- Emerald Horizon und die niederländische VDL Groep haben am 8. September 2026 in Graz den Baustart für den "Test Loop" des Thoriumreaktors SMRX vereinbart. Gebaut wird er in Eindhoven.
- Ein Modul soll 25 Megawatt thermische und rund 10 Megawatt elektrische Leistung liefern - genug für etwa 10.000 Haushalte, bei einer Laufzeit von rund 20 Jahren ohne Brennstoffwechsel.
- Der vollständige Prototyp ist für 2029 angekündigt, die Serienfertigung für 2031, Produktionsstandorte in den USA, im Nahen Osten und in Asien ab 2035.
- In Österreich wird der Reaktor weder gebaut noch betrieben: Das Bundesverfassungsgesetz für ein atomfreies Österreich verbietet Kernspaltungsanlagen im Inland. Vermarktet wird hier nur der nichtnukleare Speicher DUALstorePLUS.
- Die Aktie notiert seit 26. Juni 2026 an der Wiener Börse. Bei 1.150 Euro je Stück ergibt das einen Börsenwert von rund 1,2 Milliarden Euro - bei 768.000 Euro Verlust im Jahr 2025 und praktisch ohne Umsatz aus dem Reaktorgeschäft.
- Fachbehörden ordnen beschleunigergetriebene Systeme und Salzschmelzreaktoren bislang als technisch und wirtschaftlich weit von der Marktreife entfernt ein.
Ein Kieselstein von rund zwei Gramm, den Chefentwickler Mario J. Müller bei der Pressekonferenz in Graz in die Höhe hielt, enthält etwa 0,2 Gramm Thorium. Diese Menge reiche rechnerisch, um einen Drei-Personen-Haushalt ein Jahr lang mit Energie zu versorgen. Das Mineral heißt Monazit, fällt beim Abbau seltener Erden als Nebenprodukt an und liegt weltweit auf Halden - Thorium muss dafür mittelfristig nicht eigens gefördert werden.
Aus dieser Rechnung leitet die Grazer Emerald Horizon AG ihr gesamtes Geschäftsmodell ab. Am 8. September 2026 hat das Unternehmen im eigenen Labor in der Karl-Huber-Gasse den Baustart für das Herzstück seines Reaktors bekanntgegeben. Gebaut wird es nicht in der Steiermark, sondern bei der VDL Groep im niederländischen Eindhoven. CEO Florian Wagner und VDL-Geschäftsführer Markjan Vermeer unterzeichneten den Vertrag in Graz.
Was in Eindhoven entsteht
Der "Test Loop" ist kein Reaktor, sondern der Hochtemperatur-Kreislauf, in dem das flüssige Trägersalz zirkuliert. An ihm soll sich zeigen, ob das im Labor Erprobte auch in industriellem Maßstab funktioniert. Wagner nennt das die "entscheidende Phase zwischen Labor und Fertigung".
Die Arbeitsteilung ist in der gemeinsamen Aussendung beider Unternehmen klar beschrieben: Graz behält die Forschungsführung und die Systemverantwortung, Eindhoven übernimmt Engineering, Fertigung und Serienvorbereitung. Vier Hardware-Iterationen wurden nach Unternehmensangaben zuvor im Grazer Labor getestet, die Daten daraus gingen an VDL. Vermeer fasste den Auftrag mit einem Satz zusammen: "Wir bringen das nun in Serienreife." Sein Kollege Hans Priem sprach von einem "Abenteuer" mit "maximaler Chance, erfolgreich zu sein".
Der Partner ist kein Start-up. Die VDL Groep ist ein 1953 gegründetes Familienunternehmen mit Sitz in Eindhoven, das 2025 rund 4,1 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftete, über 14.000 Menschen beschäftigt und aus mehr als 100 Betriebsgesellschaften besteht - unter anderem als Zulieferer der Halbleiterindustrie rund um ASML. Für Emerald Horizon bedeutet die Kooperation Zugang zu einer Fertigungstiefe, die ein Grazer Unternehmen mit einer zweistelligen Mitarbeiterzahl selbst nicht aufbauen könnte.
