Von den sieben österreichischen Unicorns - Startups mit einer Milliardenbewertung - ist aktuell keines in der Steiermark ansässig. BitPanda, GoStudent, Copa-Data, Loxone, Tricentis, TTTech Auto und Neoom sitzen in Wien, Oberösterreich und Salzburg. Dabei kommt das ambitionierteste Projekt für einen steirischen Unicorn-Eintrag aus Graz - und ist in seiner Kategorie weltweit führend.
- Die Steiermark stellt bisher kein Unicorn, hat aber mehrere Kandidaten mit realistischer Chance auf eine Milliardenbewertung
- USound aus Graz gilt als heißester Kandidat: MEMS-Lautsprecher-Marktführer mit bisher rund 83 Mio. Dollar Investments und 500+ Patenten
- smaXtec (Graz) hat 2025 KKR und Highland Europe als Investoren geholt, erzielt rund 50 Mio. Euro Umsatz bei 300 Mitarbeitern
- Easelink (Graz) holte mit der Matrix-Charging-Allianz Audi, Nissan und Voyah an Bord - potenzielles Scaling-Ticket
- Nur weniger als fünf Prozent der österreichischen akademischen Spin-offs erreichen laut Konsultori tatsächlich Scale-up-Status
Was einen Unicorn-Kandidaten ausmacht
Der Begriff Unicorn wurde 2013 von der US-Venture-Capital-Investorin Aileen Lee geprägt und bezeichnet ein Startup mit einer Bewertung von mindestens einer Milliarde US-Dollar. Ein Kandidat - oft als Soonicorn bezeichnet - erfüllt drei Kriterien: er hat ein Produkt am Markt, wächst stark im Umsatz und bewegt sich finanziell auf eine Runde zu, die die Milliardenmarke plausibel macht.
Die Hürde ist hoch. Laut einer Analyse der Wiener Beratung Konsultori erreichen weniger als fünf Prozent der österreichischen akademischen Spin-offs echten Scale-up-Status (Jahreswachstum 50-100 Prozent, Bewertung über 50 Millionen Euro). Finnland kommt auf 12 Prozent.
USound - der Klarfavorit
USound ist das steirische Startup, das in jeder Soonicorn-Liste aus Österreich vorkommt. Das 2014 in Graz gegründete Unternehmen entwickelt Mikrolautsprecher auf Basis der MEMS-Technologie - extrem klein, energieeffizient, hergestellt in Halbleiter-Prozessen. Zielmärkte sind Premium-Ohrhörer, Hörgeräte und Wearables.
Stand 2026 arbeiten nach Angaben des Unternehmens mehr als 70 Mitarbeiter in vier Büros (Graz, Wien, San Francisco, Shenzhen). USound verfügt über mehr als 500 Patente und Patentanmeldungen. CEO und Mitgründer ist Ferruccio Bottoni, CFO und Chairman ist Herbert Gartner, dessen eQventure als Lead-Investor auftritt.
Das bisher eingeworbene Kapital liegt laut Tracxn bei rund 83,8 Millionen US-Dollar über zehn Runden. Die jüngste dokumentierte Runde war eine Series B über 11 Millionen Dollar im August 2023. Für das Einstufen als Unicorn-Kandidat entscheidend ist die industrielle Skalierung: Sobald USound-Chips in einer größeren Serien-Anwendung von Samsung, Apple oder einem großen Hörgeräte-Hersteller verbaut werden, verändert sich die Bewertung signifikant.
Der ARM-Gründer Hermann Hauser zählt seit 2017 zu den Investoren von USound. Hauser gilt international als einer der wichtigsten Deep-Tech-Investoren und war Mitgründer des britischen Chipdesigners ARM, der 2016 für 31,4 Milliarden Dollar an Softbank verkauft wurde. Seine Beteiligung erhöht die Glaubwürdigkeit von USound bei internationalen Folgeinvestoren.
smaXtec - der leise Gigant
smaXtec wird in Unicorn-Diskussionen oft unterschätzt, weil das Unternehmen nicht im Publikumsrampenlicht steht. Das Grazer Agrartech-Startup wurde 2009 von Stefan Rosenkranz und Mario Fallast gegründet und entwickelt Bolus-Sensoren, die dauerhaft im Pansen von Milchkühen platziert werden. Der Sensor misst Temperatur, Aktivität und Wasseraufnahme und meldet drohende Krankheiten früh an den Landwirt.
Die aktuellen Zahlen: rund 300 Mitarbeiter, rund 50 Millionen Euro Umsatz (Stand Anfang 2026), 90 Prozent Exportquote, Büros in Deutschland, Großbritannien, Irland, den Niederlanden, der Schweiz, den USA und Neuseeland. Laut SFG-Bericht sind seit 2025 die globale Investmentgesellschaft KKR und der britische Growth-Equity-Investor Highland Europe am Unternehmen beteiligt - ein starkes Signal für eine weitere Bewertungssteigerung.
smaXtec ist mit dieser Kombination aus Umsatz, Wachstum und Investoren-Qualität in der Steiermark das Unternehmen, das am schnellsten an die Milliardenbewertung kommen könnte, falls das internationale Wachstum im aktuellen Tempo weiterläuft.
