Zum Inhalt springen
Mittwoch, 29. April 2026 Kontakt
Branchen

Handwerk Steiermark - 44.335 Betriebe, Fachkräftemangel und fünftes Minusjahr

Handwerk Steiermark - 44.335 Betriebe, Fachkräftemangel und fünftes Minusjahr

78 Prozent der österreichischen Handwerksbetriebe berichten, ihnen fehlten Fachkräfte - über die Hälfte davon empfindet den Engpass als stark bis sehr stark. Bei gleichzeitig fünf Jahren realem Umsatzminus in Folge steht das steirische Handwerk vor einem Paradox: Die Betriebe kommen mit der Arbeit nicht nach und kämpfen trotzdem wirtschaftlich. Die WKO Sparte Gewerbe und Handwerk vertritt in der Steiermark 44.335 aktive Mitglieder - das ist nach dem Handel die zweitgrößte Kammersparte.

Das Wichtigste in Kürze
  • Die Sparte Gewerbe und Handwerk der WKO Steiermark hat 44.335 aktive Spartenmitglieder
  • Spartenobmann für die Periode 2025-2030 ist Johann Reisenhofer, Stellvertreter ist Josef Paul Gasser
  • 78 % der Betriebe berichten von Fachkräftemangel, 53,5 % davon als stark bis sehr stark ausgeprägt
  • 2024 war das fünfte Jahr in Folge mit realem Umsatzminus (-4,5 %) im Gewerbe und Handwerk österreichweit
  • Gewerbe und Handwerk ist die größte „Talenteschmiede" - österreichweit 43.965 Lehrlinge (rund 45 % aller Lehrlinge), allerdings mit Rückgang um 3,2 % gegenüber Vorjahr
  • Engpass-Berufe: Metalltechniker, Installateure, KFZ-Techniker, Tischler - sowohl auf Gesellen- als auch Meisterniveau

Struktur der Sparte

Das Handwerk der Steiermark ist ein strukturelles Rückgrat der Regionalwirtschaft. Im Gegensatz zur Industrie, die sich auf wenige Großbetriebe konzentriert, sind Gewerbe und Handwerk breit gestreut: kleine und mittlere Unternehmen (KMU) prägen das Bild. Die Sparte Gewerbe und Handwerk der WKO Steiermark nennt 44.335 aktive Spartenmitglieder - das umfasst vom Friseurbetrieb über das Installationsunternehmen bis zum großen Baubetrieb alle denkbaren Gewerke.

Spartenobmann ist für die Funktionsperiode 2025-2030 Johann Reisenhofer, gewählt im Mai 2025. Stellvertreter ist Josef Paul Gasser. Der langjährige Spartenobmann Hermann Talowski trat nach 14 Jahren nicht mehr an.

Die wichtigsten Branchengruppen

Die WKO-Sparte Gewerbe und Handwerk bündelt mehrere Dutzend Berufsgruppen. Die größten und wirtschaftlich wichtigsten Gruppen in der Steiermark sind:

Berufsgruppe Schwerpunkte
Bau und BaunebengewerbeBauunternehmer, Hafner, Pflasterer, Stuckateure
Installations- und GebäudetechnikHeizung, Sanitär, Elektro, Lüftung
Holzbau und TischlereiZimmerei, Tischlerei, Bodenleger
Metalltechnik und KFZSchlosser, KFZ-Mechaniker, Karosseriebauer
Gewerbliche DienstleisterReinigung, Personaldienstleister, Immobilienverwaltung
Gesundheitsnahe BerufeFriseur, Fußpflege, Masseur, Kosmetiker
LebensmittelhandwerkBäcker, Fleischer, Konditoren

Fachkräftemangel - das zentrale Thema

Die wohl wichtigste operative Herausforderung des Sektors ist der Fachkräftemangel. 78 Prozent der Gewerbe-Handwerks-Betriebe berichten laut WKO-Erhebung von Engpässen, mehr als die Hälfte der Betroffenen empfindet den Mangel als „stark bis sehr stark". Betroffen sind insbesondere Metalltechniker, Installateure, KFZ-Techniker und Tischler - sowohl auf Gesellen- als auch auf Meisterniveau.

