In jedem Formel-1-Motor der vergangenen Jahrzehnte sitzen Pleuel oder Kurbelwellen aus Kapfenberg. Pankl Racing Systems aus der Obersteiermark zählt zu den ganz wenigen Hochpräzisions-Zulieferern der Königsklasse des Motorsports - und gleichzeitig zu den Tier-1-Lieferanten der globalen Luftfahrtindustrie. Im Geschäftsjahr 2023 erzielte das Unternehmen 409,5 Millionen Euro Umsatz mit 2.434 Beschäftigten. Seit 2018 ist Pankl nicht mehr börsennotiert, sondern über Pierer Industrie eng mit KTM verwoben.
- Umsatz 2023 der Pankl Racing Systems AG: 409,5 Millionen Euro (EBIT 24,9 Mio. Euro, EBITDA 54,9 Mio. Euro)
- 2.434 Beschäftigte weltweit (Pankl Racing Systems AG 2023), Konzern Pankl AG rund 4.400
- Drei Geschäftsbereiche: Racing, Aerospace und High Performance
- Gegründet 1985 von Gerold Pankl in Bruck an der Mur
- Mehrheitseigentümer: Pierer Industrie AG (Stefan Pierer, zugleich Eigentümer KTM)
- Zentrale: Industriestraße West 4, Kapfenberg - plus Standorte in Deutschland, Slowakei, Großbritannien, USA und Japan
- 2018 Rückzug von der Wiener Börse (Delisting)
Vom Pleuel zum Global Player
Gerold Pankl, heute Ehrenpräsident, gründete das Unternehmen 1985 in Bruck an der Mur. Der erste Auftrag: Pleuelstangen für den Motorsport. Innerhalb weniger Jahre wurde Pankl zum Standardzulieferer für Formel-1-Teams. Entscheidend war die Spezialkompetenz in der Titanverarbeitung und in ultrapräziser Schmiede- und Zerspanungstechnik - Bauteile, die Belastungen von 300 bar Zünddruck und 20.000 Umdrehungen pro Minute aushalten müssen.
1994 eröffnete Pankl den Aerospace-Bereich mit der Produktion von Antriebswellen für Hubschrauber-Heckrotoren. Dieser Schritt war strategisch: Luftfahrt-Zertifizierungen wie EN 9100 und Nadcap sind aufwendig zu erlangen, bieten aber enorm hohe Eintrittsbarrieren. Wer die Zertifizierungen hält, hat einen stabilen, margenstarken Markt vor sich.
Die drei Geschäftsbereiche
Pankl ist organisiert in drei Divisionen mit unterschiedlichen Kundengruppen und Wachstumsdynamiken.
| Geschäftsbereich | Produkte | Kunden (Beispiele) |
|---|---|---|
| Racing | Pleuel, Kurbelwellen, Antriebswellen, Getriebekomponenten | Formel 1, WEC, IndyCar, MotoGP-Teams |
| Aerospace | Getriebekomponenten, Motorwellen, Fahrwerks- und Betankungsteile | Hubschrauber-Hersteller, Flugzeugtriebwerkshersteller (Tier 1) |
| High Performance | Motorrad-Getrieberäder, Hochleistungskomponenten für Luxusautos | KTM, Luxussegment der Automobilindustrie |
Der Racing-Bereich - die historische Keimzelle - ist heute der kleinste, aber markenprägendste Teil. Aerospace liefert die höchsten Margen. Die High-Performance-Division profitiert stark von der Motorradproduktion der Pierer-Schwestergesellschaft KTM: Pankl fertigt in Kapfenberg Getriebezahnräder für den Großteil der KTM-Motorräder.
Standort Kapfenberg - Hauptsitz und wichtigste Fertigung
In Kapfenberg (Industriestraße West 4, 8605) sitzen Zentrale und die wichtigste Fertigung des Konzerns. Am Hauptsitz laufen mehrere Teilbereiche parallel: "Drivetrain & Suspension Systems" (Antriebswellen, Gleichlaufgelenke, Radnaben), "Aerospace Systems Europe" (Tier-1-Fertigung für Luftfahrt), "High Performance Plant" (Motorradgetriebe) sowie die Tochter Krenhof GmbH (präzisions-geschmiedete Komponenten für Automobil und Industrie). Die Fertigung ist zertifiziert nach EN 9100 (Luftfahrt), ISO 14001 (Umwelt), VDA 6.1 (Automotive) und diversen Nadcap-Prozessen.
