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Donnerstag, 23. April 2026 Kontakt
Innovation

Wasserstoff-Strategie Steiermark bis 2030 - 130 Millionen Euro für sechs Leitprojekte

Wasserstoff-Strategie Steiermark bis 2030 - 130 Millionen Euro für sechs Leitprojekte

36,25 Megawatt Elektrolysekapazität, 5.500 Tonnen grüner Wasserstoff pro Jahr und rund 130 Millionen Euro Investitionsvolumen: Mit diesen Eckzahlen geht die Steiermark als Gründungsregion in das erste europäische Wasserstoff-Valley für die Industrie. Dahinter stehen sechs steirische Leitprojekte, die zwischen 2025 und 2028 ans Netz gehen sollen, ein dichtes Forschungsnetzwerk rund um die TU Graz und eine Ankerinvestition des Grazer Anlagenbauers Andritz in Niedersachsen.

Das Wichtigste in Kürze
  • Sechs steirische Wasserstoffprojekte mit rund 130 Mio. Euro Investitionsvolumen werden bis Ende 2028 umgesetzt
  • Elektrolysekapazität steigt von derzeit rund 1 MW auf 36,25 MW - Produktion circa 5.500 Tonnen grüner Wasserstoff pro Jahr
  • Leitprojekt CSH2H in Donawitz liefert künftig rund 3.000 Tonnen H2 jährlich für die voestalpine-Stahlproduktion
  • HyCentA an der TU Graz koordiniert als K1-Kompetenzzentrum den Großteil der Projektentwicklung
  • Andritz baut eine 100-MW-Elektrolyseanlage für den Salzgitter-Konzern - Inbetriebnahme Ende 2026
  • Das TU-Graz-Elektrolyse-Testzentrum ging im April 2025 mit 4,5 Mio. Euro Investition in Betrieb

Das europäische Wasserstoff-Valley - warum die Steiermark Gründungsmitglied ist

Im August 2024 bewilligte die EU-Kommission das erste europäische Wasserstoff-Valley mit industriellem Fokus. Gründungsregionen sind Oberösterreich, Kärnten und die Steiermark. Insgesamt sind 17 Projekte mit einem Gesamtvolumen von 578 Millionen Euro geplant, die EU-Anschubfinanzierung liegt bei 20 Millionen Euro. Die Steiermark trägt sechs dieser Projekte und damit einen kräftigen Anteil am Gesamtpaket. Koordiniert werden die Beteiligten vom Forschungsinstitut WIVA P&G, das 48 nationale und internationale Partner bündelt.

Der Zeitplan ist eng gesteckt: Die konkrete Planungsphase läuft seit Anfang 2025 und soll bis Ende 2026 abgeschlossen sein. Ab 2027 folgt die Errichtungsphase, Ende 2028 sollen alle Anlagen in Betrieb sein. Bis 2030 folgt die Optimierungsphase.

Die sechs steirischen Leitprojekte im Überblick

Mengenmäßig am bedeutendsten ist das Projekt CSH2H Donawitz. Dort entsteht ein Elektrolyseur, der pro Jahr rund 3.000 Tonnen grünen Wasserstoff für die Stahlproduktion der voestalpine liefern soll. Die Umstellung des Standortes Donawitz auf eine grüne Route ist Teil des Konzernprogramms greentec steel: Ab 2027 wird dort ein strombetriebener Elektrolichtbogenofen in Betrieb gehen, ein kohlebasiertes Hochofenaggregat wird stillgelegt. Laut voestalpine sinken die CO2-Emissionen damit bis 2029 um rund 30 Prozent gegenüber dem Vergleichsjahr 2019.

Das zweite grosse Projekt, FossilFree4Industry, sieht einen 8-MW-Elektrolyseur in Weiz vor. Im Kraftwerk Mellach entsteht eine 6-MW-Anlage, die rund 760 Tonnen Wasserstoff jährlich produzieren soll. Hinzu kommt die Umstellung eines Biomasseanlagen-Standortes in Zeltweg auf Wasserstofferzeugung. Die restlichen Vorhaben umfassen den Ausbau bestehender Pilotanlagen und Infrastrukturprojekte.

