen (Paysafecard, Klarna) oder Insurtechs sind in Graz praktisch nicht vertreten. Dafür gibt es mehrere Gründe:

  • Fehlendes Bank-Ökosystem: Wien ist Sitz aller großen österreichischen Banken. Fintechs profitieren vom direkten Zugang zu Kunden und Partnern.
  • FMA und Aufsicht: Die Finanzmarktaufsicht sitzt in Wien. Regelmäßige Abstimmung mit Regulierern wird von Wien aus einfacher.
  • Talentpool: Für Payment- und Consumer-Fintech sind Wirtschafts- und Marketing-Profile gefragt. Graz ist technologisch stärker als kaufmännisch aufgestellt.
  • TU-Graz-Fokus: Wer aus der TU Graz kommt, baut eher Hardware- oder Infrastruktur-Produkte als Consumer-Apps - das spiegelt sich in der Fintech-Ausrichtung.
Gut zu wissen:
Die MiCA-Regulierung (Markets in Crypto-Assets Regulation) der EU hat für steirische Krypto-Fintechs zweischneidige Folgen. Einerseits erhöhen die Lizenzanforderungen die Eintrittshürden - Newcomer haben es schwerer. Andererseits profitieren etablierte Anbieter wie Coinfinity und Trever, weil sie frühzeitig in regulatorisch belastbare Strukturen investiert haben.

Zukunftspotenzial: Was 2026 wahrscheinlich ist

Die Grazer Fintech-Szene wird sich 2026 entlang zweier Achsen weiterentwickeln. Erstens dürfte die B2B-Krypto-Infrastruktur wachsen - Trever hat mit 2,4 Millionen Euro erst die Saatphase abgeschlossen, eine Series A in den kommenden Quartalen ist plausibel. Zweitens wird sich zeigen, ob Coinfinity seine Plattform für Unternehmenskunden (Treasury-Management mit Bitcoin, B2B-Zahlungen) international skalieren kann.

Ein klassisches Wachstum außerhalb des Krypto-Bereichs ist eher unwahrscheinlich. Wiener Angebote wie Wikifolio oder BitPanda haben bei Endkunden-Fintech einen Vorsprung, der in Graz kaum aufzuholen ist. Dafür bietet die Mischung aus technischer Tiefe, TU-Graz-Anbindung und Inkubationsinfrastruktur eine glaubwürdige Basis für spezialisierte Krypto-Infrastrukturprojekte.

Ausblick: Die Grazer Fintech-Szene bleibt zahlenmäßig klein, aber sie ist kein Spielplatz für Hobby-Projekte. Mit Coinfinity, Trever und KURANT hat die Steiermark drei Unternehmen mit internationaler Sichtbarkeit, alle im Krypto-Segment. Ob dieses Segment als Nische erhalten bleibt oder politisch in Bedrängnis gerät, entscheidet wesentlich die weitere Umsetzung der MiCA-Verordnung und die Kapitalverfügbarkeit für Krypto-Startups.

Quellen