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Donnerstag, 23. April 2026 Kontakt
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Frauen an der Spitze der steirischen Wirtschaft - wer führt, wer entscheidet

Vier Prozent. So hoch war im Jahr 2025 der Frauenanteil in den Geschäftsführungen der 100 umsatzstärksten Unternehmen der Steiermark. Zwei Jahre zuvor lag dieser Wert noch bei 7 Prozent. Die Zahl stammt aus der FELIN-Studie 2025, die der Grazer Verein FELIN - female leaders initiative im Juli 2025 vorstellte, und ist die wohl ernüchterndste Kennzahl zur Gleichstellung in der steirischen Spitzenwirtschaft. In der Metalltechnischen Industrie fanden die Studienautorinnen unter 91 Führungspositionen genau eine Frau.

Das Wichtigste in Kürze
  • Der Frauenanteil in den Geschäftsführungen der Top 100 steirischen Unternehmen fiel laut FELIN-Studie 2025 von 7 Prozent (2023) auf 4 Prozent (2025)
  • In den Vorständen der Top 100 stieg der Anteil leicht auf 8 Prozent (2023: 7 Prozent)
  • In Aufsichtsräten börsennotierter Unternehmen mit gesetzlicher Quote stieg der Frauenanteil auf 38 Prozent (2023: 24 Prozent)
  • 51 Prozent der erwerbstätigen Frauen in der Steiermark arbeiten Teilzeit, bei Männern liegt der Anteil bei rund 11 Prozent
  • Die FELIN-Studie untersucht seit 2019 alle zwei Jahre 147 steirische Betriebe auf den Frauenanteil in GF, Vorstand und Aufsichtsrat
  • Sichtbare Positionen besetzen unter anderem Gabriele Lechner (WKO-Vizepräsidentin), Anita Frauwallner (Institut AllergoSan), Monika Zechner (ehemalige Vorsitzende Holzindustrie Steiermark) und Marie-Theres Knill (Knill Gruppe)

Die Zahlen der FELIN-Studie 2025

Der Verein FELIN wurde 2018 gegründet und veröffentlicht seit 2021 alle zwei Jahre eine detaillierte Auswertung zur Präsenz von Frauen in den obersten Führungsebenen steirischer Unternehmen. Für die Ausgabe 2025 wurden 147 Betriebe analysiert, getrennt nach Geschäftsführung, Vorstand und Aufsichtsrat. Die Studie wurde am 2. Juli 2025 im Medienzentrum Steiermark von FELIN-Geschäftsführerin Christiane Katschnig-Otter und Studienleiterin Lisa Mittischek gemeinsam mit Landeshauptmann-Stellvertreterin Manuela Khom präsentiert.

Das Bild, das die Studie zeichnet, ist zweigeteilt. Dort, wo Quoten greifen, steigt der Anteil. Dort, wo Entscheidungen über Personalstrukturen in Unternehmen fallen, sinkt er.

Ebene Frauenanteil 2025 Frauenanteil 2023
Geschäftsführung Top 100 4 % 7 %
Vorstand Top 100 8 % 7 %
Aufsichtsrat Top 100 21 % 21 %
Aufsichtsrat börsennotierte Firmen mit Quote 38 % 24 %
Aufsichtsrat Beteiligungen Stadt Graz 55 % 44 %
Aufsichtsrat Beteiligungen Land Steiermark 39 % 40 %

Die Quoten im öffentlichen Bereich wirken. Im börsennotierten Bereich mit gesetzlichem 30-Prozent-Ziel wirken sie ebenfalls. Im privatwirtschaftlichen Bereich ohne Quote sinkt der Anteil. FELIN-Studienleiterin Lisa Mittischek fasste das bei der Präsentation so zusammen: "Strukturelle Veränderungen und eine Umverteilung von Macht auf allen Ebenen sind essenziell." Landeshauptmann-Stellvertreterin Manuela Khom ergänzte: "Die Studie zeigt, dass wir noch viel Arbeit vor uns haben. Rechtliche Gleichstellung besteht, echte berufliche Gleichstellung bleibt weit entfernt." Beide Zitate sind in der offiziellen Kommunikation des Landes Steiermark dokumentiert.