ProjektStandortKapazität / Output
CSH2H DonawitzLeoben-Donawitzca. 3.000 t H2 pro Jahr (voestalpine)
FossilFree4IndustryWeiz8-MW-Elektrolyseur
Mellach H2-AnlageMellach (Graz-Umgebung)6 MW, ca. 760 t H2 pro Jahr
Biomasse-zu-H2Zeltweg (Murtal)Umstellung bestehender Biomasseanlage
Erweiterung Renewable GasfieldGabersdorf (Leibnitz)von 1,25 MW auf 2,25 MW
Infrastruktur und Mobilitätmehrere StandorteTankstellen, Trailer-Logistik

HyCentA - die Forschungsdrehscheibe an der TU Graz

Das HyCentA Research GmbH ist das zentrale Kompetenzzentrum für Wasserstofftechnologien in Österreich. Gegründet 2005 in Graz, wurde das K1-Zentrum 2025 20 Jahre alt. Rund um das Jubiläum startete der nächste Ausbauschritt: Neben dem bestehenden Testzentrum entsteht ein zweigeschossiger Neubau mit zusätzlichen Test- und Laborflächen, das Investitionsvolumen liegt bei etwa fünf Millionen Euro. Auf dem Nachbargrundstück errichtet die Haupteigentümerin TU Graz ein Freiluft-Testzentrum für Grosselektrolyseure.

HyCentA arbeitet für Kunden aus Industrie und Forschung an Elektrolyseuren, Wasserstoffspeichern und Brennstoffzellen. Unter den aktuellen Projekten sticht die Zusammenarbeit mit OMV am grössten geplanten Wasserstoff-Elektrolyseur des Landes hervor. Seit 2025 ist HyCentA zudem offizielle Prüfstelle für das ÖVGW-Wasserstoff-Qualitätssiegel.

Das neue H2-Elektrolyse-Testzentrum der TU Graz

Im April 2025 eröffnete die TU Graz das erste universitäre H2-Elektrolyse-Testzentrum Österreichs im Megawattbereich. Die Bundesmittel für die TU Graz beliefen sich auf zehn Millionen Euro, 4,5 Millionen Euro davon flossen direkt in das neue Testzentrum. Die Anlage auf 250 Quadratmetern beherbergt Elektrolyseure mit 1,6 bis 2,5 MW Leistung und kann unter Volllast bis zu 50 Kilogramm Wasserstoff pro Stunde erzeugen. Ein 18 Meter langer Speichertank fasst 190 Kilogramm, eine 315 Meter lange unterirdische Pipeline verteilt den Wasserstoff an vier TU-Institute und drei COMET-Zentren.

Federführend sind Viktor Hacker vom Institut für Chemische Verfahrenstechnik und Umwelttechnik sowie Alexander Trattner, Leiter des Instituts für Thermodynamik und Nachhaltige Antriebssysteme und zugleich Geschäftsführer von HyCentA. Die Anlage dient Langzeit- und Alterungstests, Degradationsanalysen und dem Vergleich verschiedener Elektrolysetechnologien. Details zum Testzentrum liefert die Projektbeschreibung der TU Graz.

Gut zu wissen:
Ein K1-Kompetenzzentrum wie HyCentA ist das höchste Label im österreichischen COMET-Forschungsprogramm. K1-Zentren werden vom Bund und den Sitzländern ko-finanziert und verbinden mehrere Universitäten mit Industriepartnern. Für die Steiermark sind diese Zentren der wichtigste Hebel zur langfristigen Ansiedlung angewandter Forschung.

