1.146 Firmenpleiten allein im österreichischen Handel - so liest sich die Bilanz 2024. Der Sektor führt die heimische Insolvenzstatistik an, und der Strukturwandel hat die Steiermark mit voller Wucht erreicht. Über 18.600 steirische Handelsbetriebe und ihre rund 75.000 Beschäftigten stehen zwischen stationären Flächen, Online-Konkurrenz und einem neuen Konsumverhalten, das sich seit der Pandemie nicht mehr zurückdreht.
- Die WKO Sparte Handel Steiermark vertritt über 18.600 Betriebe mit rund 75.000 Beschäftigten
- Der Handel ist mit rund einem Viertel aller unselbständig Beschäftigten zweitgrößter Arbeitgeber in der steirischen Privatwirtschaft
- Österreichweit verzeichnete der Handel 2024 mit rund 1.146 Insolvenzen die höchste Pleitenzahl aller Branchen (+16 % ggü. 2023)
- Shopping City Seiersberg ist mit 74.000 m² Verkaufsfläche das größte Einkaufszentrum der Steiermark und drittgrößte Österreichs
- Elektro-/Onlinehandel wuchs 2024 um +2,4 %, Möbelhandel schrumpfte um -9,5 %, Bücherhandel um -11,5 %
- Spartenobmann Handel in der Steiermark ist Gerhard Wohlmuth, Winzer und Weinhändler aus Fresing (Leibnitz)
Die Eckdaten der Branche
Der Handel ist in der Steiermark nach der Sachgüterproduktion der zweitgrößte private Arbeitgeber. In ihrer eigenen Darstellung kommuniziert die Sparte Handel der WKO Steiermark konstant rund 18.600 Mitgliedsbetriebe mit etwa 75.000 Beschäftigten - dazu kommen rund 4.000 Lehrlinge, die in Handelsberufen ausgebildet werden.
Ein wichtiger struktureller Befund: Der Handel ist heterogen. Er umfasst den kleinen Fachhandel in Innenstädten genauso wie die großen Lebensmittelketten (Spar, Rewe, Hofer, Lidl mit zahlreichen steirischen Filialen), den Baustoffhandel (Fritz Kahr, Reichelt, STARK), den Großhandel (Pfeiffer, Metro), den Onlinehandel und die Discount-Formate. Spartenobmann seit Mai 2025 ist Gerhard Wohlmuth, ein Winzer und Weinhändler aus Fresing im Bezirk Leibnitz.
| Kennzahl Sparte Handel Steiermark | Wert |
|---|---|
| Betriebe | über 18.600 |
| Beschäftigte | rund 75.000 |
| Anteil an den unselbständig Beschäftigten | rund 25 % |
| Insolvenzen im Handel Österreich (2024) | rund 1.146 (+16 %) |
| Spartenobmann | Gerhard Wohlmuth (seit 2025) |
Online vs. stationär - die Bruchlinie
Die stärkste Entwicklungslinie der letzten Jahre verläuft zwischen stationärem Einzelhandel und E-Commerce. Laut WKO-Jahresbilanz 2024 gab es innerhalb des Einzelhandels eine klare Zweiteilung: Elektro- und Onlinehandel legten um +2,4 Prozent zu, Bekleidungshandel um +2,1 Prozent, Bau- und Heimwerkerbedarf um +1,9 Prozent. Auf der anderen Seite brachen Möbelhandel (-9,5 %), Bücherhandel (-11,5 %) und Schmuckhandel (-5,3 %) stark ein.
Die Konsumflaute trifft fast alle Branchen, aber das strukturelle Problem ist tiefer. Verbraucher kaufen zunehmend online - nicht mehr nur Bücher und Elektronik, sondern auch Möbel, Bekleidung, Kosmetik. Für kleine Fachhändler mit hoher Flächenbelastung und ohne E-Commerce-Strategie wird das zur existenziellen Frage.
