939 Beschäftigte hatte AT&S in Leoben, als Hannes Androsch gemeinsam mit dem Management die marode staatliche Leiterplattenfirma 1994 für rund 90 Millionen Schilling übernahm. 30 Jahre später, als er am 11. Dezember 2024 im Alter von 86 Jahren verstarb, beschäftigte der Konzern 13.500 Menschen in Österreich, China, Indien und Malaysia. Europas größter Leiterplattenhersteller war die zweite, die eigentliche Lebensrolle des ehemaligen Finanzministers.
- Hannes Androsch (18. April 1938 - 11. Dezember 2024) war einer der einflussreichsten österreichischen Politiker und Industriellen der Zweiten Republik
- Ab 1970 mit nur 32 Jahren Bundesminister für Finanzen unter Bruno Kreisky, ab 1976 zusätzlich Vizekanzler; Rücktritt aus der Politik 1981
- 1994 kaufte er mit Willibald Dörflinger und Helmut Zoidl die damals staatliche AT&S in Leoben - und blieb bis zu seinem Tod Aufsichtsratsvorsitzender, insgesamt 30 Jahre
- Unter seiner strategischen Führung wuchs AT&S von 939 auf 13.500 Mitarbeiter und wurde zum größten Leiterplattenhersteller Europas mit Produktion in Leoben, Fehring, Shanghai, Chongqing, Nanjangud und Kulim
- Weitere Unternehmungen: Miteigentümer der Salinen Austria AG, Investor bei bwin und paysafecard, Gründer der Beratungsgruppe A.I.C.
- Nachfolger im AT&S-Aufsichtsratsvorsitz ist seit 18. Dezember 2024 Dr. Georg Riedl
- Geboren
- 18. April 1938 in Wien-Floridsdorf
- Gestorben
- 11. Dezember 2024 im 87. Lebensjahr
- Ausbildung
- Diplom Hochschule für Welthandel (heute WU Wien) 1959, Doktorat 1969
- Politische Stationen
- Finanzminister (1970-1981), Vizekanzler (1976-1981), Generaldirektor Creditanstalt (1981-1988)
- Industrielle Stationen
- Gründer A.I.C. (1989), Miteigentümer AT&S (seit 1994), Miteigentümer Salinen Austria (seit 1997)
Der Steiermark-Bezug - Leoben als Lebenswerk
Androsch wurde in Wien geboren, zugezogen ist er auch nicht. Sein Bezug zur Steiermark kam über AT&S und die Montanuniversität Leoben. 2022 brachte er das bei einem Spatenstich für ein neues Forschungszentrum auf die Formel: "AT&S ist in Leoben tief verwurzelt. Hier hat die Erfolgsgeschichte begonnen, vom kleinen steirischen Unternehmen zum globalen Technologieführer."
Dass ein Wiener Industrieller das obersteirische Leoben zu einem der weltweit wichtigsten Standorte für IC-Substrate machte, gehört zu den bemerkenswertesten Industriegeschichten der letzten Jahrzehnte. Von 2003 bis 2013 war Androsch zudem Vorsitzender des Universitätsrates der Montanuniversität Leoben, die sich in dieser Zeit vom reinen Bergbau-Ausbildungsort zu einer Forschungsuniversität mit internationalem Profil wandelte.
Politische Karriere - der jüngste Finanzminister der Zweiten Republik
Am 21. April 1970, nur drei Tage nach seinem 32. Geburtstag, wurde Hannes Androsch von Bundeskanzler Bruno Kreisky zum Bundesminister für Finanzen ernannt. Er war damit der jüngste Finanzminister der Zweiten Republik. Zehneinhalb Jahre blieb er im Amt - überspannt von drei Wahlsiegen der SPÖ (1970, 1971, 1975). Am 1. Oktober 1976 übernahm er zusätzlich das Vizekanzleramt.
Androsch vertrat einen keynesianisch-antizyklischen Kurs, der als "Austro-Keynesianismus" bezeichnet wurde. 1979 leitete er die OECD auf Ministerebene, später den Interims-Ausschuss des Internationalen Währungsfonds. Am 20. Jänner 1981 trat er nach öffentlichem Druck und zerrütteten Beziehungen zu Kreisky von allen politischen Ämtern zurück.
Es folgten sieben Jahre an der Spitze der Creditanstalt - damals Österreichs größte Bank - und eine kurze Station als Berater der Weltbank. 1989 gründete Androsch die Beratungsgruppe Androsch International Management Consulting (A.I.C.), die zum Ausgangspunkt seiner zweiten Karriere als Industrieller wurde.
AT&S - der entscheidende Deal von 1994
1994 kauften Hannes Androsch, Willibald Dörflinger und Helmut Zoidl die damals staatliche Austria Technologie & Systemtechnik AG (AT&S) aus der verstaatlichten Industrie. Die Firma in Leoben beschäftigte 939 Menschen und produzierte Leiterplatten - ein Geschäft, das zu diesem Zeitpunkt als Low-Margin-Commodity galt.
