Im Schatten der Automobilindustrie hat sich in der Steiermark eine Luft- und Raumfahrt-Szene etabliert, die man auf Anhieb nicht erwartet. Über 80 Unternehmen erwirtschaften im Aerospace-Bereich rund 650 Millionen Euro Umsatz - für ein Binnenland ohne Meereszugang und ohne große Flugzeughersteller ist das bemerkenswert. Herzstück ist Pankl Aerospace Systems in Kapfenberg, umringt von Magna-Aerospace-Zulieferern, Spezialisten für Satellitenkomponenten und den Forschungseinheiten der TU Graz.
- Die Aerospace-Sparte des ACstyria Mobilitätscluster zählt über 80 Partnerunternehmen mit rund 650 Mio. Euro Gesamtumsatz
- Pankl Aerospace Systems Europe wurde 2006 in Kapfenberg gegründet und liefert Fahrwerkskomponenten, Triebwerksteile und Luftbetankungsrohre an über 60 Jet-Triebwerks- und Luftfahrzeugprogramme
- Die TU Graz entwickelte mit TUGSAT-1 (2013), OPS-SAT (2019-2024) und PRETTY die ersten österreichischen Nanosatelliten
- ESA BIC Austria am Science Park Graz fördert Space-Tech-Startups mit bis zu 50.000 Euro und 24 Monaten Inkubation
- Der Cluster spannt Magna-Aerospace-Zulieferer, FACC-Partner, Pankl und universitäre Raumfahrtforschung zusammen
- Mit Space Lock, GATE Space und weiteren ESA-BIC-Alumni ist eine junge steirische Raumfahrt-Gründerszene entstanden
Aerospace als zweite Säule des Mobilitätsclusters
Als der steirische ACstyria-Cluster 1995 gegründet wurde, firmierte er noch als „Autocluster". Die Aerospace-Dimension kam später dazu, als sich zeigte, dass mehrere steirische Zulieferer ihre Präzisionskompetenz auch für die Luft- und Raumfahrt anbieten können. Heute zählt die Aerospace-Sparte über 80 Partnerunternehmen mit einem Gesamtumsatz von rund 650 Millionen Euro. Die Zahlen sind kleiner als im Automotive-Teil (über 180 Partner, mehr als 17 Mrd. Euro Gesamtumsatz des gesamten Clusters), aber die Wachstumsdynamik ist hoch.
Pankl Aerospace - der Industrie-Anker
Das Zugpferd der Branche ist Pankl Aerospace. Das Unternehmen ist eine Tochter der Pankl Racing Systems AG mit Sitz in Kapfenberg. Aerospace ist neben Motorsport und High-Performance-Automotive eine der drei Divisionen des Konzerns.
Pankl Aerospace Systems Europe GmbH wurde 2006 am Stammsitz in Kapfenberg etabliert. Das Portfolio umfasst Triebwerkskomponenten aus Leichtbauwerkstoffen, Rotorwellen und Rohre für Luftbetankungssysteme sowie Fahrwerksbauteile für über 60 verschiedene Jet-Triebwerks-, Flächenflugzeug-, Drehflügler- und Raumfahrt-Anwendungen inklusive unbemannter Luftfahrzeuge. Der Schwestersitz Pankl Aerospace Systems Inc. sitzt in Cerritos (Kalifornien). Der Konzern positioniert sich als Tier-1-Zulieferer für die zivile und militärische Luftfahrt.
Magna und weitere Zulieferer
Neben Pankl ist Magna in der Luftfahrt aktiv - allerdings nicht mit eigenen Flugzeugkomponenten, sondern über spezielle Zulieferteile, die zwischen Automotive und Aerospace-Qualifikation liegen (hochfeste Bleche, Ventiltechnik, Sensorik). Dazu kommen Spezialisten für Oberflächenbehandlung (HTP High Tech Plating Kapfenberg), Präzisionszerspanung (mehrere Obersteirer mit Aerospace-Zertifikaten) und Messtechnik-Firmen wie Anton Paar, deren Dichte- und Viskositätsmessgeräte in Qualitätssicherungsprozessen der Luftfahrt eingesetzt werden.
