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Donnerstag, 23. April 2026 Kontakt
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Siemens Mobility Graz - das Weltkompetenzzentrum für Fahrwerke in Eggenberg

Siemens Mobility Graz - das Weltkompetenzzentrum für Fahrwerke in Eggenberg

Rund 4.000 Fahrwerke verlassen pro Jahr das Werk Eggenberg von Siemens Mobility Austria. Jeder ICE 4 der Deutschen Bahn, jeder Vectron-Lokomotiv der Bahnbranche, jede U-Bahn-Garnitur in New York oder Istanbul - in vielen Schienenfahrzeugen weltweit stecken Fahrwerke, die in Graz entwickelt und gebaut wurden. 1.500 Mitarbeiter, 79 Lehrlinge und eine Export-Quote von über 90 Prozent machen das Werk zu einem der bedeutendsten Industriebetriebe der Steiermark.

Das Wichtigste in Kürze
  • Siemens Mobility Austria GmbH betreibt in Graz-Eggenberg das weltweite Kompetenzzentrum für Fahrwerke (Bogies) und Stromabnehmer
  • Rund 1.500 Mitarbeiter, 79 Lehrlinge und etwa 270 Ingenieure arbeiten am Standort Eggenberger Straße 31
  • Jährliche Fertigungskapazität: bis zu 4.000 Fahrwerke - für ICE, Vectron-Loks, U-Bahnen und Straßenbahnen weltweit
  • Die Wurzeln gehen bis 1854 zurück, als Johann Weitzer in Graz eine Wagenfabrik gründete - 170 Jahre Bahnindustrie-Geschichte
  • Export-Quote über 90 Prozent; Umsatz des Grazer Werks lag 2019 bei rund 407 Millionen Euro
  • Aktuelle Investition: rund 20 Millionen Euro in Automatisierung, Schweißroboter und digitale Fertigungsprozesse

Von der Weitzer-Wagenfabrik zum globalen Kompetenzzentrum

Die Bahnindustrie in Graz beginnt 1854, als Johann Weitzer in Eggenberg eine Maschinen- und Waggonfabrik gründete. 1934 wurde daraus die Waggon- und Maschinenfabrik AG Schmid, später Simmering-Graz-Pauker (SGP) - eine Dreifach-Fusion, die Graz zu einem der Zentren der österreichischen Eisenbahnindustrie machte. 1992 übernahm Siemens nach und nach die Unternehmensanteile, bis 2001 der Konzern vollständiger Eigentümer war. Seit 2018 firmiert der Standort als Siemens Mobility GmbH.

Das Werk liegt nach wie vor in Eggenberg, an der Eggenberger Straße 31. 170 Jahre lang wurden hier Schienenfahrzeuge gebaut - zunächst Waggons und Lokomotiven, heute Fahrwerke und Stromabnehmer. Kaum ein anderer Industriestandort in Österreich kann auf eine vergleichbar lange ununterbrochene Produktionsgeschichte verweisen.

Das Weltkompetenzzentrum Fahrwerk

Innerhalb von Siemens Mobility ist Graz das weltweite Kompetenzzentrum für Fahrwerke - also jene sicherheitskritischen Bauteile, die ein Schienenfahrzeug tragen, lenken, bremsen und federn. Ein Fahrwerk ist kein einfaches Bauteil: Es besteht aus Achsen, Radsätzen, Bremssystemen, Federung, Drehgestellrahmen, elektrischen Antriebskomponenten und Mess-Sensorik. Je nach Fahrzeugtyp (Regionalzug, Hochgeschwindigkeit, Lokomotive, Straßenbahn, U-Bahn) unterscheiden sich die Anforderungen massiv.

Seit 1998 hat der Grazer Standort über 66.000 Fahrwerke gefertigt. Das ist eine erstaunliche Zahl: Jedes siebte weltweit ausgelieferte Siemens-Schienenfahrzeug wurde mit Fahrwerken aus Graz ausgestattet. Die Produktionskapazität liegt aktuell bei bis zu 4.000 Fahrwerken pro Jahr - genug, um praktisch alle Neubauten von Siemens Mobility in Europa zu bedienen.

Zu den wichtigsten Fahrzeug-Plattformen zählen: der Intercity-Zug ICE 4 für die Deutsche Bahn, die Güterzugslokomotive Vectron, die Regionalzüge Desiro ML und Mireo, die Stadtschnellbahnen der Plattform S-Bahn Hamburg, die Hochgeschwindigkeitszüge Velaro (u.a. Eurostar und DB ICE 3) sowie zahlreiche U-Bahn- und Straßenbahn-Typen in Städten weltweit.