Warum der Anteil in der Geschäftsführung fällt

Die Autorinnen der FELIN-Studie erklären den Rückgang nicht mit einer bewussten Zurückdrängung, sondern mit strukturellen Faktoren, die sich bei langsamer Konjunktur und Personalabbau verschärfen. Der wichtigste Faktor: die ungleiche Verteilung der unbezahlten Care-Arbeit. Frauen in Österreich leisten pro Tag fast zwei Stunden mehr unbezahlte Arbeit im Haushalt, in der Kinderbetreuung und in der Pflege als Männer. In der Folge arbeiten in der Steiermark über 51 Prozent der erwerbstätigen Frauen Teilzeit, bei Männern sind es rund 11 Prozent. Wer Teilzeit arbeitet, ist im Rennen um Geschäftsführungspositionen seltener auf der Kandidatenliste.

Verstärkend kommt hinzu: In den Top 100 steirischen Unternehmen dominieren produzierende und industrielle Branchen - Automotive, Metalltechnik, Maschinenbau, Holzindustrie, Papier. Genau dort ist der Frauenanteil in der ersten Management-Ebene mit 15 Prozent auch über das Gesamtbild hinaus niedriger als in Handel oder Dienstleistung. In der Metalltechnischen Industrie war die Zahl im Erhebungsjahr nach Angaben der Berichterstattung über die FELIN-Studie eine einzige Frau unter 91 Positionen.

Gut zu wissen:
FELIN steht für female leaders initiative. Der Verein wird von Geschäftsführerin Christiane Katschnig-Otter und einem Team aus Unternehmerinnen, Expertinnen und Wissenschafterinnen geführt. Er versteht sich als Schnittstelle zwischen Wirtschaft, Politik und Forschung und veröffentlicht die Studie alle zwei Jahre.

Gabriele Lechner - Stimme der Unternehmerinnen in der WKO

Die formal sichtbarste Rolle in der steirischen Wirtschaftsvertretung hat Mag. Gabriele Lechner inne. Sie wurde im Oktober 2019 als dritte Vizepräsidentin der WKO Steiermark nominiert und 2025 für weitere fünf Jahre als Landesvorsitzende der Plattform "Frau in der Wirtschaft" Steiermark bestätigt. Als Eigentümerin der Grazer Agentur werbelechner ist Lechner seit 2007 selbst Unternehmerin, die Agentur arbeitet für regionale und internationale Kunden.

In ihrer Doppelrolle bei der WKO vertritt Lechner rund 56.000 Unternehmerinnen in der Steiermark. Schwerpunkte ihrer Arbeit sind der Ausbau von Kinderbetreuungsangeboten für Selbstständige, steuerliche Anreize für Betriebsübergaben an Frauen und die Sichtbarkeit weiblicher Unternehmerinnen in traditionell männlich dominierten Fachverbänden. Bei der WKO-Wahl 2025 wurde sie mit breiter Mehrheit bestätigt. Details zu ihrer Biografie und ihren Funktionen sind auf der WKO-Funktionärsseite dokumentiert.

Lechner bringt zudem eine Haltung ein, die unter Unternehmerinnen der Region selten offen ausgesprochen wird: dass Netzwerke und Sichtbarkeit für Frauen wichtiger sind als Quoten, weil strukturelle Veränderung ohne individuelle Vorbilder nicht dauerhaft gelinge.

Anita Frauwallner - von der Apothekerin zur Mikrobiom-Pionierin

Die wohl international sichtbarste steirische Unternehmerin ist Mag. Anita Frauwallner. Sie gründete 1991 in Graz das Institut AllergoSan und entwickelte mit OMNi-BiOTiC® eine Marke, die heute zu den drei weltweit stärksten Probiotika-Marken zählt. 2021 erreichte die Marke Rang sechs der global bekanntesten Probiotika, seit Anfang 2023 liegt sie nach eigenen Angaben auf Platz drei. AllergoSan beschäftigt inzwischen über 400 Mitarbeitende.

Der Auslöser war persönlich. Ihr Ehemann erkrankte an Darmkrebs, und Frauwallner beobachtete, wie die konventionelle Medizin Symptome behandelte, ohne auf die Darmgesundheit einzugehen. Daraus wurde über drei Jahrzehnte ein Unternehmen, das heute in über 35 Ländern vertreten ist. "Innovation ist meine DNA", sagte Frauwallner in einem Interview, dokumentiert auf Austrian Business Woman.

Frauwallner wird seit Jahren für ihre Rolle als weibliche Gründerin mit Professoren-Titel und wissenschaftlichem Fokus wahrgenommen. Sie ist zudem Gründerin der Akademie für Darmgesundheit, die Ärztinnen, Ärzte, Apotheker und Fachpersonal weiterbildet. AllergoSan selbst ist zu 100 Prozent in Familienbesitz und wurde bisher nicht an einen internationalen Konzern verkauft - eine strategische Entscheidung, die in der österreichischen Gründerinnenszene als Referenz gilt.