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Partnerunternehmen Aerospace | über 80 |
| Gesamtumsatz | rund 650 Mio. Euro |
| Pankl Aerospace Europe - Gründung | 2006 (Kapfenberg) |
| TU Graz Nanosatelliten in Betrieb | TUGSAT-1, UniBRITE, OPS-SAT (beendet 2024), PRETTY |
| ESA BIC Startup-Förderung | bis 50.000 € + 24 Monate Programm |
TU Graz - der Weltraum-Hotspot
Die Luftfahrt-Zulieferer hätten alleine das Prädikat „Cluster" nicht verdient - erst die Verbindung mit der Raumfahrtforschung an der TU Graz macht aus dem Sektor ein echtes Ökosystem. An der TU Graz forschen mehrere Institute seit Jahrzehnten an Satellitentechnik, Kommunikationsnetzen und Weltraumwetter.
Das Institut für Kommunikationsnetze und Satellitenkommunikation, an dem Otto Koudelka über Jahrzehnte forschte, entwickelte 2013 gemeinsam mit der TU Wien und der Universität Toronto den TUGSAT-1 - Österreichs ersten Satelliten, der mit rund sieben Kilogramm ins All ging und auch zehn Jahre später noch Daten sendete. 2019 folgte mit OPS-SAT ein Nanosatellit als „fliegendes Labor" im Auftrag der European Space Agency (ESA). Die Mission wurde 2024 erfolgreich beendet. PRETTY, ein weiterer ESA-Kleinsatellit, testet Reflektometrie-Technologie für die Meereshöhenmessung.
Dazu kommen Partnerinstitutionen wie das Institut für Weltraumforschung (IWF) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Graz, das an mehreren ESA- und NASA-Missionen als Instrumentenlieferant beteiligt ist (JUICE, BepiColombo, Solar Orbiter).
Die TU Graz bietet das weiterbildende Masterstudium „Space Systems and Business Engineering" an - ein berufsbegleitendes Programm, das Raumfahrttechnik mit Management-Themen verbindet. Zusätzlich existiert der konsekutive Master „Space Sciences and Earth from Space" gemeinsam mit der Uni Graz. Informationen unter tugraz.at.
ESA BIC Austria - der Inkubator
Seit 2016 wird die Grazer Raumfahrt-Szene um eine Inkubator-Dimension ergänzt. ESA BIC Austria, betrieben vom Science Park Graz und unterstützt von den Ländern Steiermark und Niederösterreich, der Stadt Graz und der TU Graz, ist Teil des europaweiten Netzwerks der ESA Business Incubation Centres.
Das Programm richtet sich an Startups, die Weltraum-Technologie für irdische Anwendungen nutzbar machen - vom Erdbeobachtungsdienst über Navigationslösungen bis zu Komponenten für kommerzielle Satelliten. Teilnehmende Startups erhalten bis zu 50.000 Euro Finanzierung, 24 Monate Begleitung durch ESA-Experten sowie Zugang zu Investoren, Fachexperten und Büroräumen.
Zu den bekannten Alumni zählen Space Lock (sichere Datenkommunikation für Satelliten), GATE Space (In-Orbit-Antriebssysteme) und mehrere Firmen im Bereich Satellitensensorik und Downstream-Erdbeobachtung.
ESA BIC Austria ist einer von europaweit über 20 ESA-BIC-Standorten und der einzige in Österreich. Anmeldungen laufen halbjährlich über den Science Park Graz, wo die Startups in den ersten 24 Monaten Büros und Coaching nutzen können.
Wachstumstreiber: New Space und Dual Use
Die Aerospace-Branche der Steiermark profitiert von zwei parallelen Trends. Erstens der Boom von „New Space": Private Raumfahrtunternehmen, kommerzielle Satellitenkonstellationen und Erdbeobachtungsdienste schaffen einen neuen Markt für kleinere, spezialisierte Komponenten. Zweitens die wachsende Bedeutung von „Dual Use" - also Technologien, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können. Gerade im Zuge der European Defence Fund-Initiativen werden österreichische Luftfahrtzulieferer stärker in sicherheitsrelevante Programme eingebunden.
Der Aerospace-Sektor der Steiermark bleibt ein Nischensegment. Die Absolutzahlen liegen um eine Größenordnung unter dem Automotive-Teil des Clusters. Für strukturierten Aufbau fehlen in Österreich bisher ein OEM-Flugzeughersteller und ein Raketenstartplatz - beide Faktoren erschweren den direkten Zugang zu großen Anwendungsprogrammen.