Zum Inhalt springen
Samstag, 25. April 2026 Kontakt
Menschen

Christoph Grimmer - wie der EET-Gründer mit SolMate die Balkonsolaranlage massentauglich macht

Rund 1.000 Balkonkraftwerke mit integriertem Speicher verlassen jeden Monat das Grazer Unternehmen EET. Das wäre in einer Branche mit jahrzehntelanger Tradition eine ordentliche Zahl. EET (Efficient Energy Technology) existiert allerdings erst seit 2017. Treibende Kraft hinter dem Wachstum ist Mitgründer und CEO Christoph Grimmer - ein promovierter Elektrochemiker, der vom Laborbench an der TU Graz zum Industrie-Unternehmer mit über 100 Mitarbeitenden wurde.

Das Wichtigste in Kürze
  • Christoph Grimmer ist Mitgründer und CEO der EET Efficient Energy Technology GmbH, einem 2017 aus der TU Graz ausgegründeten Startup mit Sitz in Graz
  • EET entwickelt und vertreibt das Balkonkraftwerk SolMate - eine Kombination aus flexiblen PV-Modulen, Speicher und patentierter Einspeise-Technik
  • Mitgründer sind Stephan Weinberger und Florian Gebetsroither, alle drei lernten sich am Institut für Chemische Verfahrenstechnik und Umwelttechnik der TU Graz kennen
  • Klaus Fronius, Gründer des Wechselrichter-Herstellers Fronius, ist seit 2017 Gesellschafter. Im August 2023 folgte eine Wachstumsrunde über 6,5 Mio. Euro
  • Stand Investitionsrunde 2023 beschäftigte EET rund 70 Personen an zwei steirischen Standorten und kündigte den Ausbau auf über 100 Beschäftigte an
Lebensdaten
Ausbildung
Studium Technische Chemie an der TU Graz, Doktorat in Elektrochemie, Wirtschaftsstudium an der Karl-Franzens-Universität Graz
Station vor EET
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Chemische Verfahrenstechnik und Umwelttechnik, TU Graz, Forschungsschwerpunkt elektrochemische Energiespeicher
Stationen
Mitgründer und CEO EET Efficient Energy Technology GmbH (seit 2017)
Aktuell
CEO EET Efficient Energy Technology GmbH, Graz

Vom Labor an der TU Graz zum Produkt

Grimmers Weg zur Unternehmensgründung begann klassisch akademisch. An der TU Graz studierte er Technische Chemie und promovierte anschließend in Elektrochemie. Die Dissertation über elektrochemische Energiespeicher wurde nach Unternehmensangaben mehrfach ausgezeichnet. Parallel belegte er ein Wirtschaftsstudium an der Karl-Franzens-Universität - eine Kombination, die sich später auszahlen sollte.

Am Institut für Chemische Verfahrenstechnik und Umwelttechnik der TU Graz traf Grimmer auf zwei Kollegen, die später mitgründen sollten: Stephan Weinberger und Florian Gebetsroither. Alle drei forschten zu Energiespeicherung und Elektrochemie. Aus dieser Konstellation entstand 2016/2017 die Idee, eine marktreife Balkonsolaranlage mit integriertem Speicher für den Endverbraucher zu bauen.

Die Gründung 2017

Am 9. Mai 2017 wurde die EET Efficient Energy Technology GmbH formal eingetragen. Sitz des Unternehmens ist Graz, der Standort in der Herrgottwiesgasse wurde später ausgebaut. Als Inkubator nutzte das Team den Science Park Graz, wo man von drei Ingenieuren auf 14 Beschäftigte innerhalb von 18 Monaten wuchs.

Noch im Gründungsjahr gelang EET ein Coup, der in der österreichischen Startup-Szene Aufmerksamkeit erzeugte: Klaus Fronius - Gründer des oberösterreichischen Wechselrichter- und Solarelektronik-Konzerns Fronius - stieg gemeinsam mit dem Grazer Business Angel Michael Koncar als Gesellschafter ein. Beide übernahmen laut Brutkasten-Berichterstattung je 10 Prozent. Damit hatte das junge Unternehmen einen der prominentesten Solar-Unternehmer Österreichs an Bord.

Das Unternehmen unter Grimmer

Das Kernprodukt SolMate besteht aus einer kleinen Anzahl von PV-Modulen zur Montage am Balkongeländer, einem Speicher mit rund 1,5 kWh Kapazität und einer patentierten Mess- und Einspeise-Technik, die unter dem Markennamen NetDetection geführt wird. Der Ansatz: Strom wird nur dann aus dem Speicher in die Haushaltssteckdose eingespeist, wenn im Haushalt tatsächlich Verbrauch gemessen wird. Damit bleibt die Produktion auf den Eigenverbrauch gerichtet.

Die Installation ist für Laien ausgelegt. Grimmer erklärt das Prinzip in einer Brutkasten-Reportage so: "Die Spannung wird ein bisschen höher geregelt als im Hausstromkreis, also wird der Strom im Grunde rückwärts gedrückt und verteilt sich dann." Nach Unternehmensangaben kann ein SolMate bis zu 50 Prozent des Strombedarfs eines durchschnittlichen Haushalts decken - wobei diese Zahl vom Verbrauchsprofil der Bewohner abhängt und in älteren Materialien niedriger angegeben wurde.

