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Freitag, 25. September 2026 Kontakt
Startups

Energiedigital - Grazer Startup für Energiegemeinschaften holt Investor aus Abu Dhabi

Das Wichtigste in Kürze
  • Das Grazer Start-up ed-energiedigital GmbH hat im Juni 2026 eine siebenstellige Seed-Finanzierung abgeschlossen, die erste externe Finanzierung seit der Gründung 2022.
  • Investor ist die JS North Asia Investments Limited, verbunden mit Ali Siddiqui, dem Hauptaktionär der JS Group. Laut Firmenbuch übernimmt der neue Gesellschafter 50 Prozent der Anteile.
  • Den Kontakt hat der Grazer Unternehmer und Nationalratsabgeordnete Veit Dengler hergestellt.
  • Energiedigital verwaltet und verrechnet Energiegemeinschaften, laut eigener Website nutzen 160 davon die Plattform. Das zweite Standbein ist die Steuerung von Boilern, Wärmepumpen und Ladestationen nach Stromangebot und -preis.
  • Das Kapital fließt vor allem in den Vertrieb. Zielmärkte sind Spanien, Frankreich und Großbritannien, das Team soll bis Jahresende von 10 auf 20 Personen wachsen.
  • In Österreich ändert das neue Elektrizitätswirtschaftsgesetz ab 1. Oktober 2026 die Regeln für Energiegemeinschaften.

Im April 2023 betreute Energiedigital 20 Energiegemeinschaften, heute sind es laut eigener Website 160. Gewachsen ist das Grazer Start-up bis vor Kurzem ausschließlich aus Eigenmitteln, Förderungen und laufenden Einnahmen. Im Juni 2026 kam der erste Investor an Bord, mit einer siebenstelligen Summe und einem Anteil von 50 Prozent. Das Geld stammt aus dem Umfeld der JS Group, die ORF Steiermark in Abu Dhabi verortet. Den Kontakt hat ein Nationalratsabgeordneter vermittelt.

Die Finanzierung: siebenstellig, Summe vertraulich

Formal investiert die JS North Asia Investments Limited in die ed-energiedigital GmbH. Das geht aus einer Mitteilung der Anwaltskanzlei E+H hervor, die das Start-up bei der Seed-Runde beraten hat. Hinter dem Engagement steht Ali Siddiqui. Der ORF Steiermark nannte ihn Hauptaktionär der Abu Dhabi JS Group, brutkasten beschreibt ihn als Vorsitzenden der JS Bank in Pakistan. Die JS Group ist laut Trending Topics in Finanzen, Industrie und Technologie investiert und hat einen Schwerpunkt auf Umwelttechnologien. Als Beispiel aus dem Portfolio nennt das Medium Arabian Gulf Steel Industries in Abu Dhabi, den ersten CO2-neutralen Stahlproduzenten im Nahen Osten.

Über die Höhe der Investition wurde Stillschweigen vereinbart, die Beteiligten sprechen von einem siebenstelligen Betrag und einem „langfristigen Engagement im Millionenbereich". Bemerkenswert ist der Anteil: Laut Firmenbuch übernimmt der neue Gesellschafter die Hälfte des Unternehmens, berichtet brutkasten. Für eine erste Finanzierungsrunde ist das viel, und es gibt dem Investor bei der nächsten Runde entsprechendes Gewicht. Eine Series A soll laut Mitgründer Martin Moser spätestens in zwei Jahren folgen.

Vermittelt hat den Kontakt vor rund einem Jahr Veit Dengler, Grazer Unternehmer, NEOS-Mitgründer und steirischer Nationalratsabgeordneter. Seit Juli 2026 sitzt er nach seinem Ausschluss aus dem NEOS-Klub als Abgeordneter ohne Klubzugehörigkeit im Nationalrat. Er kannte sowohl den Investor als auch Mitgründer Stefano Coss. Dengler begründet sein Engagement mit einem Grundproblem der heimischen Szene: „Das Problem, das Start-ups in Österreich oft haben, ist, dass es nicht genug Wachstumskapital gibt." Wie der steirische Beteiligungsmarkt aufgestellt ist, zeigt der Überblick zu Venture Capital in der Steiermark.

