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Montag, 13. April 2026 Kontakt
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Betriebsnachfolge in der Steiermark – 6.400 Betriebe suchen bis 2029 einen Nachfolger

Das Wichtigste in Kürze

  • 6.400 steirische Arbeitgeberbetriebe stehen bis 2029 vor einer Übergabe – rund 80.000 Arbeitsplätze sind davon betroffen
  • Jährlich finden rund 900 Betriebe in der Steiermark einen Nachfolger
  • Österreichweit suchen 51.500 Klein- und Mittelbetriebe bis 2029 eine Nachfolgelösung
  • Die Follow me-Initiative der WKO Steiermark bietet kostenlose Beratung und eine Nachfolgebörse
  • Betriebsnachfolge ist als Schwerpunkt in der Wirtschaftsstrategie Steiermark 2030 verankert
  • Der Übergabeprozess sollte fünf bis zehn Jahre vor dem geplanten Rückzug beginnen

6.400 steirische Arbeitgeberbetriebe mit mindestens einem unselbständig Beschäftigten stehen laut WKO Steiermark bis 2029 vor der Herausforderung, einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin zu finden. Diese Betriebe sichern zusammen rund 80.000 Arbeitsplätze in der Region. Die Betriebsnachfolge zählt damit zu den drängendsten wirtschaftspolitischen Themen des Bundeslandes – denn scheitert die Übergabe, gehen nicht nur einzelne Unternehmen verloren, sondern auch gewachsene Strukturen, regionale Wertschöpfung und Fachkräfte-Know-how, das über Jahrzehnte aufgebaut wurde.

Warum die Nachfolge zur Herausforderung wird

Die Gründe für die angespannte Nachfolgesituation sind vielfältig und greifen ineinander. Die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer-Generation erreichen zunehmend das Pensionsalter, während gleichzeitig weniger junge Menschen den Weg in die Selbständigkeit suchen. Innerhalb von Familienbetrieben ist die Bereitschaft zur Übernahme rückläufig – viele potenzielle Nachfolger entscheiden sich bewusst für Karrieren in Konzernen, im öffentlichen Dienst oder in anderen Branchen, die weniger unternehmerisches Risiko mit sich bringen.

Gleichzeitig ist die Komplexität einer Betriebsübergabe in den vergangenen Jahren gestiegen: Rechtliche, steuerliche und finanzielle Fragen erfordern professionelle Begleitung, die viele Kleinbetriebe nicht aus eigener Kraft stemmen können. Hinzu kommen emotionale Hürden – das Loslassen eines Lebenswerks fällt vielen Übergebern schwer, und nicht selten werden notwendige Schritte zu lange hinausgezögert. In ländlichen Regionen der Steiermark, etwa in der Obersteiermark West oder Teilen der Oststeiermark, verschärft die Abwanderung junger Menschen in urbane Zentren das Problem zusätzlich.

Wichtige Einschränkung:
Experten warnen: Wird die Nachfolge zu spät geplant, sinkt der Unternehmenswert erheblich. Kunden springen ab, Mitarbeiter orientieren sich um, und die Verhandlungsposition des Übergebers verschlechtert sich. Die WKO Steiermark empfiehlt einen Vorlauf von mindestens fünf bis zehn Jahren vor dem geplanten Rückzug.

Follow me – Die steirische Nachfolge-Initiative

Um dem Problem systematisch zu begegnen, hat die WKO Steiermark die Initiative „Follow me“ ins Leben gerufen. Die Servicestelle in der Körblergasse 111-113 in Graz ist zentrale Anlaufstelle für alle Fragen rund um Betriebsübergabe und -übernahme. Das Angebot umfasst individuelle Erstberatungen, einen aktiv betreuten Nachfolge-Marktplatz, themenspezifische Workshops, regelmäßige Sprechtage mit Experten und größere Veranstaltungen wie den Nachfolgetag.

Herzstück der Initiative ist die Nachfolgebörse Steiermark – ein Marktplatz, auf dem übergabewillige Betriebe und übernahmeinteressierte Personen zusammenfinden. Das Follow me-Team betreut die Börse aktiv, prüft Inserate auf Qualität und Vollständigkeit und stellt den Erstkontakt zwischen den Parteien her. Alle Angebote sind vertraulich gehalten, sodass weder Kunden noch Mitarbeiter vor der Zeit von Übergabeplänen erfahren.

