550.000 Tonnen Karton verlassen pro Jahr das Werk Frohnleiten der Mayr-Melnhof Karton AG - mehr als ein Fünftel des gesamten europäischen Recyclingkartonverbrauchs stammt damit aus einem einzigen Werk im steirischen Murtal. 570 Beschäftigte halten den Betrieb am Laufen, rund um die Uhr, 24 Stunden am Tag. Frohnleiten ist nicht irgendein Werk der MM-Gruppe, sondern deren Stammwerk und das grösste Recyclingkartonwerk Europas.
- MM Frohnleiten GmbH produziert pro Jahr rund 550.000 Tonnen Recyclingkarton - Europas größtes Kartonwerk
- 570 Mitarbeiter am Standort, Gründungsjahr 1888 durch die Familie Mayr-Melnhof
- Von 2020 bis 2022 investierte die MM-Gruppe über 100 Millionen Euro in Frohnleiten - die bis dahin größte Einzelinvestition der Gruppe in Österreich
- Konzernmutter Mayr-Melnhof Karton AG (Wien) erwirtschaftete 2024 einen Umsatz von 4,08 Milliarden Euro mit rund 14.000 Mitarbeitern an 61 Standorten in 30 Ländern
- Frohnleiten ist Innovations- und Kompetenzzentrum der Gruppe mit zwei Kartonmaschinen
- Der verarbeitete Rohstoff ist zu über 99 Prozent Altpapier - eines der konsequentesten Kreislaufwirtschaftsmodelle in der österreichischen Industrie
An der Mur, seit 1888
Frohnleiten liegt etwa 25 Kilometer nördlich von Graz im Murtal, eingebettet zwischen bewaldeten Hügeln. An der Mur betrieb die Familie Mayr-Melnhof bereits im 19. Jahrhundert Forstwirtschaft; 1888 gründete Franz Mayr von Melnhof der Jüngere an diesem Standort eine Holzstoff- und Pappefabrik. Die Wasserkraft der Mur lieferte Energie, das Holz stammte aus den eigenen Forsten. Es war der Grundstein eines Unternehmens, das heute zu den größten Kartonkonzernen der Welt gehört.
1950 stellte Mayr-Melnhof mit Krediten aus dem Marshall-Plan die Kartonmaschine KM2 und ein neues Kesselhaus auf. Altpapier wurde ab diesem Zeitpunkt zum Hauptrohstoff - ein damals ungewöhnlicher Schritt, denn bis dahin war Holzstoff dominierend. Heute ist dieser Fokus auf Altpapier ein Wettbewerbsvorteil: Recyclingkarton hat einen deutlich geringeren ökologischen Fußabdruck als Frischfaser-Varianten.
Zwei Kartonmaschinen, eine Milliarde Packungen
Am Standort Frohnleiten laufen zwei Kartonmaschinen im Zweischichtbetrieb der Produktlinien. Die Kartonmaschinen gehören zu den leistungsstärksten Aggregaten der Branche weltweit. Gemeinsam erzeugen sie jährlich rund 550.000 Tonnen Faltschachtelkarton. Umgerechnet reicht das für Verpackungen von über einer Milliarde Konsumgüterprodukten - von der Müsli-Packung über das Waschpulver-Paket bis zum Kosmetik-Karton.
Der Karton wird nicht nur in Österreich verarbeitet. Über 90 Prozent gehen in den Export - vor allem an die Tochtergesellschaften der MM Packaging-Sparte in ganz Europa sowie an externe Faltschachtelhersteller. Die integrierte Wertschöpfung ist ein Kernmerkmal der MM-Gruppe: In Frohnleiten wird der Karton produziert, in 65 Packaging-Werken der Gruppe wird er zu Faltschachteln weiterverarbeitet.
| MM Frohnleiten im Zahlenüberblick | Wert |
|---|---|
| Gründungsjahr | 1888 |
| Mitarbeiter am Standort | rund 570 |
| Jahresproduktion | ca. 550.000 Tonnen Karton |
| Kartonmaschinen | 2 (modernisiert 2020-2022) |
| Hauptrohstoff | Altpapier (>99 %) |
| Exportanteil | über 90 % |
| Konzernumsatz MM Group 2024 | 4,08 Mrd. € |
| Konzern-Mitarbeiter | rund 14.000 |
| Konzern-Standorte | 61 in 30 Ländern |
Die 100-Millionen-Euro-Investition
Am 4. Dezember 2020 kündigte die Mayr-Melnhof Karton AG die bis dahin größte Einzelinvestition der Gruppe in Österreich an: Über 100 Millionen Euro flossen zwischen 2021 und 2022 in das Werk Frohnleiten. Das Ziel war eine Kapazitätserhöhung um zehn Prozent sowie umfassende Effizienzsteigerungen bei Wasser- und Energieverbrauch. Laut Pressemitteilung der MM Group handelte es sich um die grösste Einzelinvestition der Konzerngeschichte in Österreich.
