- Lucas Winkler verlor mit 15 Jahren durch die seltene Erkrankung LHON fast sein gesamtes Sehvermögen und gründete mit 19 sein eigenes Unternehmen.
- Der Start kostete rund 100.000 Euro, finanziert mit Hilfe der Eltern - für eine Druckkammer und eine eigene Linie an Nahrungsergänzungsmitteln.
- Heute zählt Hyper Balance nach eigenen Angaben knapp 200 Termine pro Woche, zwei Standorte in Graz und Seiersberg-Pirka sowie drei Mitarbeiter.
- Die Hyper Balance GmbH wurde erst im August 2025 ins Firmenbuch eingetragen, Winkler ist Alleingesellschafter und Geschäftsführer.
- Die Anwendungen sind ausdrücklich als gewerbliche Wellness-Leistungen deklariert, nicht als medizinische Behandlungen.
- Der nächste Schritt soll ein Lizenzsystem sein, das sich vor allem an Ärzte und Gesundheitseinrichtungen richtet.
Ein Termin pro Woche war zu Beginn ein Grund zur Freude. Heute sind es knapp 200. Zwischen diesen beiden Zahlen liegen vier Jahre, ein Startinvestment von rund 100.000 Euro und die Geschichte eines Grazer Unternehmens, das ohne die Diagnose seines Gründers nie entstanden wäre. Die Wirtschaftskammer Steiermark porträtierte Lucas Winkler Ende August 2026 in ihrer Serie über junge Betriebe.
Die Diagnose mit 15 Jahren
"Ich war 15, als ich die Diagnose LHON erhalten habe. Innerhalb eines halben Jahres war ich praktisch blind, hatte nur noch ein Prozent Sehvermögen", schildert der heute 23-Jährige. Damit endete auch sein sportliches Ziel: Winkler hatte fast ein Jahrzehnt lang auf eine Karriere im Mixed Martial Arts hingearbeitet.
Die Lebersche hereditäre Optikusneuropathie (LHON) ist eine erbliche mitochondriale Erkrankung der Ganglienzellen des Sehnervs. Laut PRO RETINA tritt sie mit einer Häufigkeit von etwa 1:40.000 auf, betrifft meist junge Menschen und führt binnen Wochen bis Monaten zu massivem Sehverlust. Der Erbgang verläuft mütterlicherseits, erkrankt sind 40 bis 50 Prozent der männlichen und 10 bis 15 Prozent der weiblichen Anlageträger. Je nach zugrundeliegender Mutation ist eine spontane Rückbildung der Symptome möglich. Als schwerwiegendster beeinflussbarer Risikofaktor gilt Nikotin.
Winkler beschäftigte sich in der Folge mit Zellgesundheit, Sauerstofftherapie und dem, was heute unter dem Sammelbegriff Biohacking läuft. Sein Sehvermögen kehrte teilweise zurück. "Mittlerweile kann ich wieder Sport machen und meinen Alltag normal bewältigen", sagt er. Er selbst führt das auf die Kombination aus Druckkammer-Sauerstofftherapie und einem geänderten Lebensstil zurück.
100.000 Euro, eine Druckkammer und ein Kunde pro Woche
Aus der eigenen Anwendung wurde ein Angebot. "In meiner jugendlichen Naivität habe ich mir nach dem Schulabschluss gesagt: Ich kaufe mir selbst eine Druckkammer", erinnert sich Winkler. Dazu kam eine eigene Linie an Nahrungsergänzungsmitteln, produziert in der Steiermark. "Das war zum Start in Summe gleich ein Investment von rund 100.000 Euro - ohne meine Eltern wäre das nicht möglich gewesen."
Die Aufbaujahre verliefen ohne Gehalt und ohne Urlaub. "Ich habe immer alles reinvestiert. Erst mit Gründung der GmbH habe ich letztes Jahr begonnen, mir als Geschäftsführer etwas auszuzahlen", sagt Winkler. Auch Skepsis gehörte dazu: "Wenn man mit 19 Jahren gründet, gibt es die natürlich."
Formal ist das Unternehmen jung. Die Hyper Balance GmbH mit Sitz in der Sackstraße 26 wurde am 21. August 2025 ins Firmenbuch eingetragen (FN 660108 y), das Stammkapital beträgt 10.000 Euro. Winkler ist alleiniger Gesellschafter und Geschäftsführer. Als Unternehmensgegenstand ist der Betrieb einer Biohacking-Praxis samt Handel mit Nahrungsergänzungsmitteln eingetragen.
