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Donnerstag, 23. April 2026 Kontakt
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Joachim Schönbeck - der Andritz-CEO nach der Ära Leitner

Als Wolfgang Leitner nach 28 Jahren an der Spitze von Andritz abtrat, übernahm Joachim Schönbeck am 7. April 2022 einen der größten Industriekonzerne Österreichs: rund 30.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, 280 Standorte in über 80 Ländern, ein Auftragsbuch im zweistelligen Milliardenbereich. Im März 2026 verlängerte der Aufsichtsrat seinen Vertrag bis 2032 - ein deutliches Signal für Kontinuität in einem geopolitisch unruhigen Umfeld.

Das Wichtigste in Kürze
  • Joachim Schönbeck ist seit 7. April 2022 Vorstandsvorsitzender der Andritz AG mit Sitz in Graz
  • Er folgte Wolfgang Leitner, der Andritz 28 Jahre lang geführt hatte, und war seit 2014 als designierter Nachfolger im Vorstand tätig
  • Vor Andritz war Schönbeck unter anderem CEO der SMS Holding GmbH sowie in Führungspositionen bei Siemens und Mannesmann
  • 2025 erzielte der Konzern einen Umsatz von 7,9 Milliarden Euro bei einem Auftragseingang von 8,9 Milliarden Euro - der zweithöchste Wert der Unternehmensgeschichte
  • Schönbecks Vertrag wurde 2026 bis 2032 verlängert; er ist zudem Honorarkonsul der Bundesrepublik Deutschland für Kärnten und die Steiermark
Lebensdaten
Geboren
1964 (Deutschland)
Ausbildung
Dr.-Ing. Maschinenbau
Stationen
Mannesmann, Siemens, SMS Holding (CEO), Andritz (Vorstand seit 2014, CEO seit 2022)
Aktuell
Vorstandsvorsitzender Andritz AG, Honorarkonsul Deutschlands für Kärnten und Steiermark

Vom Mannesmann-Manager zum Andritz-Chef

Schönbeck, Jahrgang 1964, studierte Maschinenbau in Deutschland und promovierte zum Dr.-Ing. Seine Karriere verlief über Jahrzehnte entlang der europäischen Schwerindustrie. Frühe Stationen führten ihn zu Mannesmann, danach zu Siemens. Zuletzt leitete er als Vorsitzender der Geschäftsführung die SMS Holding GmbH und ihre Tochter SMS Meer - beide zur SMS-Gruppe gehörend, einem der weltweit größten Anbieter von Hütten- und Walzwerkstechnik.

2014 wechselte er zu Andritz, zunächst als Vorstandsmitglied mit Zuständigkeit für Pulp & Paper Capital Systems und als CEO der Andritz-Tochter Schuler. Ein Jahr vor dem offiziellen Wechsel an die Konzernspitze war er bereits als designierter Nachfolger Leitners positioniert worden - ein ungewöhnlich langer Übergabeprozess, der die Besonderheit des Andritz-Wechsels unterstreicht.

Die Nachfolge Leitner - ein planmäßiger Übergang

Wolfgang Leitner hatte Andritz seit 1994 geführt und von einem sanierungsbedürftigen Maschinenbauer zu einem global agierenden Technologiekonzern aufgebaut. Die Amtsübergabe 2022 war keine Revolution, sondern die Fortsetzung einer über Jahre vorbereiteten Linie. Leitner wechselte in den Aufsichtsrat, Schönbeck übernahm die operative Führung.

In seiner ersten CEO-Ansprache setzte Schönbeck Akzente, die seither die Konzernkommunikation prägen: Fokus auf Dekarbonisierung, Kreislaufwirtschaft und Digitalisierung. Das passte zum Portfolio eines Konzerns, der Ausrüstungen für Papier- und Zellstoffwerke, Wasserkraftanlagen, Metallverarbeitung sowie Umwelt- und Energielösungen liefert.

Das Unternehmen unter Schönbeck

Die wichtigsten Kennzahlen aus dem Geschäftsjahr 2025 zeigen einen Konzern in robuster Verfassung, aber unter Druck durch einen zurückhaltenden Investitionszyklus in der Kapitalgüterindustrie:

Kennzahl Wert 2025 Entwicklung
Umsatz 7,9 Mrd. € -5,2 % ggü. 2024
Auftragseingang 8,9 Mrd. € +7,6 % ggü. 2024
Auftragsbestand 10,5 Mrd. € Allzeithoch
EBITA (vergleichbar) 698,4 Mio. € Marge stabil bei 8,9 %
Mitarbeiter weltweit rund 30.000 in über 80 Ländern
Dividende 2,70 € je Aktie Erhöhung von 2,60 €

Bemerkenswert ist der Anstieg des Servicegeschäfts: Mit 3,4 Milliarden Euro erreichten die Service-Umsätze 44 Prozent des Gesamtumsatzes, nach 41 Prozent im Vorjahr. Das stabilisiert die Ergebnisse in Phasen zurückhaltender Neuinvestitionen bei Industriekunden.