Im Zentrum der Investition stand die Erneuerung der Stoffaufbereitung: Altpapier wird in mehreren Stufen aufgelöst, gereinigt und aufbereitet, bevor es auf der Kartonmaschine zum fertigen Karton wird. Die neuen, vollständig digitalisierten Prozessstufen senken den spezifischen Wasser- und Energiebedarf deutlich. Auch die Infrastruktur - Kühlwassersysteme, Dampfversorgung, Dichtmaterialbehandlung - wurde umfassend modernisiert.
Altpapier ist für die Kartonindustrie ein strategischer Rohstoff. Wer also Verpackungskartons im Haushalt oder Betrieb sammelt und ins Altpapier-Recycling gibt, beliefert indirekt Werke wie Frohnleiten. Die österreichische Altpapier-Sammelquote liegt laut Austropapier seit Jahren stabil über 75 Prozent - eine der höchsten Europas.
Das Werk in der MM-Konzernstruktur
Die MM Group (offiziell: Mayr-Melnhof Karton AG, börsennotiert an der Wiener Börse) ist der größte Karton- und Faltschachtelhersteller Europas. Der Konzern ist in vier operative Divisionen gegliedert: MM Board & Paper (Kartonherstellung), MM Packaging (Faltschachteln), MM Home & Personal Care sowie MM Labels.
Frohnleiten ist das Leitwerk von MM Board & Paper, das insgesamt sieben Kartonwerke in Europa betreibt. Der Konzernumsatz belief sich 2024 auf 4,08 Milliarden Euro - ein leichter Rückgang von 2,0 Prozent gegenüber 2023 (4,16 Milliarden Euro). Grund waren laut Konzernmitteilung Margendruck in der Verpackungssparte und Preisrückgänge auf den Papiermärkten.
Mit rund 14.000 Mitarbeitern an 61 Standorten in 30 Ländern ist die MM Group ein globaler Akteur. Aktuell führt Peter Oswald den Konzern als Vorstandsvorsitzender. Die Familie Mayr-Melnhof ist über Stiftungen weiterhin Großaktionär und hat ihren Einfluss auf die strategische Ausrichtung über Jahrzehnte bewahrt.
Frohnleiten als Arbeitgeber im Murtal
Für den Bezirk Graz-Umgebung ist MM Frohnleiten einer der wichtigsten Industriearbeitgeber. Die 570 direkten Arbeitsplätze werden ergänzt durch eine signifikante regionale Wertschöpfungskette: Spediteure, Instandhaltungs-Dienstleister, Engineering-Büros und Altpapier-Lieferanten hängen ebenfalls am Werk.
Das Werk bildet jedes Jahr mehrere Lehrlinge aus - überwiegend in technischen Berufen wie Mechatronik, Papiertechnik und Elektrotechnik. Der Papiertechniker ist ein Lehrberuf, den in Österreich nur noch wenige Betriebe anbieten, weil die Branche insgesamt konsolidiert hat. Frohnleiten zählt zu den letzten Standorten, an denen dieser Beruf in industrieller Qualität erlernt werden kann.
MM Frohnleiten ist stark energieintensiv. Der Großteil des Wärmebedarfs stammt aus einer werkseigenen Biomasse-Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlage, die überwiegend mit Rinde und Holzresten betrieben wird. Dennoch ist das Werk auch Gaskunde - die Gaskrise 2022 führte zu massiven Kostensteigerungen, die sich bis heute in den Ergebnisrechnungen des Konzerns bemerkbar machen.
Nachhaltigkeit als strategische Basis
Karton aus Altpapier gilt in der Verpackungsbranche als ökologisch günstige Alternative zu Kunststoffverpackungen, vor allem in der Lebensmittelindustrie. Die MM Group positioniert sich konsequent in diesem Segment: 2024 veröffentlichte der Konzern gemeinsam mit Forschungspartnern mehrere Lebenszyklus-Analysen, die die CO2-Bilanz von Faltschachteln gegenüber Kunststoff-Pendants dokumentieren.
Für Frohnleiten konkret gilt: Die Wasser-Kreislaufführung wurde durch die Investition 2020-2022 massiv ausgebaut. Ein Großteil des Prozesswassers wird mehrfach wiederverwendet, bevor es - nach mehrstufiger Reinigung - an die Mur abgegeben wird. Parallel wurde ein neues Reststoff-Konzept implementiert, bei dem Rückstände aus der Altpapier-Sortierung thermisch verwertet werden.
Für Detailinformationen zum Werk bietet die WKO Steiermark Papierindustrie eine zusammenfassende Übersicht.