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Montag, 7. September 2026 Kontakt
Startups

Digidoo aus Graz - 10.000 Lehrkräfte dokumentieren mit der Software aus der Griesgasse

Das Wichtigste in Kürze
  • Rund 10.000 Lehrkräfte arbeiten mit der Software der Grazer Digidoo GmbH, erfasst werden damit Kompetenzen von etwa 150.000 Schülerinnen und Schülern.
  • Je rund 5.000 Nutzerinnen und Nutzer entfallen auf Österreich und Deutschland, dazu kommen erste Schulen in der Schweiz.
  • Die GmbH wurde Anfang 2025 ins Firmenbuch eingetragen, Sitz ist die Griesgasse 1 in Graz, das Stammkapital beträgt 10.000 Euro.
  • Hinter dem Unternehmen stehen Gunther Marktl (iTranslate, StepsApp), Moritz Hiebl, Niklas Lorber und Wolfgang Bartelme.
  • 350.000 Euro kamen aus dem aws Seedfinancing, dazu ein kostenloser Basistarif als Einstieg für einzelne Lehrkräfte.
  • Zum Schuljahr 2026/27 kommen eine Dokumentation individueller Fördermaßnahmen und eine Notizfunktion dazu.

Zwölf Monate nach dem Marktstart zählt das Grazer EdTech-Unternehmen Digidoo nach eigenen Angaben mehr als 10.000 Lehrkräfte, die mit seiner Plattform Kompetenzen und Lernfortschritte dokumentieren. Betroffen sind davon rund 150.000 Schülerinnen und Schüler. Rund 5.000 Lehrpersonen entfallen auf Österreich, ebenso viele auf Deutschland, dazu kommen erste Schulen in der Schweiz. Das ORF Steiermark berichtete am 7. September 2026 über die Zahlen zum Schulstart.

Zum Vergleich: In Österreich unterrichteten im Schuljahr 2024/25 laut Statistik Austria insgesamt 128.385 Lehrpersonen. Die 5.000 heimischen Digidoo-Anwender entsprechen damit knapp vier Prozent aller Lehrkräfte im Land - erreicht in einem Markt, der klassischerweise über Schulbudgets, Bildungsdirektionen und lange Beschaffungswege läuft.

Vom Elterngespräch zur Firmengründung

Der Ausgangspunkt war kein Businessplan, sondern ein Gespräch am Schulrand. Jesica Rittstieg, Volksschullehrerin in Hönigtal in der Gemeinde Kainbach bei Graz, unterrichtete den Sohn von Gunther Marktl und sprach ihn darauf an, dass es für die laufende Dokumentation von Lernfortschritten kein brauchbares digitales Werkzeug gebe. Jede Lehrkraft löse das anders, ein gemeinsamer Überblick fehle.

Marktl, in der Grazer App-Szene seit rund zwei Jahrzehnten aktiv, stellte daraufhin ein Team zusammen. Über ein Jahr lang arbeitete die Gruppe mit Rittstieg, der Pädagogischen Hochschule Steiermark und der Bildungsdirektion an der Software, bevor sie auf den Markt kam. Rund 30 Schulen waren in die Entwicklung eingebunden.

Was die Software im Schulalltag macht

Digidoo verbindet drei Arbeitsschritte, die Lehrkräfte bisher getrennt erledigten: das laufende Festhalten von Beobachtungen im Unterricht, die Verknüpfung dieser Beobachtungen mit den offiziellen Kompetenzrastern der Lehrpläne und das automatische Erstellen von Notenvorschlägen und Berichten. Die Bewertung selbst bleibt bei der Lehrperson, die Software liefert nur die Grundlage dafür.

Sichtbar wird der Lernstand über eine grafische Darstellung, die das Unternehmen "Kompetenzblume" nennt. Für Elterngespräche lassen sich daraus Berichte erzeugen, ohne dass Notizen aus Heften, Kalendern und Excel-Listen zusammengesucht werden müssen. Die Zeitersparnis beziffert Digidoo mit bis zu 70 Prozent gegenüber der händischen Aufzeichnung - eine Unternehmensangabe, die bislang nicht unabhängig überprüft wurde.