Zwei Standorte mit unterschiedlicher Ausstattung
Der Betrieb verteilt sich auf zwei Adressen, die sich in Größe und Ausstattung deutlich unterscheiden.
| Standort | Adresse | Ausstattung |
|---|---|---|
| Graz (erster Standort) | Sackstraße 26, 8010 Graz | Einzel-Druckkammer, IHHT-Höhentraining, Rotlicht, BEMER-Gefäßtherapie, Zellanalyse |
| Seiersberg-Pirka | Kärntner Straße 527, 8054 Seiersberg-Pirka | Druckkammer für bis zu vier Personen, Rotlichtpaneele, BEMER-Gefäßtherapie, Arbeitsplätze in der Kammer |
Eine Sitzung dauert nach Angaben des Anbieters 60 Minuten, je nach Protokoll auch 90. Beim IHHT-Höhentraining wird ein Aufenthalt in bis zu 7.000 Metern Höhe simuliert. Winkler beziffert den Effekt der Druckkammer mit "bis zu 2.100 Prozent mehr Sauerstoff im Körper" - eine Angabe, die sich auf den im Blutplasma physikalisch gelösten Anteil bezieht und vom Unternehmen selbst stammt.
Long Covid und Profifußball als Kundschaft
Die Kundengruppen liegen weit auseinander. "Wir haben Kunden mit Long Covid, aber auch Spitzensportler", sagt Winkler. Als Referenz nennt er eine Zusammenarbeit mit Sturm Graz: "Die Spieler kommen regelmäßig - bei Verletzungen oft mehrmals die Woche - zu uns und nutzen die Druckkammer." Hyper Balance bezeichnet sich auf der eigenen Website als offiziellen Performance-Partner des Klubs und betreut nach eigener Darstellung die gesamte Kampfmannschaft. Eine Bestätigung des Vereins zu Umfang und Form der Kooperation liegt nicht vor, in der Sponsorenübersicht von Sturm Graz wird das Unternehmen nicht geführt.
Für ein Kleinunternehmen ist die sportliche Referenz dennoch das wirksamste Marketinginstrument - vergleichbar mit der Rolle, die Klubpartnerschaften in der steirischen Gesundheitsbranche generell spielen.
Gewerbliche Anwendung, nicht Medizin
Wirtschaftlich entscheidend ist eine Abgrenzung, die Hyper Balance selbst vornimmt: Die Leistungen sind auf der Unternehmenswebsite ausdrücklich als "nicht-medizinische, gewerbliche Anwendungen zu Wellness- und Entspannungszwecken" deklariert. Damit fällt der Betrieb unter das Gewerberecht und nicht unter das Ärztegesetz - was die Gründung mit 19 überhaupt erst ermöglicht hat und zugleich erklärt, warum keine Krankenkasse die Kosten übernimmt.
Gewerbliche Druckkammer-Angebote und die klinische hyperbare Sauerstofftherapie sind zwei verschiedene Dinge. Klinische Behandlungen erfolgen bei deutlich höherem Druck, unter ärztlicher Aufsicht und nur bei anerkannten Indikationen. Wer eine Erkrankung hat, klärt eine Anwendung vorab mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt ab - insbesondere bei Erkrankungen der Lunge, der Ohren oder bei Herz-Kreislauf-Vorerkrankungen.
Das medizinische Gegenstück steht in Graz
Ausgerechnet in derselben Stadt betreibt die öffentliche Hand die Referenzeinrichtung für die medizinische Variante. Die Klinische Abteilung für Thoraxchirurgie und Hyperbare Chirurgie am LKH-Univ. Klinikum Graz unter Leitung von Univ.-Prof. PD Dr. Jörg Lindenmann betreibt die einzige österreichische Druckkammer mit garantierter Rund-um-die-Uhr-Notfallbereitschaft. Sie fasst bis zu 20 Personen gleichzeitig und führt rund 1.300 Kompressionen pro Jahr durch.