Meilenstein Zeitraum Details
Gründung Mai 2017 Grimmer, Weinberger, Gebetsroither
Erste Finanzierung 2017 500.000 Euro von Klaus Fronius und Michael Koncar
Vorbestellungs-Skalierung 2019 / 2020 500 verkaufte Einheiten, Wartelisten für weitere 800
Standort-Ausbau Sommer 2020 1 Mio. Euro Investition in neues Grazer Gebäude
Wachstumsrunde August 2023 6,5 Mio. Euro: Junction Growth, Statkraft Ventures, Green Fortress
Produktion 2023 Rund 1.000 Einheiten pro Monat

Die 6,5-Millionen-Runde 2023

Im August 2023 schloss EET eine Wachstumsrunde über 6,5 Millionen Euro ab. Beteiligt waren drei europäische Fonds: Junction Growth Investors aus Belgien, Statkraft Ventures aus Norwegen und die deutsche Green Fortress, hinter der Christoph Ostermann - Gründer des Heimspeicher-Herstellers Sonnen - steht. Die Gründer behielten die Mehrheit.

Zur Strategie sagte Grimmer gegenüber Trending Topics: "Da der Energiekonsum und die Kosten für Strom jedes Jahr weiter steigen, war es unser oberstes Anliegen, jedem Menschen die Möglichkeit zu geben, im eigenen Zuhause grünen Strom nachhaltig zu produzieren." Das frische Geld ging in den Ausbau des Teams - 25 offene Positionen waren zum Zeitpunkt der Runde ausgeschrieben - sowie in ein drittes Grazer Büro. Absatzmärkte: Deutschland, Frankreich und Italien als Bestandsmärkte, Spanien und Portugal als nächste Expansionsziele.

Praxis-Hintergrund:
Über die reine Optik hinaus unterscheidet SolMate sich von typischen Balkonkraftwerken durch den integrierten Speicher. Während klassische Plug-in-PV-Systeme Überschuss einfach ungespeichert ins Netz abgeben, hält SolMate die Energie zurück und speist sie gezielt nur dann ein, wenn im Haushalt Verbrauch erkannt wird. Damit wird der Eigenverbrauchsanteil spürbar gesteigert.

Produktion und Lieferkette

EET produziert nicht alles selbst. Montage und Software-Inbetriebnahme erfolgen in Graz, die Fertigung wesentlicher Komponenten liegt bei einem oberösterreichischen Partner. Zwischen 2019 und 2020 stieg der Monatsausstoß von unter 100 auf mehrere hundert Einheiten, seit 2023 werden laut Unternehmensangaben bis zu 1.000 Systeme monatlich abgesetzt. Rund 99 Prozent der Käufer sind Privathaushalte. Der Anteil deutscher Kunden lag 2020 bereits bei etwa 20 Prozent; mit der Expansion nach Frankreich, Italien, Spanien und Portugal dürfte er weiter gewachsen sein.

Führung und Positionierung

Grimmer tritt als sachlicher, technikgetriebener CEO auf. In Interviews spricht er bevorzugt über die Mechanik des Produkts, die Wirtschaftlichkeit für den Haushalt - nach Unternehmensangaben eine Amortisationszeit von rund zwölf Jahren bei 25 Jahren Modulgarantie - und die regulatorischen Rahmenbedingungen. Provokante Branchenurteile wie bei manchen Berufskollegen sucht man bei ihm vergebens. Der Habitus ist eher der eines Ingenieurs, der ein Produkt industriereif gemacht hat, als der eines klassischen Founder-Brands.

EET ist Mitglied im Green Tech Valley Cluster und wird regelmäßig als Beispiel für erfolgreiche TU-Graz-Ausgründungen im Cleantech-Bereich zitiert. Über den Green-Tech-Cluster ist EET eingebettet in ein Netzwerk aus aktuell mehr als 260 Cluster-Mitgliedern, darunter Andritz Hydro, Energie Steiermark und Joanneum Research.

Einordnung für den Standort Steiermark

EET ist eines der wenigen steirischen Cleantech-Startups, das den Sprung von der TU-Ausgründung zum Hersteller mit dreistelliger Beschäftigtenzahl geschafft hat. Die meisten heimischen PV-Installateurs-Betriebe arbeiten als klassische Dienstleister, während EET ein eigenes Produkt vermarktet. Das macht die Wertschöpfung innerhalb der Steiermark höher - Engineering, Software, Montage und Marketing bleiben hier.

Für den Standort hat Grimmers Weg eine Signalfunktion: Ein Chemie-Doktorat an der TU Graz lässt sich ohne Umweg in ein Industrie-Produkt überführen, wenn Markt-Timing, Investoren und ein hartnäckig umgesetztes Konzept zusammenkommen. Dass Klaus Fronius als einer der erfahrensten Solar-Unternehmer des Landes früh zustieg, verschaffte dem Team Zugang zu branchenspezifischem Know-how, das typische Startup-Investoren nicht mitbringen.

Ausblick: Der europäische Markt für Balkonkraftwerke wächst stark. Deutschland als größter DACH-Markt hat die Zulassung durch mehrere Regulierungsschritte vereinfacht, Frankreich und Italien folgen. Ob EET seine Stellung halten kann, hängt vor allem davon ab, wie gut das Unternehmen im Preiskampf gegen asiatische Massenanbieter mit dem Speicher-USP bestehen kann. Eine weitere Finanzierungsrunde oder ein strategischer Schritt - etwa ein Verkauf an einen großen Solartechnik-Konzern - ist in den nächsten Jahren gut vorstellbar.

Quellen