In der Mitteilung zum Geschäftsjahr 2025 fasste Schönbeck den Jahresverlauf nüchtern zusammen: "Once again, we faced another year that demanded discipline and clear priorities, as we worked through geopolitical hurdles and a cautious investment climate." Die Botschaft an Investoren: Andritz liefert auch in schwachen Jahren stabile Margen.

Acquisitions als Wachstumsmotor

Sechs Akquisitionen schloss Andritz allein 2025 ab - darunter LDX Solutions, A.Celli Paper, Salico Group, Diamond Power, Allen-Sherman-Hoff und Sanzheng. Die Stoßrichtung ist klar: Ergänzung des bestehenden Portfolios um Clean-Tech- und Servicekompetenzen, mit einem Schwerpunkt in Nordamerika. Diese Strategie prägt die Ära Schönbeck stärker als klassisches organisches Wachstum.

Gut zu wissen:
Andritz beschäftigt in der Steiermark mehrere Tausend Menschen. Der Konzernsitz ist in Graz, entstanden aus dem 1852 gegründeten Maschinenbauwerk in der Grazer Stattegger Straße. Bis heute gilt Graz als Zentrum für Pulp- und Paper-Engineering im Konzern.

Führungsstil und Leitlinien

Schönbeck gilt intern als ingenieurnah und zahlengetrieben. Im offiziellen Andritz-Podcast zu seinem Amtsantritt betonte er, die Kontinuität des Geschäftsmodells bleibe oberste Priorität - Andritz werde weiterhin entlang der Kernfelder Wasserkraft, Pulp & Paper, Metals und Umwelttechnik investieren. Neu sei die stärkere Ausrichtung auf Digitalisierung und Dekarbonisierung als Wachstumstreiber.

Sein Stil unterscheidet sich vom öffentlichkeitspräsenten Leitner: Schönbeck tritt seltener in Medien auf, Auftritte beschränken sich meist auf Quartals- und Jahreszahlen. Die operative Kommunikation wird von den Divisions-Chefs und dem Investor-Relations-Team getragen.

Honorarkonsul und Brückenbauer

Über seine Rolle als Andritz-CEO hinaus ist Schönbeck seit mehreren Jahren Honorarkonsul der Bundesrepublik Deutschland für die Bundesländer Kärnten und Steiermark. Diese Funktion unterstreicht die enge wirtschaftliche Verflechtung zwischen dem süddeutschen Raum und der Steiermark - ein Netzwerk, in dem Andritz als deutscher CEO eines österreichischen Konzerns eine natürliche Vermittlerrolle einnimmt.

Aktueller Stand

Im März 2026 hat der Aufsichtsrat der Andritz AG den Vertrag Schönbecks bis 2032 verlängert. Damit steht fest: Die Ära Schönbeck wird mindestens zehn Jahre umfassen - vergleichbar mit der Amtszeit seines Vorgängers, die ebenfalls weit über ein Jahrzehnt dauerte.

Für 2026 prognostiziert der Konzern einen Umsatz zwischen 8,0 und 8,3 Milliarden Euro bei einer vergleichbaren EBITA-Marge von 8,7 bis 9,1 Prozent. Das Wachstum soll laut Schönbeck weiter über Service, Akquisitionen und Clean-Tech-Projekte kommen, nicht über einen allgemeinen Marktaufschwung - den er mit Blick auf die Investitionszurückhaltung der Industriekunden nicht erwartet.

Parallel baut Andritz seine Rolle im Green Tech Valley rund um Graz weiter aus. Der Konzern liefert Anlagen für Biomasse-Kraftwerke, Recyclingprozesse und grüne Wasserstoffproduktion - Bereiche, die unter Schönbeck an strategischem Gewicht gewonnen haben.

Ausblick: Die Vertragsverlängerung bis 2032 gibt Schönbeck sechs weitere Jahre, um die Transformation von Andritz Richtung Service, Clean Tech und Digitalisierung zu vollenden. Ob er die Marke von Leitners legendärem Wachstumskurs erreicht, werden die Bilanzen der kommenden Jahre zeigen. Der Einstiegsrahmen ist intakt: stabile Margen, volles Auftragsbuch, gestärkte Servicebasis.

Quellen