Graz - zwischen Altstadt und Shopping City
Das steirische Einzelhandelsgefüge konzentriert sich auf drei Pole: die Grazer Innenstadt (Hauptplatz, Herrengasse, Sackstraße mit Filialketten und inhabergeführten Geschäften), das Einkaufszentrum Citypark im Südosten der Stadt - und die Shopping City Seiersberg am südwestlichen Stadtrand.
Die Shopping City Seiersberg ist das mit Abstand größte Shoppingcenter des Landes. Auf 74.000 Quadratmetern vermietbarer Fläche firmieren rund 180 Shops. Das Zentrum, eröffnet 2003, ist nach eigenen Angaben das drittgrößte Einkaufszentrum Österreichs. 2024 zählte es 7,5 Millionen Besucher - ein Plus von 3,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Umsatz stieg trotz laufender Umbauten um 4,1 Prozent. 2025 zogen sieben neue Marken ein, darunter Comma, Skechers und Spa Ceylon.
Die Innenstadt von Graz kämpft hingegen mit den typischen Problemen mitteleuropäischer Altstädte: Ladenschließungen, Leerstand in Seitenstraßen, Filialisten-Abgänge nach der Pandemie. Gegensteuern versucht die Citymanagement Graz-Initiative mit Events, Centerflächenvermittlung und digitalen Marketingkooperationen.
Der Befund „Innenstadt-Sterben" ist in der öffentlichen Debatte oft überzeichnet. In Graz sind attraktive Lagen wie Herrengasse und Hauptplatz weiterhin gut frequentiert. Problematisch sind Seitenstraßen mit hohen Mieten, wenig Passantenfrequenz und veralteten Flächenkonzepten. Die Diagnose unterscheidet sich je nach Straßenzug deutlich.
Lebensmittelhandel - dichte Versorgung, hoher Preisdruck
Der Lebensmitteleinzelhandel ist in Österreich und besonders in der Steiermark sehr dicht. Die vier größten Ketten - Spar Österreich, Rewe Österreich (Billa, Penny, Adeg), Hofer und Lidl - halten zusammen rund 90 Prozent Marktanteil. In der Steiermark hat speziell Spar eine starke Position, da die Gruppe mit der Salzburger Zentrale und zahlreichen Kaufleuten als Franchise-Partner regional verwurzelt ist.
Gleichzeitig hat der Sektor mit historisch hoher Inflation, Mehrwertsteuer-Debatten und Preistransparenz zu kämpfen. Die diskutierte Mehrwertsteuersenkung auf Grundnahrungsmittel hat die Debatte 2025/26 zusätzlich angeheizt.
Für kleine und mittlere Handelsbetriebe bietet die Sparte Handel der WKO Steiermark zahlreiche Förderangebote: Digitalisierungsförderungen für Online-Shops, Beratung zur Ladenflächengestaltung, Fachkräfte-Matching. Zudem laufen Landesförderungen für regionalen Handel. Informationen unter wko.at/stmk/handel.
Der Trend zur Konzentration
Parallel zum Wachstum der Onlineplattformen setzt sich die Konzentration im stationären Handel fort. Die Statistik der letzten zehn Jahre zeigt ein klares Muster: Die Zahl der Betriebe sinkt tendenziell, die durchschnittliche Betriebsgröße wächst. Filialisten und Shoppingcenter nehmen Flächen auf, kleine Inhaberbetriebe verschwinden - oft, weil keine Nachfolge gefunden wird.
Im ländlichen Raum verschärft sich die Lage: Dort, wo Ortskerne leer werden, verlagert sich der Handel an die Durchzugsstraßen, zu Nahversorgern am Ortsrand und in die Bezirkshauptstädte. Das Land Steiermark unterstützt mit Ortskern-Initiativen und Förderungen für kleinstrukturierte Nahversorger, an den Grundtrends ändert das wenig.
Ausbildung und Fachkräfte
Der Handel ist nach wie vor eine wichtige Lehrlingsbranche. Laut WKO Statistik 2025 der Lehrlingsstelle war die Sparte Handel mit rund 4.000 Lehrlingen einer der größten Lehrlingsbereiche der Steiermark. Gleichzeitig melden viele Betriebe Probleme bei der Besetzung von Lehrstellen und Fachpositionen.