Ursachen sind demografisch (geburtenschwache Jahrgänge kommen auf den Markt), kulturell (viele Eltern raten vom Handwerk ab und bevorzugen akademische Wege) und strukturell (Verdienstunterschiede zwischen Industrie und Handwerk). Die Sparte setzt auf Imagekampagnen und verstärkte Lehrlingsakquise, auch mit Erfolgen - doch der Gesamttrend bleibt angespannt.

Lehrlinge - die große Schmiede der Fachkräfte

Trotz aller Klagen bleibt das Handwerk der größte Lehrlingsausbilder des Landes. Österreichweit wurden im vergangenen Jahr 43.965 Lehrlinge in Gewerbe und Handwerk ausgebildet - das sind über 45 Prozent aller Lehrlinge. Der Sektor verzeichnete allerdings einen Rückgang von 1.455 Lehrlingen (-3,2 %), der jedoch geringer ausfiel als der Rückgang über alle Sparten hinweg (-3,7 %).

Für die Steiermark veröffentlicht die Lehrlingsstelle der WKO Steiermark jährlich eine detaillierte Lehrlingsstatistik mit Aufteilung nach Sparten und Bezirken. Das Gewerbe und Handwerk stellt auch auf Landesebene die Mehrheit der steirischen Lehrlinge.

Wirtschaftslage: Fünftes Minusjahr in Folge

So stark die Nachfrage nach Handwerksleistungen in einigen Sparten ist, so schwach bleibt die Gesamtbilanz. 2024 schloss das Gewerbe und Handwerk österreichweit mit einem realen Umsatzminus von -4,5 Prozent und einem nominellen Rückgang von -1,0 Prozent ab. Damit war 2024 das fünfte Jahr in Folge mit realem Umsatzminus. Die Gründe liegen vor allem in der Baukrise und der Konsumzurückhaltung: Während die Nachfrage nach Reparaturen und Modernisierungen stabil blieb, brachen Neubauprojekte und Großrenovierungen ein.

Wichtige Einschränkung:
Die Lage ist nicht einheitlich. Im Baubereich (speziell Hochbau) und bei klassischen Tischlereien, die vom Möbelgeschäft abhängen, ist die Auftragslage deutlich schwächer. In energietechnisch relevanten Berufen (Wärmepumpe-Installation, Photovoltaik, Dachdeckerei mit PV-Schwerpunkt) ist die Auftragslage auch 2025/26 stark, wenn Förderungen und Modernisierungspakete greifen. Pauschale Lageaussagen passen deshalb selten auf den Einzelbetrieb.

Handwerkerbonus als Konjunkturstütze

Zur Stabilisierung der Nachfrage hat die Bundesregierung den Handwerkerbonus fortgeführt - eine Förderung für private Renovierungs- und Sanierungsleistungen, die handwerkliche Dienstleistungen steuerlich attraktiver macht. Die WKO unterstützt diesen Weg: Die Neuauflage des Handwerkerbonus wurde mit breiter Zustimmung aufgenommen und soll Aufträge aus der privaten Nachfrage kanalisieren.

Praxis-Tipp:
Für Betriebe im Handwerk bietet die WKO Steiermark spezialisierte Beratungsangebote: Beihilfe bei Lehrlingssuche, Betriebsnachfolge-Services, Förderungen der Digitalisierung von Werkstätten sowie regionale Qualifizierungsprogramme über den Handwerkerbonus. Detaillierte Informationen finden sich im Bereich „Sparte Gewerbe und Handwerk" unter wko.at/stmk/gewerbe-handwerk.

Betriebsnachfolge als strukturelles Thema

Ein weiterer Aspekt, der die Statistik beeinflusst, ist die Betriebsnachfolge. Zahlreiche Handwerksbetriebe werden von der Gründergeneration an die nächste Stufe weitergegeben - oder nicht. Die WKO Steiermark schätzt, dass in den nächsten fünf bis zehn Jahren mehrere tausend Handwerksbetriebe in der Steiermark vor einer Nachfolgeentscheidung stehen. Fehlende Nachfolger gehören zu den häufigsten Gründen für Betriebsaufgaben.

Ausblick: Das steirische Handwerk steht zwischen einer soliden Nachfrage-Perspektive (Energiewende, Sanierung, Demografie) und strukturellen Herausforderungen (Fachkräfte, Nachfolge, Baukrise). Der Weg aus dem fünften Minusjahr führt über qualifiziertes Personal - und über die Fähigkeit, sich auf energiegewandte Aufträge umzustellen.

Quellen