Am 1. Mai 2025 übernahm Michael Mertin die Führung eines Konzerns mitten im Umbruch: AT&S, Leoben, rund 13.000 Mitarbeiter, einziger IC-Substrat-Hersteller der westlichen Welt - und gleichzeitig belastet durch Milliardeninvestitionen in neue Werke in Malaysia, einen turbulenten Abgang des Vorgängers und Zweifel an der Strategie. Mertins Auftrag vom Aufsichtsrat: Rückkehr zu profitablem Wachstum, klare Priorisierung, Kostendisziplin.
- Michael Mertin ist seit 1. Mai 2025 Vorstandsvorsitzender der AT&S AG in Leoben, der Vertrag läuft bis 30. April 2028
- Er folgte Andreas Gerstenmayer, der zum 30. September 2024 nach 14 Jahren an der Spitze ausgeschieden war
- Vor AT&S war Mertin zehn Jahre CEO der Jenoptik AG (2007-2017), davor ein Jahrzehnt in Führungspositionen bei Carl Zeiss
- Promovierter Physiker der RWTH Aachen, Doktorat am Fraunhofer-Institut für Lasertechnik zu Lasermaterialbearbeitung
- AT&S steigerte im Geschäftsjahr 2024/25 den Umsatz auf 1.590 Millionen Euro und kehrte mit 90 Millionen Euro Nettogewinn in die Gewinnzone zurück
- Ausbildung
- Physik RWTH Aachen, Dr.-Ing. am Fraunhofer-Institut für Lasertechnik
- Stationen
- Carl Zeiss (zehn Jahre), Jenoptik AG (CTO/COO, ab 2007 CEO bis 2017), selbstständiger Managementberater, AT&S AG (CEO seit 2025)
- Aktuell
- Vorstandsvorsitzender AT&S AG, Vertrag bis April 2028
- Weitere Funktionen
- Vorsitzender des Hochschulrats der TU Ilmenau, ehemaliger Präsident der Photonics21-Plattform
Vom Rheinland nach Leoben
Mertin ist gebürtiger Rheinländer. Er studierte Physik an der RWTH Aachen und promovierte am Fraunhofer-Institut für Lasertechnik in Aachen auf dem Gebiet der Lasermaterialbearbeitung und Oberflächentechnik. Danach folgten zehn Jahre bei Carl Zeiss, zunächst in Duisburg und Aalen, später am Stammsitz Oberkochen.
2005 wechselte er zur Jenoptik AG, einem Photonik-Konzern mit Sitz im thüringischen Jena, zunächst als Technologievorstand. Ab Juli 2007 führte er Jenoptik als Vorstandsvorsitzender - zehn Jahre lang, bis 2017. In dieser Zeit strukturierte er den Konzern um, führte ihn durch die Finanzkrise und positionierte ihn als Spezialist für Photonik- und Optoelektronik-Anwendungen.
Nach dem Abschied von Jenoptik machte Mertin sich als Managementberater mit Fokus auf Private Equity und M&A-Transaktionen selbstständig. Parallel übernahm er Aufsichts- und Beiratsmandate, unter anderem bei der HDI-Versicherungsgruppe und der Deutschen Bank AG sowie als Vorsitzender des Hochschulrats der TU Ilmenau und als Präsident der europäischen Technologieplattform Photonics21.
Der Wechsel an der Spitze von AT&S
Der CEO-Wechsel in Leoben hatte eine Vorgeschichte. Andreas Gerstenmayer, seit Februar 2010 CEO und einer der dienstältesten Konzernchefs Österreichs, legte am 30. September 2024 sein Mandat zurück. Offiziell kommunizierte AT&S "persönliche Gründe"; in Branchenberichten wurde auf Differenzen mit dem Aufsichtsrat über die Milliardeninvestitionen in das neue Werk in Kulim (Malaysia) verwiesen.
Fünf Monate lang war AT&S ohne offiziellen CEO, Finanzvorstand Petra Preining führte als Sprecherin des Vorstands. Am 26. Februar 2025 gab der Aufsichtsrat die Berufung Mertins bekannt. Sein Dreijahresvertrag startete am 1. Mai 2025 und läuft bis 30. April 2028.
Im offiziellen Statement zum Antritt formulierte Mertin seine Haltung so: "Mit Innovation und Unternehmergeist Zukunft zu gestalten, bleibt dabei immer eine spannende Herausforderung, der ich mich mit Begeisterung stelle." Aufsichtsratsvorsitzender Georg Riedl ergänzte: "Nach einem umfassenden Auswahlverfahren freuen wir uns, dass mit Dr. Michael Mertin ein erfahrener CEO mit Industriekenntnis gewonnen werden konnte."