Monika Zechner - zwölf Jahre an der Spitze der steirischen Holzindustrie

Zwölf Jahre lang, von 2013 bis Ende 2024, war Monika Zechner Vorsitzende der Sparte Holzindustrie in der Landesinnung der Wirtschaftskammer Steiermark - als erste Frau in dieser Funktion. Ende 2024 übergab sie den Vorsitz an Josef Stoppacher, der zuvor Weitzer Parkett führte. Zechner bleibt weiterhin im Bundesfachverband Holzindustrie Österreich aktiv.

Zechner kam auf einem ungewöhnlichen Weg in die Spitzenposition. Sie war ausgebildete Bürokauffrau, absolvierte später ein Master-Studium Management mit Schwerpunkt Holzwirtschaft und war die erste österreichische Frau, die dieses Programm abschloss. Gemeinsam mit ihrem Mann führt sie seit rund 30 Jahren ein Sägewerk in der Umgebung von Graz (Zechner Holz GmbH).

Während ihrer zwölf Jahre an der Verbandsspitze prägte sie die Branche mit drei Weichenstellungen: dem Aufbau einer Lehrlings-, Ausbildner- und Fachkräfteakademie für die Holzindustrie, der Etablierung des "Holzgipfels" als zweijährlichem Branchentreffen sowie der Positionierung des Werkstoffs Holz als Kernbaustein einer nachhaltigen Wirtschaft. Zur ihrer Verabschiedung würdigte die WKO Steiermark diese Bilanz offiziell.

Marie-Theres Knill - die designierte Nachfolgerin der 13. Generation

Die Knill Gruppe in Weiz ist seit 1712 in Familienbesitz und gehört mit rund 2.600 Beschäftigten, rund 30 Unternehmen in 18 Ländern und rund 484 Millionen Euro Umsatz zu den größten Industriedynastien Österreichs. Aktuell führen die Brüder Christian und Georg Knill als 12. Generation die Holding. Marie-Theres Knill, die 30-jährige Tochter von Christian Knill, ist die öffentlich als Nachfolgerin kommunizierte Vertreterin der 13. Generation.

Sie studierte Innovationsmanagement an der FH Campus 02 in Graz, stieg vor rund sieben Jahren in die Gruppe ein und verantwortet heute die Bereiche Marketing und Nachhaltigkeit. 2025 wurde sie von der WKO Steiermark in die Liste der "Top 30 unter 30 Jungunternehmer" aufgenommen. Ihre beiden Brüder haben kein Interesse am Familienbetrieb signalisiert, eine Schwester studiert noch. Damit ist die Situation in einem traditionellen Industrieunternehmen ungewöhnlich klar: Die Erbin ist benannt, der operative Übergang wird langfristig vorbereitet.

Marie-Theres Knill selbst formulierte in einem Interview mit dem Magazin Trend: "Für mich ist das der größte Anreiz - die Verantwortung dafür zu tragen, dass es in der Familie bleibt." Ein formaler Wechsel in die Geschäftsführung der Knill Energy Holding steht nicht unmittelbar an; Christian Knill ist 2026 erst 56 Jahre alt.

Katrin Wallner - Ärztin und Gründerin mit Darmkrebs-Lehre als DNA

Dr. Katrin Susanna Wallner gründete gemeinsam mit ihrem Partner Patrick Hart in Graz das Startup Lanbiotic, das medizinische Pflegeprodukte für Neurodermitis-Haut auf Basis lebender Bakterien entwickelt. Der Anlass war persönlich: Der Sohn der beiden leidet seit Jahren unter Neurodermitis, besonders in den Wintermonaten. Wallner ist ausgebildete Ärztin, Patrick Hart Biotech-Unternehmer. Gemeinsam isolierten sie aus abgelaufener Rohmilch den zum Patent angemeldeten Bakterienstamm "Lactococcus Lanbioticus".

Lanbiotic arbeitet seit Gründung profitabel und hat 2024 laut eigenen Angaben seinen Umsatz verdoppelt. 2023 wurde die Neurodermitis-Creme mit dem International V-Label Award auf der Plant Based World Expo in London in der Kategorie Innovation ausgezeichnet. Das Unternehmen ist mittlerweile auch im deutschen Markt aktiv. Der Science Park Graz begleitete die frühe Phase als Inkubator, Details dazu sind in der Science-Park-Graz-Dokumentation nachlesbar.

Wallner gehört zu einer neuen Generation steirischer Gründerinnen, die nicht als "Female Founder"-Projekt positioniert werden, sondern als Deep-Tech-Unternehmerinnen mit Produkt und Patent. Sie ist zugleich die einzige in diesem Porträt vertretene Gründerin, die ein operatives Startup aus der Medizinbranche in Graz aufgebaut hat.