| Merkmal | Klinische HBO (LKH Graz) | Gewerbliches Angebot |
|---|---|---|
| Rechtlicher Rahmen | medizinische Behandlung unter ärztlicher Leitung | Gewerbe, als Wellness-Anwendung deklariert |
| Typische Indikationen | Problemwunden, Strahlenfolgen, Knocheninfektionen, Hörsturz, Tauchunfall, Kohlenmonoxidvergiftung | Regeneration, Erschöpfung, Sport, Wohlbefinden |
| Behandlungsdruck | 2,2 bis 3,0 bar, meist täglich über zwei Wochen | niedriger, Sitzungen einzeln buchbar |
| Kostenträger | Krankenanstalt bei medizinischer Indikation | Selbstzahler |
Die Unterscheidung ist kein Nebenschauplatz: Sie bestimmt das Geschäftsmodell. Wer als Selbstzahlerbetrieb arbeitet, ist von Kassenverträgen und Bewilligungsverfahren unabhängig, muss den Nutzen aber selbst plausibel machen und ist auf zahlungskräftige Kundschaft angewiesen.
Ein Markt zwischen Nachfrage und Skepsis
Damit steht Hyper Balance in einem Segment, das in Österreich zuletzt kräftig gewachsen ist. Allein in Wien haben in den vergangenen Jahren rund ein Dutzend Longevity-Zentren eröffnet, das Angebot reicht von Kältekammern bis zu Blutwäsche. Longevity-Retreats starten bei etwa 5.000 Euro pro Woche, umfassende Vorsorge-Checks liegen im Bereich von 20.000 Euro. Der Salzburger Nahrungsergänzungs-Hersteller Biogena kam im Geschäftsjahr 2024/25 auf rund 117 Millionen Euro Umsatz bei 45 Prozent Wachstum.
Gegenwind kommt aus der Wissenschaft. Der Genetiker Markus Hengstschläger warnt bei vielen der angebotenen Tests vor Fehl- und Überinterpretation. Die Preisstruktur des Grazer Betriebs liegt allerdings deutlich unter jener der Wiener Premiumanbieter, was die Kundschaft verbreitert - und zugleich mehr Termine nötig macht, um dieselben Erlöse zu erreichen.
Lizenzsystem statt eigener Filialen
Für die Expansion hat Winkler ein Modell gewählt, das ohne großen Kapitalbedarf auskommt: ein Lizenzsystem, das sich primär an Ärzte und Gesundheitseinrichtungen richtet. "Wir sind schon in fortgeschrittenen Gesprächen", sagt er. Der Anstoß kam von der Nachfrageseite: "Wir haben Kunden aus Wien, München, Zürich. Deshalb wollen wir ein Lizenzsystem aufbauen, um auch diese Städte mit unserem Konzept zu erreichen."
Das ist betriebswirtschaftlich naheliegend. Eine Mehrpersonen-Druckkammer, geeignete Räume und die Genehmigungen für jeden weiteren Standort selbst zu finanzieren, würde die Mittel eines Dreipersonenbetriebs übersteigen. Lizenznehmer aus dem Gesundheitsbereich bringen zudem eigene Räume, eigene Patienten und eine fachliche Autorität mit, die ein junges Grazer Unternehmen in einem neuen Markt erst aufbauen müsste. Wie sich solche Wachstumsschritte formal absichern lassen, zeigt der Überblick zu den Schritten einer Unternehmensgründung in der Steiermark.
Die größte Hürde sieht Winkler an anderer Stelle. Auf die Frage nach den Herausforderungen antwortet er knapp: "Passende und authentische Mitarbeiter zu finden." Ein Befund, der ihn mit weiten Teilen der steirischen Gesundheits- und Life-Sciences-Branche verbindet.
Dieser Beitrag beschreibt die wirtschaftliche Entwicklung eines Unternehmens und ersetzt keine medizinische Beratung. Aussagen zur Wirkung einzelner Anwendungen geben Angaben des Unternehmens wieder. Bei gesundheitlichen Beschwerden ist die Abklärung durch eine Ärztin oder einen Arzt der richtige Weg.
Quellen
- WKO Steiermark: Vom Sehverlust zum Longevity-Vorreiter (aktualisiert 25. August 2026)
- LKH-Univ. Klinikum Graz: Klinische Abteilung für Thoraxchirurgie und Hyperbare Chirurgie
- PRO RETINA: Lebersche hereditäre Optikusneuropathie (LHON)
- Hyper Balance: Standorte in Graz und Seiersberg-Pirka
- Firmenbuch: Hyper Balance GmbH, FN 660108 y
- News: Longevity - Das Geschäft mit der Langlebigkeit