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Donnerstag, 25. Juni 2026 Kontakt
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Graz-Wahl 2026: Was am 28. Juni für die steirische Wirtschaft auf dem Spiel steht

Graz-Wahl 2026: Wahlurne vor der Grazer Altstadt mit Uhrturm, Baukränen und steigender Wirtschaftskurve
Das Wichtigste in Kürze
  • Am 28. Juni 2026 wählt Graz einen neuen Gemeinderat. Im Großraum Graz entstehen 46 Prozent der steirischen Wertschöpfung - die Wahl entscheidet über den Kurs des wichtigsten Wirtschaftsraums des Landes.
  • Umfragen sehen die KPÖ von Bürgermeisterin Elke Kahr klar voran (rund 32 Prozent), vor ÖVP (rund 22 Prozent) und FPÖ (15 Prozent).
  • Die Wirtschaftskammer fordert von der künftigen Stadtregierung Flächensicherung für Industrie, schnellere Genehmigungsverfahren und die Erreichbarkeit der Innenstadt.
  • Der Schuldenstand der Stadt lag Ende 2025 bei 1,92 Milliarden Euro und steuert 2026 auf rund 2 Milliarden zu - der finanzielle Spielraum für Investitionen ist eng.
  • Streitthemen mit direkter Wirtschaftswirkung: die seit Ende 2023 geltende Bausperre, der Ausbau Reininghaus und die Verkehrsanbindung des Südens.

Im Großraum Graz entstehen 46 Prozent der gesamten steirischen Wertschöpfung. 25.645 Gewerbetreibende sind hier gemeldet, über 30.000 Menschen arbeiten allein in der Industrie, 92.000 pendeln täglich zur Arbeit in die Stadt. Wenn am Sonntag, dem 28. Juni 2026, der Grazer Gemeinderat neu gewählt wird, geht es deshalb nicht nur um Kommunalpolitik in einer Landeshauptstadt - es geht um den Kurs des bedeutendsten Wirtschaftsraums der Steiermark.

Worum es bei dieser Wahl wirtschaftlich geht

Graz ist seit 2021 ein politisches Sonderlabor. Mit der KPÖ stellt seither erstmals in einer österreichischen Landeshauptstadt eine kommunistische Partei die Bürgermeisterin. Elke Kahr regiert in einer Koalition mit Grünen und SPÖ. Für die Wirtschaft war das eine Konstellation mit offenem Ausgang: Eine Stadtregierung, die Wohnen, Soziales und öffentlichen Verkehr ins Zentrum rückt, setzt andere Prioritäten als eine wirtschaftsliberale Mehrheit.

Fünf Jahre später fällt die Bilanz je nach Blickwinkel unterschiedlich aus - und genau darum dreht sich der wirtschaftspolitische Teil des Wahlkampfs. Die einen sehen eine Stadt mit belebten Einkaufsstraßen und hohen öffentlichen Investitionen. Die anderen sehen Betriebe, die über Bürokratie, Flächenknappheit und Erreichbarkeit klagen. Beide Lesarten lassen sich mit Zahlen belegen.

Die Umfragen vor dem 28. Juni

Wer die Stadt nach der Wahl führt, ist offener, als es die Zahlen vermuten lassen - in Graz haben sich Prognosen schon einmal blamiert. 2021 sagte niemand den Wahlsieg der KPÖ voraus. Die aktuellste Erhebung des Meinungsforschers Peter Hajek vom Juni 2026 sieht dennoch ein klares Bild: Die KPÖ liegt mit rund 32 Prozent voran, gefolgt von der ÖVP. Auf die Frage, wer direkt zum Bürgermeister gewählt werden sollte, nennen 39 Prozent Elke Kahr.

Partei Umfrage Juni 2026 Ergebnis 2021 Mandate 2021
KPÖ rund 32 % 28,84 % 15
ÖVP rund 22 % 25,91 % 13
FPÖ 15 % 10,61 % 5
Grüne 12 % 17,32 % 9
SPÖ rund 9 % 9,53 % 4
NEOS rund 9 % 5,42 % 2

Insgesamt treten elf Listen an. Für die Wirtschaft ist weniger die erste Zahl entscheidend als die Frage, welche Koalition sich daraus bauen lässt. Verliert die KPÖ ihre Partner - die Grünen rutschen in den Umfragen von 17 auf 12 Prozent - oder gewinnt das bürgerliche Lager um die ÖVP an Gewicht, verschiebt sich der Schwerpunkt der Stadtpolitik spürbar. Die Hochrechnung und die endgültigen Ergebnisse am Wahlabend geben darauf die erste Antwort.