Easelink - der Joker
Easelink gehört in die Kategorie der Unicorn-Kandidaten mit hohem Risiko und hohem Potenzial. Das 2016 gegründete Startup entwickelt Matrix Charging, ein automatisches konduktives Ladesystem für E-Autos. Die Technologie funktioniert, doch die Geschäftsbasis hängt davon ab, ob sich Matrix Charging als Standard durchsetzt - gegen induktives Laden und klassische Steckerlösungen.
Im November 2025 wurde die Matrix Charging Interest Group mit Audi, Nissan und dem chinesischen Hersteller Voyah (Dongfeng) bekanntgegeben. Das ist ein Etappenziel, aber noch kein kommerzieller Durchbruch. Easelink erhielt 2025 zudem 11,5 Millionen Euro vom European Innovation Council. Für einen Sprung in Richtung Unicorn-Bewertung wäre ein echter OEM-Großauftrag notwendig - so weit ist das Unternehmen zum Redaktionsschluss noch nicht.
Weitere Kandidaten in der zweiten Reihe
| Unternehmen | Sitz | Bereich | Einschätzung |
|---|---|---|---|
| EET / SOLMATE | Graz | Balkonkraftwerke mit Speicher | Starke Marke, aber B2C-Geschäft mit Margenrisiko |
| Leftshift One | Graz / München | Enterprise-KI / Generative AI | Nische mit viel Wettbewerb, 40 Mitarbeiter |
| GATE Space | Graz / NÖ | Satellitenantriebe | Sehr früh, hohes Risiko, sehr hoher Bewertungshebel bei Erfolg |
| Lanbiotic | Graz | Probiotische Hautpflege | Nischenmarkt mit Pharma-Anschlusspotenzial |
| NXRT | Wien / eQventure-Portfolio | VR/MR-Simulatoren | Steigende Kundenzahl, solides Wachstum |
Warum Steiermark bislang ohne Unicorn blieb
Drei strukturelle Gründe erklären das Fehlen eines steirischen Unicorns.
Erstens: Deep-Tech-Projekte brauchen länger. Die bekanntesten Unicorns Österreichs entstanden im B2C-Bereich (BitPanda in Krypto-Trading, GoStudent in Online-Nachhilfe, Refurbed im Refurbished-E-Commerce). Dort lässt sich schneller skalieren als bei Hardware-Startups mit mehrjährigen Industrialisierungsphasen.
Zweitens: Die Later-Stage-Finanzierung fehlt in Österreich. Für Runden ab 50 Millionen Euro braucht es international vernetzte VCs, die überwiegend in London, Paris und Berlin sitzen. Gründer müssen aktiv ins Ausland gehen - das verlangsamt das Tempo.
Drittens: Die Gründungsdichte. Laut Brutkasten wurden in der Steiermark seit 2011 rund 12,6 Prozent aller österreichischen Startups gegründet, das ist unter der Bevölkerungsquote Wiens. Wenige Gründungen bedeuten wenige Ausreißer nach oben.
Ein Unicorn ist ein Bewertungsmaßstab, kein wirtschaftliches Qualitätsurteil. Für den Wirtschaftsstandort Steiermark ist ein stabiles 50-Millionen-Euro-Scale-up wie smaXtec realwirtschaftlich wertvoller als eine gehypte B2C-Bewertung, die sich in einer schwachen Börsenphase wieder halbiert - wie es bei GoStudent ab 2022 zu beobachten war.
Was 2026 entscheidend wird
Für die drei genannten Hauptkandidaten stehen konkrete Prüfsteine an.
- USound: Industrialisierungsnachweis bei einem großen Consumer-Electronics-Kunden, nächste Finanzierungsrunde (idealerweise Series C ab 30-50 Millionen Dollar)
- smaXtec: Umsatzverdopplung unter KKR-/Highland-Europe-Beteiligung, mögliche Series-E oder Vorbereitung auf einen Börsengang
- Easelink: Erster kommerzieller OEM-Serien-Auftrag und Überführung der EIC-Mittel in eine klassische VC-Runde
Quellen
- USound: offizielle Unternehmensdaten zu Mitarbeitern, Patenten und Standorten
- SFG: smaXtec - Investment von KKR und Highland Europe 2025
- Brutkasten: Easelink startet Matrix-Charging-Allianz mit Audi, Nissan und Voyah
- Konsultori: Warum viele österreichische Spin-offs nicht skalieren
- Brutkasten: USound - 20 Millionen Dollar Investment von eQventure
- Tracxn: USound Company Profile mit Finanzierungshistorie