Darüber hinaus bieten die Experts Group Übergabe Consultants der WKO professionelle Begleitung durch den gesamten Übergabeprozess – von der ersten Einschätzung des Unternehmenswertes über die Erstellung eines Übergabefahrplans bis zur finalen Vertragsunterzeichnung. Besonders wertvoll sind auch die Finanzierungs- und Förderberatungen durch die Betriebswirtschaftlichen Referenten des Zentralen Förderungsservice, die potenzielle Übernehmer über verfügbare Förderschienen informieren.

Thema Angebot der WKO Steiermark Zielgruppe
Erstberatung Kostenlose Orientierungsgespräche bei Follow me Übergeber und Übernehmer
Nachfolgebörse Aktiv betreuter Online-Marktplatz Betriebe mit Übergabewunsch, Interessenten
Unternehmenswert Online-Ratgeber KMU Unternehmenswert (WIFI) Übergeber zur Ersteinschätzung
Rechtsberatung Sprechtage mit Notaren und Steuerberatern Beide Seiten
Finanzierung Förderberatung durch Betriebswirtschaftliche Referenten Übernehmer
Follow me Award Jährliche Auszeichnung erfolgreicher Nachfolgen Abgeschlossene Übergaben

Der Follow me Award – Vorbilder sichtbar machen

Ein besonderes Instrument der Initiative ist der jährlich vergebene Follow me Award. Bei diesem Wettbewerb werden erfolgreiche Betriebsnachfolgen in den Kategorien „familieninterne Übergabe“ und „familienexterne Übergabe“ ausgezeichnet. Die sechs Regionalstellen der WKO Steiermark nominieren jeweils einen Betrieb pro Kategorie, anschließend entscheidet ein öffentliches Online-Voting über die Gewinner. Das Voting für den Award 2025 fand im Oktober statt und stieß auf breites Interesse.

Die Preisträger erhalten ein umfangreiches Paket: Eine Antenne Steiermark-Spotkampagne mit über 1,1 Millionen Kontakten sorgt für steiermarkweite Bekanntheit. Dazu kommen ein Gutschein für Werbedienstleistungen im Wert von 1.000 Euro, ein Messestand auf der Gründermesse im März 2026 und ein exklusiver 20-minütiger Speaking-Slot, um die eigene Nachfolge-Geschichte vor Publikum zu präsentieren. Die Sichtbarmachung erfolgreicher Übergaben ist ein bewusster strategischer Ansatz: Potenzielle Übernehmer sollen ermutigt werden, den Schritt in die Selbständigkeit über eine bestehende Firma zu wagen, statt bei Null zu beginnen.

Praxis-Tipp:
Für Übernahme-Interessierte bietet die WKO den kostenlosen „Leitfaden zur Betriebsnachfolge“ – mittlerweile in der 13. Auflage. Er behandelt alle relevanten Themen von der Kaufpreisfindung über rechtliche Rahmenbedingungen bis zur Finanzierung und Businessplan-Erstellung. Bis zu drei Exemplare können kostenlos im WKO-Webshop bestellt werden.

Familienintern oder familienextern – zwei Wege zum Generationenwechsel

Grundsätzlich unterscheidet man zwei Formen der Betriebsnachfolge. Bei der familieninternen Übergabe übernimmt ein Familienmitglied – meist Sohn oder Tochter, zunehmend aber auch Nichten, Neffen oder Schwiegerkinder – den Betrieb. Diese Variante hat den Vorteil, dass der Nachfolger das Unternehmen bereits kennt, von den Mitarbeitern akzeptiert wird und die Unternehmenskultur fortführen kann. Die Herausforderung liegt häufig in der emotionalen Dimension: Loslassen fällt schwer, Rollenbilder müssen neu definiert werden, und nicht selten kollidieren unterschiedliche Vorstellungen über die künftige Ausrichtung des Betriebs. Fachleute raten zu klaren Vereinbarungen, definierten Zeitplänen und bei Bedarf zur Begleitung durch externe Mediatoren.