Die Bilanz der KPÖ-Koalition aus Wirtschaftssicht

Die KPÖ verweist in ihrer eigenen Zwischenbilanz auf über eine Milliarde Euro, die Stadt und Holding Graz in vier Jahren in die öffentliche Infrastruktur gesteckt hätten - von Straßenbahn-Ausbau bis zu Stadtraum-Projekten. Diese Aufträge landen zu einem großen Teil bei regionalen Bau- und Industriebetrieben. Daneben nennt die Partei konkrete Mittelstands-Maßnahmen wie eine Baustellenförderung für belastete Geschäfte und die Innenstadt-Kampagne #schauvorbei.

Die ÖVP hält dem entgegen, das Wirtschaftsbudget sei gekürzt worden, und fordert einen Kurswechsel Richtung wirtschaftsfreundlicher Politik. Spitzenkandidat Kurt Hohensinner will ein verstärktes Citymanagement und einen aktiv gesteuerten Branchenmix in der Innenstadt. SPÖ-Kandidatin Doris Kampus warnt vor sinkenden Lehrstellenzahlen und setzt auf eine Lehrlingsoffensive. Die Positionen liegen damit weniger bei der Diagnose auseinander als bei der Frage, wie viel die Stadt direkt steuern soll.

Was die Wirtschaftskammer von der nächsten Stadtregierung erwartet

Die Wirtschaftskammer Steiermark hat vor der Wahl unter rund 700 Grazer Unternehmen eine Stimmungserhebung durchgeführt. Das Ergebnis: Die Zufriedenheit ist getrübt. Die Kammer formuliert daraus klare Erwartungen an die künftige Mehrheit - unabhängig von deren Farbe.

Die Kernforderungen der Wirtschaft:
  • Flächensicherung: Schutz von Flächen für Industrie und Gewerbe, damit Ansiedlungen und Betriebserweiterungen möglich bleiben.
  • Schnellere Verfahren: Vereinfachung, Beschleunigung und Digitalisierung von Genehmigungen.
  • Erreichbarkeit: die wirtschaftliche Erreichbarkeit der Innenstadt bewahren, ohne Klimaziele aufzugeben.
  • Infrastruktur: bessere Anbindung mit Blick auf Warenströme, Logistik und Schwerverkehr.
  • Fachkräfte: gemeinsame Strategien mit Betrieben und Bildungseinrichtungen.

Hinter diesen Punkten steht eine Stadt, die stark wächst: 305.314 Einwohner zählt Graz, ein Plus von rund 20 Prozent seit 2010, dazu etwa 60.000 Studierende. Wachstum erzeugt Nutzungskonflikte - zwischen Wohnen, Gewerbe und Verkehr - und genau diese Konflikte muss die nächste Stadtregierung managen. Die Kammer formuliert das in ihrer Standortanalyse zur Wahl als Auftrag, Graz zu einer international sichtbaren Innovationsmetropole zu entwickeln.

Die konkreten Standort-Streitpunkte: Bausperre, Reininghaus, Verkehr

Drei Themen zeigen besonders deutlich, wie kommunale Entscheidungen direkt in die Wirtschaft durchschlagen.

Die Bausperre. Seit Ende Dezember 2023 gilt für das gesamte Stadtgebiet eine Bausperre zur Sicherung des neuen Stadtentwicklungskonzepts. Neue Bauanträge richten sich seither strenger nach Flächenwidmungsplan und STEK. Für die Bauwirtschaft und für Betriebe mit Erweiterungsplänen ist das ein realer Eingriff in die Planungssicherheit - ein Punkt, an dem sich die Lager im Wahlkampf reiben.