Der Mobilfunk-Boom ab Mitte der 1990er-Jahre kippte diese Einschätzung. AT&S spezialisierte sich auf hochdichte Leiterplatten für mobile Geräte und baute ab 2000 massive Produktionskapazitäten in Asien auf. 2008 eröffnete der erste chinesische Standort in Shanghai, später folgten Chongqing, Nanjangud (Indien) und Kulim (Malaysia). 2015 war AT&S größter industrieller Investor Chinas mit einem einzelnen Investment von 480 Millionen Euro in Chongqing.
| AT&S unter Androsch | 1994 (Übernahme) | 2024 (Todesjahr) |
|---|---|---|
| Mitarbeiter | 939 | 13.500 |
| Standorte | Leoben, Fehring | Leoben, Fehring, Shanghai, Chongqing, Nanjangud, Kulim |
| Positionierung | steirischer Leiterplattenhersteller | Europas größter Leiterplattenhersteller, globaler IC-Substrat-Anbieter |
| Androsch-Rolle | Miteigentümer und Aufsichtsratsvorsitzender | Aufsichtsratsvorsitzender bis zum Tod |
Die Entscheidung, 2022 in Leoben ein neues, 500 Millionen Euro schweres Forschungs- und Entwicklungszentrum für IC-Substrate zu errichten, trägt Androschs Handschrift. IC-Substrate sind die Verbindungsschicht zwischen Halbleiter-Chip und Leiterplatte - und durch den KI-Boom ein zunehmend wertvolles Segment. Europa hat in diesem Segment wenige Anbieter; AT&S in Leoben ist einer davon.
Weitere Unternehmungen - Salz, Sportwetten, Finanzdienste
AT&S war nicht die einzige industrielle Rolle Androschs. 1997 übernahm er gemeinsam mit Partnern die Salinen Austria AG, die Salzproduktion des Landes mit historischen Wurzeln in Ebensee, Hallstatt und Bad Aussee. Als Aufsichtsratsvorsitzender prägte er auch dort die Richtung - 2026 sind die Salinen weiter im Familienbesitz.
Darüber hinaus war Androsch früher Investor beim Online-Wetten-Unternehmen bwin und Gründungsinvestor von paysafecard, das 2014 für 140 Millionen Euro an Skrill verkauft wurde. Weitere Beteiligungen: KTM, FACC und zahlreiche Venture-Positionen im Technologie-Segment. Die Breite dieser Portfolios spiegelt Androschs Ansatz - Industrie verstand er als Ökosystem aus Technologie, Finanzierung und Politik.
Führungsphilosophie und Engagement für Forschung
Kaum ein österreichischer Industrieller hat sich mit vergleichbarer Intensität für Forschungs- und Bildungspolitik eingesetzt. Von 2010 bis 2020 war Androsch Vorsitzender des Rates für Forschung und Technologieentwicklung, von 2005 bis 2020 Mitglied des Senats der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. 2011 initiierte er das "Bildungsvolksbegehren" für eine Reform des österreichischen Bildungswesens.
Seine persönliche Maxime hielt er in der 2014 erschienenen Autobiografie fest: "Niemals aufgeben." Drei Worte, die der AT&S-Vorstand in seiner Todesanzeige zitierte, um Androschs Umgang mit politischen Rückschlägen und industriellen Turnarounds zu charakterisieren.
Auszeichnungen
- Großes Goldenes Ehrenzeichen am Bande für Verdienste um die Republik Österreich
- Ehrenzeichen des Landes Steiermark
- Ehrenringe mehrerer Städte, darunter Wien und Leoben
- Zahlreiche Ehrendoktorate, u.a. Montanuniversität Leoben, TU Wien
- Wirtschaftspublizistischer Preis mehrerer Medien für seine Autobiografie "Niemals aufgeben"
Nachfolge bei AT&S
Am 18. Dezember 2024, eine Woche nach Androschs Tod, bestellte der Aufsichtsrat Dr. Georg Riedl zum neuen Vorsitzenden. Riedl war zuvor bereits 1. Stellvertreter und ist als Rechtsanwalt mit langjähriger AT&S-Historie eng mit dem Unternehmen vertraut. Die Familie Androsch hält weiterhin bedeutende Anteile über die A.I.C.-Holding.
Am steirischen Standort Leoben - wo AT&S rund 2.000 Menschen beschäftigt - ist das Forschungs- und Entwicklungszentrum für IC-Substrate mittlerweile in Betrieb. Die strategische Weichenstellung, die Androsch in seinen letzten Jahren forcierte - der Fokus auf IC-Substrate und die Verlagerung der Leiterplatten-Massenproduktion nach Asien - prägt die Unternehmensentwicklung bis heute.
Quellen
- AT&S AG: Trauer um Aufsichtsratsvorsitzenden Dr. Hannes Androsch (Presseaussendung Dezember 2024)
- AT&S AG: Dr. Georg Riedl folgt als Aufsichtsratsvorsitzender (Dezember 2024)
- ORF: Hannes Androsch ist tot - ausführlicher Nachruf (Dezember 2024)
- Consultatio: Nachruf auf den Kanzleigründer Dr. Hannes Androsch
- Montanuniversität Leoben: Nachruf Dr. Hannes Androsch
- SFG: 500 Millionen Euro Investition in neues AT&S-Forschungszentrum in Leoben