Bei der familienexternen Übergabe kauft eine betriebsfremde Person das Unternehmen. Dieser Weg gewinnt an Bedeutung, weil immer weniger Familienmitglieder zur Übernahme bereit oder geeignet sind. Für Übernehmer bietet er den Vorteil eines funktionierenden Betriebs mit bestehendem Kundenstamm, eingearbeiteten Mitarbeitern und eingespielten Prozessen – ein deutlich geringeres Risiko als eine Neugründung. Die Nachfolgebörse der WKO Steiermark ist speziell für diese Form der Übergabe konzipiert und ermöglicht ein diskretes Matching zwischen Anbietern und Suchenden.

Gut zu wissen:
Die Betriebsnachfolge ist als Schwerpunkt in der Wirtschaftsstrategie Steiermark 2030 verankert. Das Land Steiermark und die WKO arbeiten gemeinsam daran, die Rahmenbedingungen für erfolgreiche Übergaben zu verbessern – von vereinfachten Genehmigungsverfahren bis zu gezielten Förderungen für Übernehmer. Die nächste große Veranstaltung ist das Online-Nachfolge-Event im September 2026.

Finanzierung und Förderungen für Übernehmer

Die Finanzierung der Übernahme ist für viele potenzielle Nachfolger die größte Hürde. Der Kaufpreis eines etablierten Betriebs kann je nach Branche, Größe und Ertragskraft von wenigen Zehntausend bis in den Millionenbereich reichen. Die SFG (Steirische Wirtschaftsförderungsgesellschaft) und die AWS (Austria Wirtschaftsservice) bieten spezifische Förderinstrumente für Betriebsübernahmen an, darunter Zuschüsse für Beratungsleistungen, geförderte Kredite und Haftungsübernahmen. Auch die Bürgschaftsbank des Landes kann bei fehlenden Sicherheiten unterstützen.

Ein wesentlicher erster Schritt ist die realistische Bewertung des Unternehmens. Der Online-Ratgeber „KMU Unternehmenswert“ des WIFI Unternehmerservice ermöglicht eine erste Einschätzung, die als Basis für Verhandlungen dienen kann. Für die verbindliche Bewertung empfiehlt sich die Zusammenarbeit mit zertifizierten Unternehmensberatern und Wirtschaftstreuhändern. Die WKO betont, dass grundsätzlich alles, was im Zuge der Betriebsübernahme auch Neuinvestitionen mit sich bringt, förderbar sein kann.

Besonders betroffene Branchen und Regionen

Nicht alle Branchen und Regionen sind gleichermaßen betroffen. Besonders hoch ist der Nachfolgebedarf im Handwerk, im Einzelhandel, in der Gastronomie und bei kleineren Produktionsbetrieben. In diesen Branchen sind die Gewinnmargen oft gering, was die Attraktivität für Übernehmer senkt. Gleichzeitig sind es genau diese Betriebe, die für die Nahversorgung und das regionale Wirtschaftsgefüge unverzichtbar sind.

Regional betrachtet stehen ländliche Bezirke wie Murau, Murtal, Hartberg-Fürstenfeld oder Bruck-Mürzzuschlag vor besonderen Herausforderungen. Die Abwanderung junger, gut ausgebildeter Menschen in Richtung Graz oder Wien reduziert den Pool an potenziellen Übernehmern vor Ort. Die Follow me-Initiative setzt deshalb gezielt auf regionale Sprechtage und Workshops in den Bezirken, um die Nachfolge-Thematik auch abseits der Landeshauptstadt präsent zu halten.

Handlungsbedarf bleibt hoch

Trotz der umfangreichen Unterstützungsangebote bleibt der Handlungsbedarf groß. Bei jährlich rund 900 erfolgreichen Übergaben und 6.400 übergabetauglichen Betrieben bis 2029 zeigt sich eine deutliche Lücke. Die kommenden Jahre werden entscheidend sein: Gelingt es, die Übergabequote zu steigern und mehr Menschen für die Übernahme bestehender Betriebe zu begeistern, kann die Steiermark ihre vielfältige Wirtschaftsstruktur bewahren. Scheitern die Übergaben im großen Stil, drohen Betriebsschließungen, Arbeitsplatzverluste und eine weitere Ausdünnung der regionalen Versorgungsstruktur – mit Folgen, die weit über die betroffenen Unternehmen hinausreichen.

Quellen