Eckdaten ed-energiedigital GmbH
Gründung 2022 in Graz, Firmenbuch FN 583910 t
Sitz Reininghausstraße 10, 8020 Graz
Gründer Martin Moser (Geschäftsführer), Andreas Zobl, Stefano Coss
Team 10 Personen, Ziel 20 bis Ende 2026
Finanzierung Seed-Runde Juni 2026, siebenstellig, Investor JS North Asia Investments Limited (50 % der Anteile)
Energiegemeinschaften auf der Plattform 20 (April 2023), 160 (laut Website, September 2026)
Preis der Verwaltungssoftware ab 1 Cent je Kilowattstunde
Zielmärkte Spanien, Frankreich, Großbritannien

Von Wetterstationen auf Skipisten zur Energieplattform

Ganz neu ist das Gründerteam nicht. Martin Moser und Andreas Zobl arbeiten seit 2005 zusammen. Damals gründeten sie die snowreporter Telekommunikationssysteme GmbH, heute quadratic GmbH, deren Kerngeschäft Wetterstationen waren, unter anderem auf Skipisten. Mit der Zeit verlagerte sich das Geschäft in Richtung Energie, und aus diesem Schwenk entstand 2022 energiedigital als Tochtergesellschaft. Dritter Gründer ist Stefano Coss. Der Firmensitz liegt in der Grazer Reininghausstraße. Das Unternehmen ist Partner im Green Tech Valley, dem steirischen Cluster für Energie- und Umwelttechnik.

Zwei Standbeine: Abrechnung und Steuerung

Das erste Standbein ist Software für Energiegemeinschaften, also für Zusammenschlüsse, in denen Haushalte, Gemeinden und Betriebe selbst erzeugten Strom untereinander teilen. Die Plattform deckt den gesamten Ablauf ab: Gründung der Gemeinschaft, digitales Anmelden neuer Mitglieder und ihrer Zählpunkte, Datenaustausch mit dem Netzbetreiber samt Prüfung und Nachforderung fehlender Werte, monatliche oder quartalsweise Abrechnung mit PDF-Rechnungen und SEPA-Lastschrift. Unterstützt werden alle drei österreichischen Modelle: gemeinschaftliche Erzeugungsanlagen im Mehrparteienhaus, Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften und Bürgerenergiegemeinschaften. Über den Marktplatz stromplatz.at können Gemeinschaften neue Erzeuger oder Abnehmer finden. Verrechnet wird laut Energiedigital ab einem Cent je Kilowattstunde, brutkasten nennt ein bis zwei Cent pro ausgetauschter Kilowattstunde.

Das zweite Standbein ist technisch interessanter. Abrechnungsdaten der Netzbetreiber stammen immer vom Vortag oder sind älter. Energiedigital misst dagegen über Schnittstellen und eigene Hardware live, wie viel Strom in einer Gemeinschaft gerade erzeugt und verbraucht wird, und schaltet flexible Verbraucher danach. Moser beschreibt das Prinzip so: „Wir holen uns einfach den Live-Stand: Hat die Energiegemeinschaft gerade zu viel oder zu wenig Strom, schalten wir automatisch Verbraucher dazu oder weg." Das klassische Beispiel ist der Warmwasserboiler, der tagsüber mit Solarstrom aus der Gemeinschaft heizt statt nachts mit Netzstrom. Gesteuert werden auch Wärmepumpen und Ladestationen für E-Autos. Vertrieben wird das über Kooperationen mit Geräteherstellern und ein Abonnement für Privatkunden.

Gut zu wissen:
Im April 2023 nannte Moser gegenüber Trending Topics eine durchschnittliche Ersparnis von rund 180 Euro pro Jahr und Teilnehmer, nach Abzug der Kosten. Er betonte zugleich, dass die Summe stark vom eigenen Verbrauch, vom Anteil des Gemeinschaftsstroms, vom Tarif innerhalb der Gemeinschaft und von der Netzentgelt-Ersparnis abhängt. Die Zahl stammt aus dem Frühjahr 2023 und ist als Erfahrungswert des Anbieters zu lesen, nicht als Zusage.