Reininghaus. Das größte Stadtentwicklungsgebiet der Stadt wird bis 2030 zum Quartier für bis zu 10.000 Menschen. 2026 startet im Februar die Unterführung zwischen Alter Poststraße und Josef-Huber-Gasse, die Reininghaus mit Gries verbindet. Insgesamt sind in Graz heuer rund 5.000 Baustellen geplant - ein Konjunkturfaktor für die regionale Bauwirtschaft, aber auch eine Belastung für Anrainerbetriebe.

Verkehr und Erreichbarkeit. In der Wirtschaftsdebatte sprachen sich alle Spitzenkandidaten außer den Grünen für die dritte A9-Spur im Süden aus. Mehrheitlich gefordert werden eine Zughaltestelle beim Flughafen und ein besser abgestimmtes Baustellenmanagement. Beim Parkleitsystem herrscht ungewohnter Konsens. Erreichbarkeit ist für Handel und Logistik kein Nebenthema, sondern ein Standortfaktor.

Die Stadtfinanzen als Rahmen für alles Weitere

Welche Wirtschaftspolitik immer gewinnt - sie bewegt sich in einem engen finanziellen Korsett. Der Schuldenstand der Stadt lag Ende 2025 bei 1,92 Milliarden Euro. Das ist zwar deutlich unter dem ursprünglich befürchteten Wert von 2,32 Milliarden, doch für Ende 2026 wird die Marke von rund 2 Milliarden Euro erwartet.

Der Strategiebericht 2026 von KPÖ-Finanzstadtrat Manfred Eber schreibt einen strikten Konsolidierungskurs fest: Die Investitionen werden auf 150 Millionen Euro pro Jahr gedeckelt, der operative Saldo soll sich bis 2028 um 65 Millionen Euro verbessern, Personal wird nur restriktiv nachbesetzt. Der größte Druck kommt von außen - die landesgesetzlich geregelten Sozial- und Pflegeausgaben steigen bis 2031 um durchschnittlich 7,92 Prozent pro Jahr.

Wichtige Einschränkung:
Gedeckelte Investitionen und restriktive Nachbesetzung bedeuten: Wer auch immer Graz regiert, kann große neue Wirtschaftsimpulse kaum aus dem laufenden Budget finanzieren. Wahlversprechen mit hohem Mittelbedarf - egal von welcher Partei - stehen unter diesem Vorbehalt.

Genau das macht den 28. Juni für Unternehmen relevant. Nicht weil sich über Nacht ein Steuersatz ändert - kommunale Hebel sind begrenzt - sondern weil sich die Prioritäten verschieben: Wie viel Fläche bleibt für Gewerbe? Wie schnell genehmigt die Behörde? Wie erreichbar bleibt die Innenstadt? Diese Antworten prägen das Geschäftsumfeld der gesamten Region.

Was die Parteien wirtschaftlich versprechen

Partei (Spitzenkandidat) Wirtschaftlicher Schwerpunkt
KPÖ (Elke Kahr) Hohe öffentliche Investitionen als Wirtschaftsmotor, Innenstadt-Belebung, Baustellenförderung für Betriebe
ÖVP (Kurt Hohensinner) Kurswechsel zu wirtschaftsfreundlicher Politik, weniger Bürokratie, aktives Citymanagement
Grüne (Judith Schwentner) Lebensqualität als Standortvorteil, nachhaltige Mobilität statt dritter A9-Spur
FPÖ (René Apfelknab) Kürzere Behördenverfahren, Kritik an langen Genehmigungswegen
SPÖ (Doris Kampus) Lehrlingsoffensive gegen sinkende Lehrstellenzahlen
NEOS (Philipp Pointner) Wirtschaftskurs, besseres Baustellenmanagement, Entlastung der Betriebe
Ausblick: Die Graz-Wahl entscheidet weniger über spektakuläre Steuerschritte als über die Tonlage zwischen Stadt und Wirtschaft - und über die Frage, ob Flächen, Verfahren und Erreichbarkeit eher der Standortlogik oder der Klima- und Sozialagenda folgen. Klar ist schon vor dem 28. Juni: Der enge Budgetrahmen mit gedeckelten Investitionen zwingt jede künftige Mehrheit zu Prioritäten. Die ersten Weichen stellt der Wahlabend, die eigentliche Wirtschaftspolitik die Koalitionsverhandlungen danach.

Quellen