Wie der SMRX funktionieren soll
Der SMRX besteht aus vier modularen "Armen" in Containerbauweise: Wärmespeicher, Batteriespeicher, Konverter und ein Teilchenbeschleuniger, der die Neutronen liefert. Eine zentrale Steuerung mit Künstlicher Intelligenz koordiniert die Elemente. Der thoriumbasierte Reaktorteil selbst soll unterirdisch eingelassen werden, die übrigen Module bleiben transportabel.
| Kenngröße | Angabe des Unternehmens |
|---|---|
| Thermische Leistung je Modul | bis 25 Megawatt |
| Elektrische Leistung je Modul | rund 10 Megawatt |
| Versorgte Haushalte | etwa 10.000 |
| Prozesstemperatur | bis 900 Grad Celsius |
| Betriebsdruck | Umgebungsdruck |
| Laufzeit ohne Brennstoffwechsel | rund 20 Jahre |
| Abfallmenge nach 20 Jahren | etwa 200 Kilogramm |
| Angepeilter Energiepreis | rund 8,5 Cent je Kilowattstunde |
In einem herkömmlichen Kernkraftwerk hält sich die Kettenreaktion selbst am Laufen. Beim beschleunigergetriebenen Konzept ist der Kern unterkritisch ausgelegt: Ohne die Neutronen aus dem Teilchenbeschleuniger kommt die Spaltung zum Erliegen. Wird der Beschleuniger abgeschaltet, endet die Reaktion. Emerald Horizon leitet daraus ab, dass Kernschmelze und Explosionsrisiko physikalisch ausgeschlossen sind, und stützt darauf auch die Erwartung eines schlankeren Genehmigungsweges. Statt Uran oder Plutonium kommt Thorium zum Einsatz, das sich nicht zu Waffenmaterial weiterverarbeiten lässt.
Energy as a Service statt Anlagenverkauf
Emerald Horizon verkauft die Anlagen nicht, sondern die Energie daraus. Kunden zahlen nur für das, was sie tatsächlich entnehmen - ein Modell, das die hohe Anfangsinvestition beim Abnehmer vermeidet und den Markteintritt beschleunigen soll. Im Gespräch ist ein Preis von rund 8,5 Cent je Kilowattstunde; in der Vorbereitung des Börsengangs nannte das Unternehmen eine Spanne von 8 bis 10 Cent.
Als Zielgruppen nennt das Unternehmen große Industriebetriebe, Gemeinden, Krankenhäuser, Rechenzentren, die Nahrungsmittel- und Metallindustrie, den Transportsektor und Tankstellen. Ein besonderes Verkaufsargument ist der Kaltstart: Die Anlage soll ohne Anschluss an ein bestehendes Stromnetz anlaufen können, was sie für Regionen ohne belastbare Strominfrastruktur interessant macht, etwa in Afrika. Ab 2035 will Emerald Horizon an mehreren Standorten in den USA, im Nahen Osten und in Asien produzieren.
Nicht den Reaktor, sondern den Speicher. DUALstorePLUS kombiniert Wärme- und Batteriespeicher in einer containerbasierten Einheit im Bereich von 5 bis 100 Megawattstunden und wird über Zwanzigjahresverträge vermarktet. Bei der Präsentation im Februar 2026 nannte Entwicklungsleiter Mario J. Müller knapp 20 Tonnen Salz als thermischen Speicher mit bis zu 550 Grad. Der Hochtemperaturspeicher CALstore soll ab 2028 ausgeliefert werden. Diese Produkte sind nicht nuklear und deshalb auch im Inland verkäuflich.