Warum Spanien, Frankreich und Großbritannien

Für die Steuerung braucht Energiedigital zwei Dinge: Stromzähler, die laufend Daten liefern, und Tarife, deren Preis sich über den Tag ändert. Eine vom Start-up beauftragte Marktstudie hat deshalb Spanien, Frankreich und Großbritannien als erste Auslandsmärkte ausgewählt, wo beides verbreitet ist. Der nächstliegende Markt fehlt bewusst. „Deswegen ist zum Beispiel Deutschland nicht ganz vorne auf unserer Liste, weil die leider mit dem Smart-Meter-Ausbau noch weiter hinten sind", sagte Moser zu brutkasten. Büros im Ausland sind vorerst nicht geplant, das Team arbeitet weiter von Graz aus.

Der Investor argumentiert mit dem Wärmesektor. Die Wärmeerzeugung sei für rund 40 Prozent der europäischen Emissionen verantwortlich, sagte Ali Siddiqui, und genau dort setze Energiedigital an: „Energiedigital hat die Technologie, um Verbrauch und Preis der Wärmeproduktion zu optimieren." Boiler und Wärmepumpen sind große, zeitlich flexible Verbraucher. Sie lassen sich auf Stunden mit viel Sonnen- oder Windstrom verschieben, ohne dass jemand kalt duscht.

Der Heimmarkt wächst, die Regeln ändern sich

In Österreich ist die Nachfrage nach Abrechnungssoftware für Energiegemeinschaften stark gestiegen. Nach Daten der Österreichischen Koordinationsstelle für Energiegemeinschaften stieg die Zahl der Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften von rund 1.170 im Februar 2024 auf 5.590 Ende 2025. Dazu kommen etwa 1.000 Bürgerenergiegemeinschaften und rund 5.000 gemeinschaftliche Erzeugungsanlagen. Jede davon muss Mitglieder verwalten und Strommengen abrechnen. Das ist das Geschäft, von dem Energiedigital lebt. Wie andere Grazer Start-ups ihre Runden finanziert haben, zeigt der Überblick zu Finanzierungsrunden steirischer Start-ups.

Neue Regeln ab 1. Oktober 2026:
Mit dem neuen Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) treten am 1. Oktober 2026 neue Bestimmungen für Energiegemeinschaften in Kraft; bestehende Gemeinschaften werden in das neue System übergeführt. Laut Koordinationsstelle lassen sich die neuen Möglichkeiten ab 5. Oktober zunächst nur mit Zählpunkten beim selben Netzbetreiber umsetzen, netzübergreifend erst ab April 2027. Die reduzierten Netzentgelte für die neuen lokalen und regionalen Modelle gelten erst ab 1. Jänner 2027 mit der novellierten Netzentgelt-Verordnung. Für Betreiber von Energiegemeinschaften kommen außerdem neue Pflichten dazu, etwa Lieferantenverpflichtungen. Für Anbieter wie Energiedigital heißt das: Die Software muss die neuen Modelle rechtzeitig abbilden. Wer das schafft, hat bei Gemeinschaften, die sich neu aufstellen müssen, einen Vorteil.
Rechtlicher Hinweis:
Diese Informationen ersetzen keine rechtliche Beratung. Für konkrete Fragen zur Gründung oder Umstellung einer Energiegemeinschaft berät die Energie Agentur Steiermark kostenlos, österreichweite Informationen bietet die Koordinationsstelle für Energiegemeinschaften.
Ausblick: Mit dem ersten Investor verdoppelt Energiedigital bis Jahresende das Team und geht nach Spanien, Frankreich und Großbritannien, wo Smart Meter und dynamische Tarife das Steuerungsgeschäft tragen. Zu Hause muss die Plattform gleichzeitig die ElWG-Umstellung für ihre 160 Energiegemeinschaften bewältigen. Spätestens 2028 will das Gründerteam eine Series A abschließen; dann zeigt sich, wie viel die Hälfte des Unternehmens im Juni 2026 wert war.

Quellen