Von 100 auf über 1.000 Schulen in zehn Monaten

Die Wachstumskurve lässt sich anhand der öffentlich kommunizierten Kennzahlen nachzeichnen. Alle Angaben stammen vom Unternehmen selbst.

Stand Kennzahlen Märkte
November 2025 rund 100 Schulen, Zulauf überwiegend über Mundpropaganda Österreich
Mai 2026 über 1.000 Schulen, mehr als 2.000 aktive Lehrkräfte, über 1,5 Millionen Einträge Österreich, Deutschland (etwa die Hälfte der Schulen)
September 2026 rund 10.000 Lehrkräfte, Daten von etwa 150.000 Schülerinnen und Schülern je rund 5.000 Lehrkräfte in Österreich und Deutschland, erste Schulen in der Schweiz

Vier Gründer mit App-Vergangenheit

Das Team bringt eine ungewöhnlich dichte Vorgeschichte mit. Gunther Marktl war Mitgründer von iTranslate, der Grazer Übersetzungs-App, deren Verkauf an den US-Konzern IAC - die Muttergesellschaft von Tinder - im März 2018 bekanntgegeben wurde. Danach baute er gemeinsam mit dem Designer Wolfgang Bartelme den Schrittzähler StepsApp auf, der es auf Millionen Downloads brachte. Bartelme gewann sechs Apple Design Awards.

Moritz Hiebl führt Digidoo als CEO und verantwortet Strategie und operatives Geschäft, Niklas Lorber die technische Entwicklung. Im Firmenbuch sind Hiebl und Marktl seit März 2025 als Geschäftsführer eingetragen, das Unternehmen weist vier Gesellschafter aus. Damit setzt sich in der Grazer Softwareszene ein Muster fort: Erlöse und Erfahrung aus einem Exit fließen in die nächste Gründung am selben Standort.

Gut zu wissen:
Das aws Seedfinancing - Innovative Solutions richtet sich an impactorientierte Start-ups, die bei Antragstellung höchstens 54 Monate alt sind. Gefördert werden bis zu 80 Prozent der anerkennbaren Kosten, mit Gender-Bonus bis zu 90 Prozent. Die Höchstsumme liegt bei 356.000 Euro, mit Bonus bei 400.000 Euro, die Projektlaufzeit bei maximal zwei Jahren. Bildung zählt ausdrücklich zu den geförderten Wirkungsfeldern. Mehr dazu in unserem Überblick zur aws-Förderung für steirische Unternehmen.

350.000 Euro Startkapital und ein Gratis-Einstieg

Digidoo erhielt 350.000 Euro aus dem aws Seedfinancing. Eine Beteiligungsrunde mit externen Kapitalgebern ist bislang nicht öffentlich bekannt, das Unternehmen finanziert sich damit anders als viele steirische Start-ups mit Finanzierungsrunden vorwiegend über Förderung und laufende Umsätze.

Beim Preismodell setzt das Unternehmen auf einen niederschwelligen Einstieg. Der Basistarif ist dauerhaft kostenlos, kostenpflichtig wird es erst bei erweiterten Funktionen wie Notengewichtung und Berichtsexport.

Tarif Preis Zielgruppe
Basis dauerhaft kostenlos Einstieg mit den Grundfunktionen
Flex 6 € pro Lehrkraft und Monat einzelne Lehrkräfte und kleine Teams
Team ab 2 € pro Schülerin bzw. Schüler und Jahr ganze Schulen, unbegrenzte Zahl an Lehrkräften

Bei jährlicher Zahlung gewährt der Anbieter nach eigenen Angaben Rabatte von bis zu 50 Prozent, alle Preise verstehen sich exklusive Umsatzsteuer (Stand: September 2026, laut Preisübersicht des Anbieters). Beim Start im Herbst 2025 hatte das Modell noch anders ausgesehen: 50 Euro pro Jahr für eine einzelne Lehrkraft, für Schulen zwei Euro je Kind plus 500 Euro Servicepauschale.