Weitere sichtbare Positionen

Die Liste ist mit den fünf hier porträtierten Personen nicht abgeschlossen. Im Aufsichtsrat der Energie Steiermark AG etwa ist die gesetzliche Quote erfüllt, in den Leitungsorganen öffentlicher Beteiligungen sind Frauen inzwischen überproportional vertreten. Im Banken-, Versicherungs- und Forschungsbereich finden sich mit Kathrin Strumitzer (Joanneum Research), Marianne Plasonig (SFG) und anderen weitere Frauen in Entscheidungsfunktionen, die allerdings seltener als öffentliche Gesichter der Wirtschaft wahrgenommen werden. Auch im steirischen Tourismus gibt es in den Tourismusverbänden zunehmend weibliche Geschäftsführerinnen.

Die FELIN-Studie erwähnt zudem, dass im mittleren Management - also unterhalb der ersten Führungsebene - der Frauenanteil deutlich höher ist. Die Engstelle liegt im Übergang zwischen zweiter und erster Führungsebene, und dort ganz besonders in produzierenden Großunternehmen.

Praxis-Beobachtung:
Zwei Gemeinsamkeiten fallen in den Porträts auf. Erstens: Vier der fünf hier porträtierten Frauen führen entweder ein eigenes Unternehmen oder sind in einem Familienbetrieb tätig, in dem sie entweder selbst Eigentümerin sind oder zur Eigentümerfamilie gehören. In fremden Konzernen in die erste Führungsebene aufzusteigen, scheint der schwierigere Weg zu sein. Zweitens: Zwei der fünf Porträts haben ihre Unternehmensgründung aus einer persönlichen Gesundheitserfahrung heraus entwickelt - Frauwallner aus der Erkrankung ihres Ehemanns, Wallner aus der Neurodermitis ihres Sohnes.

Was die Studie empfiehlt

Die Studienautorinnen formulieren drei Empfehlungen, die bei der Präsentation 2025 sowohl von Gewerkschaften als auch von Kammern und Politik mitgetragen wurden:

  • Verbindliche Quoten auch im nicht-börsennotierten Bereich - weil dort, wo Quoten greifen, die Veränderung messbar ist
  • Ausbau flächendeckender Kinderbetreuung - damit Teilzeit-Zwang und Karrierebruch nicht die einzigen Optionen bleiben
  • Gerechtere Verteilung unbezahlter Arbeit - als langfristige kulturelle Veränderung, die ohne flankierende Maßnahmen bei Elternkarenz und Steuer nicht gelingt

Besonders bemerkenswert ist, dass bei der Studienpräsentation Gewerkschaftsvertreter und Arbeitgebervertreter gemeinsam hinter der Quotenforderung standen - eine seltene Konstellation in der österreichischen Gleichstellungsdebatte.

Einordnung: Steiermark im österreichischen Vergleich

Die Steiermark schneidet nicht schlechter ab als andere Bundesländer mit starker Industrieprägung. Der Frauenanteil in den Aufsichtsräten der Top 100 steirischen Unternehmen liegt mit 21 Prozent zwar deutlich über dem Wert in den Geschäftsführungen, aber unter dem bundesweiten Durchschnitt der Aufsichtsräte großer Kapitalgesellschaften (etwa 28 Prozent nach Zahlen der Arbeiterkammer). Der steirische Rückgang auf der operativen Ebene fällt allerdings deutlicher aus als in Wien, wo der Anteil in der Geschäftsführung laut ähnlichen Studien stabil bei 12 bis 14 Prozent liegt.

Der Grund dafür ist die Branchenstruktur. Die Steiermark ist industriedominiert, und Industrieführung ist in Österreich - wie in Deutschland, der Schweiz und den meisten EU-Ländern - nach wie vor männlich geprägt. Die Probleme sind deshalb weniger "steirisch" als strukturell, aber sie werden in einem industrieintensiven Bundesland deutlicher sichtbar.

Ausblick: Die nächste FELIN-Studie erscheint 2027. Ob sich der Trend bei den Geschäftsführungen umkehrt, hängt weniger von einzelnen Unternehmen ab als von zwei Rahmenbedingungen: der Kinderbetreuung in der Steiermark und der Entwicklung der steirischen Industrie, in der derzeit mehr abgebaut als aufgebaut wird. Die fünf hier porträtierten Frauen stehen für Wege, die funktionieren - sie zeigen aber auch, wie eng der Pfad in die operative Spitze nach wie vor ist.

Quellen