Warum der Reaktor nie in der Steiermark stehen wird
Österreich hat sich 1978 in einer Volksabstimmung gegen die Inbetriebnahme des fertigen Kernkraftwerks Zwentendorf entschieden. Wenige Wochen später folgte das Atomsperrgesetz, das die Nutzung der Kernspaltung zur Energieversorgung untersagte. 1999 hob der Nationalrat diese Regelung einstimmig in den Verfassungsrang: Das Bundesverfassungsgesetz für ein atomfreies Österreich verbietet die Errichtung von Anlagen zur Energiegewinnung durch Kernspaltung ebenso wie den Betrieb bereits errichteter Anlagen.
Emerald Horizon nimmt das in der eigenen Kommunikation ausdrücklich an: Im Inland wird nur das nichtnukleare Speichersystem vermarktet, Bau und Betrieb des Reaktors finden im Ausland statt. Die Wertschöpfung, die in der Steiermark bleibt, ist damit Forschung, Entwicklung, Systemverantwortung und Verwaltung - nicht die Fertigung und nicht der Energieverkauf. Das Unternehmen ist Partner im Green Tech Valley Cluster und zählt zu jenen steirischen Deep-Tech-Unternehmen, deren Markt von Beginn an außerhalb Österreichs liegt.
Die Börsenseite: 1,2 Milliarden Euro Bewertung, 768.000 Euro Verlust
Am 26. Juni 2026 wurde die Emerald-Horizon-Aktie unter dem Kürzel SMRX im Standard Market der Wiener Börse zugelassen. Es handelte sich nicht um einen klassischen Börsengang, sondern um ein reines Listing bestehender Aktien - frisches Kapital floss dabei nicht zu. Der Kurs stieg am ersten Handelstag vom Referenzpreis 760 Euro auf 1.010 Euro, ein Plus von 32,89 Prozent, erzielt allerdings in nur 91 Abschlüssen mit 2,6 Millionen Euro Umsatz.
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Erstnotiz | 26. Juni 2026, Standard Market |
| Aktien | 1.049.375 Stück, Grundkapital 1.049.375 € |
| Kurs am 9. September 2026 | 1.150 € (Börsenwert rund 1,2 Mrd. €) |
| Streubesitz | 25,1 Prozent |
| Größte Aktionäre | Florian Wagner 52,90 %, Philipp Pölzl 13,15 %, QMAN Research Holding 8,66 % |
| Ergebnis 2025 | rund 768.000 € Verlust |
| Kapitalbedarf laut CEO | rund 75 Mio. € bis 2028/29, weitere 150 Mio. € für die Serie |
Die Bewertung von rund 1,2 Milliarden Euro bezieht sich auf alle Aktien, also auch auf die rund zwei Drittel, die den beiden Gründern gehören. Frei handelbar sind 25,1 Prozent. Bewertet wird ein Unternehmen, das aus dem Reaktorgeschäft noch keine Erlöse erzielt und 2025 einen Verlust von rund 768.000 Euro auswies - eine Konstellation, die auch bei US-Vergleichsunternehmen wie NuScale oder Oklo zu beobachten ist, die ebenfalls vor der Kommerzialisierung stehen.
Die Finanzierung der nächsten Schritte hat Wagner Ende Juni 2026 selbst übernommen: Er sagte 20 Millionen Euro Eigenkapital in vier Tranchen zu je fünf Millionen zu, verteilt von Q4 2026 bis Q3 2028, gezeichnet jeweils zum volumengewichteten Durchschnittskurs der 30 vorangegangenen Handelstage. Mitgehen wollen Mitgründer Philipp Pölzl und der US-Investor Carl Page. Im Juli verpfändete Wagner 75.000 eigene Aktien als Sicherheit für ein Lombarddarlehen, um das zugesagte Geld aufzubringen. Das Geld soll in die Prototypenentwicklung mit VDL, in die Vermarktung von DUALstorePLUS und in die Hebelung öffentlicher Förderprogramme fließen.