Was im Schuljahr 2026/27 dazukommt

Zwei Erweiterungen gehen mit dem laufenden Schuljahr in Betrieb. Erstens eine Förderdokumentation: Lehrkräfte halten fest, welches Kind in welchem Bereich gefördert wird und welche Maßnahmen dabei zum Einsatz kommen. Das erweitert die bisherige Kompetenz- und Leistungsdokumentation um jenen Teil, der bei Förderplänen und sonderpädagogischem Förderbedarf ohnehin schriftlich zu belegen ist.

Zweitens eine Notizfunktion, mit der Beobachtungen direkt während des Unterrichts erfasst werden - der Bedienung nach ähnlich einem Chatverlauf, damit die Eingabe nicht auf den Abend verschoben wird.

"Wir sehen, wie dringend Lehrpersonen gerade in Zeiten des Lehrermangels nach digitalen Werkzeugen suchen, die sie im Schulalltag tatsächlich entlasten", sagt Geschäftsführer Moritz Hiebl. Und zur neuen Funktion: "Unser Ziel ist, dass die Dokumentation so schnell und unkompliziert wie möglich gelingt. Mit dem neuen Tool bleibt mehr Zeit für das, worum es eigentlich geht: das Unterrichten."

Schülerdaten auf europäischen Servern

Wer mit Leistungsdaten von Kindern arbeitet, bewegt sich in einem sensiblen Bereich. Digidoo speichert die Daten nach eigenen Angaben auf europäischen Servern und sichert Zugänge über Zwei-Faktor-Authentifizierung ab. Ein abgestuftes Rollen- und Berechtigungssystem soll dafür sorgen, dass jede Lehrkraft nur jene Datensätze sieht, die sie für ihren Unterricht braucht.

Künstliche Intelligenz spielt bisher eine untergeordnete Rolle. Geplant sind KI-gestützte Vorschläge für individuelle Fördermaßnahmen, abgeleitet aus den dokumentierten Kompetenzen. Für die Frage, wie sich das vertrauenswürdig umsetzen lässt, arbeitet das Unternehmen mit dem Know Center in Graz zusammen, das sich auf Trustworthy AI spezialisiert hat. Wie steirische Betriebe solche Werkzeuge insgesamt einsetzen, zeigt der Überblick zum KI-Einsatz in steirischen Unternehmen.

Wichtige Einschränkung:
Die Skalierung nach Deutschland ist aufwendiger, als die Nutzerzahlen vermuten lassen: Jedes Bundesland hat eigene Lehrpläne und eigene Kompetenzraster, die einzeln in der Software hinterlegt werden müssen. Hiebl hat auf diesen Punkt bereits beim Markteintritt hingewiesen. Für die Schweiz kommt mit dem Lehrplan 21 ein weiteres eigenständiges Regelwerk dazu.

Warum der Zeitpunkt passt

Der Lehrkräftemangel wirkt als Verstärker. Wenn Klassen zusammengelegt werden und Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger ohne Routine in die Dokumentation starten, steigt der Wert eines Werkzeugs, das die gesetzlich geforderten Aufzeichnungen strukturiert vorgibt. Zugleich ist der Bildungsmarkt für Software notorisch zäh: Entscheidungen fallen auf Schulebene, Budgets sind klein, und Datenschutzfragen können ein Projekt monatelang aufhalten.

Digidoo hat diesen Weg umgangen, indem die Software zunächst über einzelne Lehrkräfte in die Schulen kam und erst danach über Schulbudgets. Der kostenlose Basistarif ist die logische Fortsetzung dieser Strategie. Ob sich daraus tragfähige Umsätze entwickeln, entscheidet sich daran, wie viele Schulen vom Gratis-Einstieg in den Team-Tarif wechseln.

Ausblick: Mit rund 10.000 Lehrkräften nach einem Jahr gehört Digidoo zu den am schnellsten gewachsenen Software-Neugründungen des Landes. Die kommenden Monate zeigen, ob die Schweiz zum dritten tragenden Markt wird und ob die angekündigten KI-Funktionen den Sprung von der Dokumentation zur konkreten Förderempfehlung schaffen. Beides entscheidet darüber, ob aus der Grazer Anwendung ein europäischer Anbieter wird.

Quellen