Die Wahl des Standorts Kapfenberg ist eng mit der steirischen Stahltradition verknüpft: In der Mur-Mürz-Furche sind hochspezialisierte Werkstoffe, Schmiede-Know-how und ausgebildete Zerspanungstechniker historisch verfügbar. Das Umfeld um Böhler, Worthington und Voestalpine liefert Vormaterialien und Fachkräfte.
Internationale Standorte und Akquisitionen
Pankl betreibt über Österreich hinaus Standorte in Deutschland, der Slowakei, Großbritannien, den USA und Japan. Besonders erwähnenswert sind die US-Tochter CP-Carrillo in Irvine (Kalifornien), ein weiterer hochspezialisierter Racing-Komponenten-Hersteller, sowie Pankl Aerospace Systems in Cerritos (ebenfalls Kalifornien). Beide Töchter sichern die Nähe zu wichtigen US-Kunden im Motorsport- und Luftfahrt-Sektor.
2018 nahm Pankl seine Aktien von der Wiener Börse. Die Begründung: Die Freefloat-Aktionärsbasis sei zu schmal geworden, Kapitalmarktauflagen stünden in keinem Verhältnis zum Nutzen. Seither läuft Pankl als nicht-börsennotierte Aktiengesellschaft unter dem Dach der Pierer Industrie AG.
Die Pierer-Struktur - Verflechtung mit KTM
Mehrheitseigentümer von Pankl ist die Pierer Industrie AG, die Stefan Pierer gehört. Pierer ist zugleich Mehrheitseigentümer der KTM AG, Europas größtem Motorradhersteller. Diese Verzahnung bringt Vorteile und Risiken. Vorteilhaft: Pankl hat einen verlässlichen Großkunden für High-Performance-Getriebe (KTM) und eine solide Eigentümerstruktur mit klarer Industrie-Vision. Risikoseitig: Die Krise von KTM, die Ende 2024 in ein Sanierungsverfahren mündete, hat auch auf Pankl Auswirkungen. Das aktuelle Management von Pankl Racing Systems (CEO Wolfgang Plasser, COO Christoph Prattes, CTO Stefan Seidel, Aufsichtsratsvorsitzender Stefan Pierer) steht deshalb unter doppeltem Beobachtungsdruck.
Was die Zahlen erklären
Die 409,5 Millionen Euro Umsatz für 2023 verteilen sich auf die drei Divisionen ungleich. Aerospace und High Performance stemmen den größeren Teil; der Racing-Bereich ist volumenmäßig kleiner, aber prestigeträchtig. Die EBIT-Marge von rund sechs Prozent ist für einen Hochpräzisions-Zulieferer in sehr zyklischen Märkten (F1, Aerospace, Luxus-Auto) solide. Der Konzern insgesamt (Pankl AG inklusive SHW AG, die 2022 in die Gruppe kam) kommt auf deutlich höhere Umsatz- und Mitarbeiterzahlen.
Im Luftfahrt-Bereich profitiert Pankl vom Wiederanstieg der zivilen Flugzeugproduktion nach der Covid-Delle. Im Formel-1-Geschäft waren die Jahre 2023 und 2024 von hohen Entwicklungsausgaben der Teams geprägt - die neuen Motorenregeln für 2026 haben eine mehrjährige Komponenten-Nachfrage ausgelöst.
Kapfenberg ist nach Leoben der zweitgrößte Industriestandort der Obersteiermark. Mit Pankl, Böhler Edelstahl, Voestalpine und Worthington befinden sich hier einige der wichtigsten Spezialwerkstoff-Hersteller Europas. Einen Überblick der Region liefert die Stadt Kapfenberg Wirtschaftsseite.
Kundenstruktur und Wachstumsfelder
Pankl-Kunden sind ausschließlich Premium- und Spezialmärkte. Im Motorsport werden alle Formel-1-Teams direkt oder indirekt beliefert. Im Luftfahrt-Segment arbeitet Pankl für Tier-1-Hersteller wie Pratt & Whitney, Rolls-Royce und Safran - konkret in der Zulieferung von Motorwellen, Getriebekomponenten und Fahrwerken. Informationen zu Produkten und Zertifizierungen stehen auf der Seite des Standorts Kapfenberg.
Wachstumsfelder der kommenden Jahre sind einerseits die Elektrifizierung im Motorsport (E-Motorsport-Serien wie Formel E, Extreme E) und andererseits die Weiterentwicklung im Aerospace-Sektor hin zu leichteren und hitzeresistenteren Werkstoffen. Die klassische Hubraum-Formel-1-Technologie bleibt bis in die 2030er-Jahre relevant, verliert aber mittelfristig an Bedeutung.