Siemens Mobility Graz - KennzahlenWert
StandortEggenberger Straße 31, 8020 Graz
Mitarbeiterrund 1.500
Davon Lehrlinge79
Davon Ingenieurinnen/Ingenieureca. 270
Fertigungskapazität Fahrwerke pro Jahrbis zu 4.000
Seit 1998 gefertigte Fahrwerkeüber 66.000
Exportquoteüber 90 Prozent
Umsatz 2019rund 407 Millionen Euro
Gründungsjahr Vorgängerbetrieb1854 (Johann Weitzer)

20 Millionen Euro für die digitale Fabrik

Siemens Mobility hat 2024 ein Investitionspaket von rund 20 Millionen Euro für den Standort Graz angekündigt. Ziel ist es, die Fertigungsgeschwindigkeit zu erhöhen und die Qualität weiter zu steigern. Das Paket umfasst:

  • einen neuen Schweißroboter für die Rahmenfertigung, der innerhalb weniger Monate installiert wird
  • eine moderne Pressenstraße für automatisierte Umformprozesse
  • eine Optimierung der Werkslogistik mit einem Einbahn-System („Werksausfahrt Süd") und Just-in-Time-/Just-in-Sequence-Anbindung
  • digitale Zwillinge („digital twins") für virtuelle Testläufe
  • automatisierte C-Teile-Logistik

Die Investition ist eingebettet in eine langfristige Strategie: Das Grazer Werk soll im globalen Siemens-Mobility-Netzwerk seine Rolle als Technologie-Leitstandort behaupten. Die Konkurrenz kommt vor allem von Alstom (mit Werken in Frankreich und Deutschland) sowie vom chinesischen Staatskonzern CRRC, dem weltgrössten Schienenfahrzeug-Hersteller.

Praxis-Tipp:
Wer Interesse am Werk hat, sollte einen Blick auf die Lehrlingsausbildung werfen. Siemens Mobility Graz bildet rund 80 Lehrlinge in technischen Berufen aus (Mechatronik, Metalltechnik, Elektrotechnik, IT) - die duale Ausbildung ist eine der besten Einstiegsmöglichkeiten in die österreichische Bahnindustrie. Informationen gibt es bei TU Graz Career Center und auf der Website von Siemens Mobility.

Ein Werk unter Zugzwang

Die Bahnindustrie boomt - jedenfalls dem ökologischen Auftrag nach. Der Ausbau des Schienenverkehrs ist ein Kernpunkt des European Green Deal. Die EU-Kommission will den Marktanteil der Bahn im Personenverkehr bis 2030 deutlich erhöhen und im Güterverkehr verdoppeln. Das bedeutet: mehr Züge, mehr Fahrwerke, mehr Aufträge für Werke wie Graz.

Gleichzeitig wächst der internationale Wettbewerbsdruck. CRRC verkauft Fahrzeuge zu Preisen, die europäische Hersteller aus strukturellen Gründen (Löhne, Regulierung, Normen) nicht unterbieten können. Alstom hat nach der Übernahme von Bombardier Transportation 2021 ebenfalls eine riesige Produktionskapazität und bedient grosse Teile des europäischen Marktes. Siemens Mobility - und damit auch Graz - muss über Technologie, Zuverlässigkeit und Projektabwicklung punkten.

Von der Ausbildung zur Weltspitze

Die Verbindung zur TU Graz ist ein entscheidender Standortfaktor. Jeder zweite Ingenieur am Standort hat einen Abschluss der TU Graz oder der FH Joanneum. Gemeinsame Forschungsprojekte laufen insbesondere im Bereich Leichtbau, Sensorik und Digitalisierung. Auch die TU Graz Smart Factory nutzt Siemens-Lösungen für die Ausbildung künftiger Produktionsingenieure.

Neben der Fahrwerksfertigung baut das Grazer Werk auch Stromabnehmer (Pantographen) - jene Bauteile, die den Strom aus der Oberleitung abgreifen. Siemens Mobility Graz ist hier einer der führenden Hersteller weltweit. Der Export dieser Komponenten geht unter anderem nach China, Indien und in die USA.

Wichtige Einschränkung:
Die aktuelle Umsatzzahl von 407 Millionen Euro stammt aus dem Geschäftsjahr 2019 und war zum Redaktionsschluss der jüngste publizierte Wert. Aktuellere Standort-Umsätze wurden vom Konzern bislang nicht veröffentlicht. Siemens Mobility Graz ist Teil der Siemens Mobility Austria GmbH, die selbst in den Konzernabschluss der Siemens AG in München eingebettet ist.

Der Standort Graz im Siemens-Österreich-Netzwerk

Siemens Österreich betreibt in mehreren Bundesländern Standorte, mit Schwerpunkten in Wien, Graz und Linz. In der Steiermark liegt der Fokus klar auf Mobility - Automatisierungstechnik und Digital Industries sind in Österreich schwerpunktmäßig in Wien angesiedelt. Für die steirische Wirtschaft ist Siemens Mobility damit ein klassischer Ankerinvestor: Der Konzern bringt Hochtechnologie-Arbeitsplätze und internationale Sichtbarkeit an einen Standort, an dem es ohne Bahnindustrie kein vergleichbares Tech-Unternehmen gäbe. Der 170-Jahre-Rückblick der WKO Steiermark fasst die regionalwirtschaftliche Bedeutung zusammen.

Ausblick: Die angekündigten Investitionen in Roboter-Schweißzellen und digitale Fertigung stärken den Standort Graz im konzerninternen Wettbewerb. Entscheidend für die nächsten Jahre wird sein, wie gut Siemens Mobility im internationalen Markt gegen CRRC und Alstom besteht - und wie schnell der europäische Schienenausbau in konkrete Fahrzeugbestellungen mündet. Graz bleibt dabei im Zentrum der technologischen Weichenstellungen.

Quellen