Die offenen Fragen
Die Ankündigungen stehen einer Fachdiskussion gegenüber, die deutlich zurückhaltender ausfällt. Das deutsche Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) hat alternative Reaktorkonzepte systematisch untersucht und kommt zu einem nüchternen Befund: Salzschmelzreaktoren existieren bisher nur als Forschungsanlagen, die Korrosion in den Rohrsystemen gilt als wesentlicher Nachteil, und beschleunigergetriebene Systeme stehen vor erheblichen technischen und finanziellen Hürden. Das europäische Referenzprojekt MYRRHA soll frühestens in den 2030er-Jahren in Betrieb gehen.
Sämtliche Leistungs-, Kosten- und Zeitangaben in diesem Artikel stammen vom Unternehmen selbst und sind bislang nicht durch eine unabhängige technische Prüfung oder eine Genehmigungsbehörde bestätigt. Drei Punkte bleiben offen: Thorium ist nicht selbst spaltbar, das spaltbare Uran-233 muss erst erbrütet werden, und die dafür nötige Aufbereitungsinfrastruktur existiert weltweit kaum. Die Korrosion durch aggressive Salzschmelzen gilt in der Fachliteratur als ungelöst - Emerald Horizon erklärt dazu, die Frage gelöst zu haben, ohne den Nachweis öffentlich vorzulegen. Und auch geringe Abfallmengen brauchen ein Endlager, das es nicht gibt.
Wagner selbst formuliert die Wette unmissverständlich: "Wenn der SMRX funktioniert, wird Emerald Horizon eines der wertvollsten Unternehmen der Welt." Der Satz beschreibt zugleich die Kehrseite. Die Bewertung an der Börse nimmt einen Erfolg vorweg, dessen technischer Nachweis erst 2029 vorliegen soll.
Wer in Graz dahintersteht
Emerald Horizon wurde 2019 von Florian Wagner und Philipp Pölzl gegründet und beschäftigt am Standort Karl-Huber-Gasse in Graz-Liebenau nach eigenen Angaben zwischen 51 und 100 Menschen. Auffällig ist die Prominenz im Managementteam: Der frühere Nationalbank-Gouverneur Robert Holzmann verantwortet die internationalen Beziehungen, der ehemalige FPÖ-Bundesparteiobmann und Bundespräsidentschaftskandidat Norbert Hofer ist seit 1. Februar 2026 für die strategische Kommunikation zuständig. Im August 2026 kam mit Claus Schmidt, zuvor unter anderem CEO der Umdasch Shopfitting Group, ein Manager für Organisationsentwicklung und Qualitätsmanagement dazu. Entwicklungsleiter ist Mario J. Müller, den Aufsichtsrat führt Werner H. Bittner an.
Für den Wirtschaftsstandort Steiermark ist das Projekt damit vor allem eines: ein Forschungsarbeitsplatz-Cluster mit einem Absatzmarkt, der per Verfassung außerhalb der Landesgrenzen liegt - vergleichbar mit anderen energietechnischen Zukunftswetten des Landes, deren wirtschaftlicher Ertrag sich erst im nächsten Jahrzehnt zeigen wird.
Quellen
- ORF Steiermark: Herzstück für Thoriumreaktor kommt aus Graz (8. September 2026)
- OTS/EQS: Emerald Horizon und VDL Groep starten Bau des Herzstücks des Small Modular Reactors SMRX
- Wiener Börse: Listing-Daten Emerald Horizon AG, ISIN AT0000A3UZE1
- Wiener Börse, IPO Spotlight: Wie sich Emerald Horizon auf einen Börsengang vorbereitet
- OTS/EQS: Florian Wagner sichert Eigenkapitalfinanzierung von 20 Millionen Euro zu
- Trending Topics: Emerald Horizon steigt nach Börsengang zu Bewertung von einer Milliarde Euro auf
- BASE: Alternative Reaktorkonzepte - Bewertung von SMR, Salzschmelze- und beschleunigergetriebenen Systemen
- RIS: Bundesverfassungsgesetz für ein atomfreies Österreich, BGBl. I Nr. 149/1999
- Green Tech Valley Cluster: Firmenprofil Emerald Horizon AG