Das Unternehmen unter Mertin
AT&S ist der führende europäische Hersteller von Leiterplatten und integrierten Schaltungsträgern (IC-Substraten). Das Werk in Leoben gilt als einziges IC-Substrat-Werk der freien westlichen Welt - die übrigen Produktionsstätten liegen in Asien. Die Kundenliste umfasst nahezu alle großen Hyperscaler und Halbleiterkonzerne, konkrete Namen nennt AT&S vertraglich bedingt nicht.
| Kennzahl | Wert 2024/25 | Entwicklung |
|---|---|---|
| Umsatz | 1.590 Mio. € | +3 % ggü. Vorjahr |
| EBITDA (berichtet) | 606 Mio. € | von 307 Mio. € auf 606 Mio. € |
| EBITDA-Marge | 38,1 % | inkl. Sondereffekte |
| Nettogewinn | 90 Mio. € | Rückkehr in die Gewinnzone (Vorjahr: -37 Mio. €) |
| Mitarbeiter | rund 13.000 | weltweit |
Mittelfristig zielt Mertin auf einen Umsatz von 2,1 bis 2,4 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2026/27 mit einer EBITDA-Marge zwischen 24 und 28 Prozent. Im ersten Halbjahr 2025/26 kam AT&S auf 846,3 Millionen Euro Umsatz (+6 Prozent) und 174,7 Millionen Euro EBITDA (+11 Prozent), was die Richtung bestätigte.
Mertins Strategie: Konzentration und Kostendisziplin
Anders als sein Vorgänger setzt Mertin weniger auf Expansion, mehr auf Fokussierung. Kernpunkte seiner Strategie, wie sie in den Quartalsberichten kommuniziert wurden:
- Veräußerung der koreanischen Produktion: Das Werk in Ansan wurde für 405 Millionen Euro an den italienischen Leiterplattenhersteller SO.MA.CI.S. verkauft - 317 Millionen Euro nach Steuern flossen in die Bilanz zurück.
- Kostenprogramm: Die Kostenbasis wurde 2024/25 um 120 Millionen Euro gesenkt. Für 2025/26 sind weitere 130 Millionen Euro geplant, mittelfristig mindestens 150 Millionen Euro über 200 Einzelmaßnahmen.
- Kernmärkte: IC-Substrate, Hochleistungs-Leiterplatten und Anwendungen im Umfeld von KI-Chips, Medizintechnik und Automotive High-End.
- Defense-Strategie: AT&S hat zudem eine Rüstungsstrategie entwickelt, um in Europa einen stärker militärisch geprägten Leiterplattenmarkt zu bedienen - mit angestrebten Zusatzerlösen von rund 50 Millionen Euro.
IC-Substrate sind die Verbindungsschicht zwischen einem Halbleiterchip und der Leiterplatte. Ohne diese hochpräzise hergestellten Trägerstrukturen funktionieren weder KI-Prozessoren noch moderne Grafikkarten oder Hochleistungsserver. AT&S ist mit dem Werk in Leoben einer von weltweit weniger als einem Dutzend Anbieter.
Führungsphilosophie: "Profitabilität und Wachstum müssen Hand in Hand gehen"
In Gesprächen mit Analysten und in Medienauftritten betont Mertin wiederkehrend ein Leitmotiv: Rentabilität und Wachstum sind keine Gegensätze, sondern bedingen sich. Im Interview mit dem Börsen-Radio der Wiener Börse skizzierte er seine Linie als Kombination aus disziplinierter Kostenführung, fokussierter Produktstrategie und stärkerer Kundennähe. Das Wort "Profitable Growth" zieht sich durch die offizielle AT&S-Kommunikation seit Mertins Amtsantritt.
Seine Auftritte sind seltener als bei seinem Vorgänger. Wo Gerstenmayer über Jahre das Gesicht von AT&S war, tritt Mertin zurückhaltender auf und überlässt die Detailkommunikation dem Finanzvorstand. Gelegentlich meldet er sich pointiert zu industriepolitischen Themen. So warnte er beim Marterbauer-Besuch im November 2025 vor Überregulierung und Bürokratie in Europa: "Weniger ist mehr."
Aktueller Stand
Der Vorstand von AT&S ist seit Februar 2026 neu zusammengesetzt. Neben Mertin als CEO gehören Gerrit Steen (CFO seit 1. Februar 2026) und Peter Griehsnig (CTO seit April 2023) zum Führungsgremium. Im Aufsichtsrat hat Andy Mattes, ein US-österreichischer Ex-Silicon-Valley-Manager, den Vorsitz von Interimsvorsitzendem Georg Riedl übernommen.
Operativ steht AT&S vor zwei Herausforderungen: die Hochlaufkurve des Werks in Kulim (Malaysia) und die Abhängigkeit von einem einzigen Lieferanten für das sogenannte T-Glas, eine feinfädige Glasfaser für große Substrate. Im jüngsten Halbjahresbericht warnte das Unternehmen, dass im zweiten Halbjahr 2026/27 nicht alle Kundenanfragen vollständig bedient werden könnten. Zusätzliche Lieferanten seien qualifiziert, die Abhängigkeit bleibe aber ein Risiko.