Andritz als Exportlokomotive - 100-MW-Anlage für Salzgitter

Die Wasserstoff-Strategie wird in der Steiermark nicht nur drinnen, sondern auch draussen geschrieben. Der Grazer Anlagenbauer Andritz AG errichtet am deutschen Stahlstandort Salzgitter eine der grössten Elektrolyseanlagen Europas. Die Grundsteinlegung erfolgte im Februar 2025, die Inbetriebnahme ist für Ende 2026 geplant. Die Anlage verfügt über 100 MW Leistung, nutzt Druck-Alkali-Elektrolyse-Technologie von HydrogenPro und soll rund 9.000 Tonnen grünen Wasserstoff pro Jahr für die Stahlproduktion bereitstellen.

Der Auftrag bindet das Grazer Kernteam an eine europaweit sichtbare Referenz. Salzgitter plant, die neue Route ab 2026 zu nutzen und die Umstellung auf weitgehend CO2-freien Stahl bis Ende 2033 abzuschliessen. Parallel dazu lieferte Andritz bereits Elektrolyseure für Projekte in Schweden und Spanien.

Junge Forschung und industrielle Zulieferer

Rund um HyCentA und die TU Graz hat sich eine Startup-Landschaft gebildet. Das 2024 gegründete Grazer Startup Duramea arbeitet an einer Polyanilin-Beschichtung (PANI), die die Lebensdauer von Membran-Elektroden-Einheiten in Brennstoffzellen und Elektrolyseuren verdoppeln soll. Mitgründer Sebastian Rohde hat seine Dissertation zu hocheffizienten Brennstoffzellen für Mondbasen verfasst - das Know-how wird jetzt für kommerzielle Elektrolyseure weiterentwickelt. Duramea plant den B2B-Markteintritt für 2026 und peilt bis 2029 einen Jahresumsatz von sechs Millionen Euro an. Eine detaillierte Beschreibung findet sich beim Science Park Graz.

Weitere industrielle Mitspieler sind AVL List, Energie Steiermark mit dem Renewable Gasfield Gabersdorf sowie die H2i GreenHydrogen GmbH. Bei Energie Steiermark sticht neben dem Mellach-Projekt die Hochtemperaturelektrolyse-Anlage Hotflex hervor, die Ende 2025 in die Inbetriebnahmephase ging.

Praxis-Tipp:
Unternehmen mit Bedarf an grünem Wasserstoff sollten frühzeitig Abnahmevereinbarungen mit den Projektbetreibern abschliessen. Die Mengen sind bis 2028 weitgehend verplant - wer ab 2030 auf H2 umstellen will, sollte 2026 oder 2027 in Dialog mit Andritz, Energie Steiermark oder HyCentA treten.

Offene Fragen - was bis 2030 entschieden werden muss

Die grösste Unbekannte ist die Pipeline. Die Steiermark liegt abseits der geplanten European Hydrogen Backbone und braucht mittelfristig Anschlussleitungen für den Import grünen Wasserstoffs aus Süd- und Osteuropa. Gespräche mit dem österreichischen Übertragungsnetzbetreiber Gas Connect Austria laufen, konkrete Investitionsentscheidungen stehen aber noch aus.

Offen ist auch die Frage der Stromversorgung. Für 36,25 MW Elektrolyseleistung werden bei Volllast rund 300 Gigawattstunden pro Jahr benötigt - Strom, der nach EU-Vorgabe aus neuen erneuerbaren Anlagen stammen muss, um als grüner Wasserstoff zu gelten. Die Kapazitätsplanung von Energie Steiermark und Verbund wird deshalb zu einem der zentralen Nadelöhre.

Diese Herausforderungen ordnet die Steirische Wirtschaftsförderung SFG als Standortvorteil ein: Die Kombination aus Stahl- und Automotive-Industrie garantiert Absatz, die Forschungsdichte reduziert technologische Risiken.

Ausblick: Zwischen 2026 und 2028 wird entschieden, ob die Steiermark im europäischen Wasserstoff-Rennen wirklich Anschluss hält. Die Kombination aus industrieller Nachfrage (voestalpine, AVL, Magna), Anlagenbau (Andritz) und Forschung (HyCentA, TU Graz) ist in dieser Dichte in Europa selten. Die nächsten Bewährungsproben heissen Netzanschluss, Pipeline-Anbindung und langfristige Lieferverträge.

Quellen