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Montag, 13. April 2026 Kontakt
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AT&S Leoben – Europas einziger IC-Substrat-Hersteller investiert in die Zukunft

Das Wichtigste in Kürze

  • AT&S eröffnete im Juni 2025 in Leoben-Hinterberg Europas erstes und einziges Kompetenzzentrum für IC-Substrat-Produktion
  • Das neue Werk „Hinterberg 3“ (HTB3) kostete über 500 Millionen Euro und schuf 420 neue Arbeitsplätze
  • Der Konzern beschäftigt weltweit rund 13.000 Mitarbeiter – Hauptsitz und Forschungszentrum sind in Leoben
  • Bis Sommer 2026 wird die Reinraumfläche im Stammwerk von 760 auf 2.300 Quadratmeter verdreifacht
  • Künstliche Intelligenz ist der zentrale Wachstumstreiber für IC-Substrate und Hochleistungs-Leiterplatten
  • Produktionsstandorte in Österreich (Leoben, Fehring), China, Malaysia und Indien

Als AT&S-CEO Michael Mertin im Juni 2025 vor Hunderten Gästen aus Politik, Wirtschaft und Medien das neue Kompetenzzentrum „Hinterberg 3“ am Firmensitz in Leoben eröffnete, war das mehr als eine Werkseröffnung. Es war ein industriepolitisches Signal: Europa hat erstmals eigene Kapazitäten zur Entwicklung und Produktion von IC-Substraten – jenen hochkomplexen Bauteilen, die Halbleiter mit Energie und Daten versorgen und ohne die kein moderner Chip funktioniert. Und dieser Durchbruch kommt aus der Obersteiermark.

Was sind IC-Substrate – und warum sind sie so wichtig?

IC-Substrate (Integrated Circuit Substrates) sind das Verbindungsstück zwischen der Nanowelt von Mikrochips und der Mikrowelt von Leiterplatten. Sie bilden die physische Grundlage, auf der Halbleiterchips montiert werden, und ermöglichen den Transport von elektrischen Signalen und Energie zwischen dem Chip und der umgebenden Elektronik. Ohne IC-Substrate kann kein moderner Prozessor arbeiten, keine Cloud-Anwendung laufen und keine Künstliche Intelligenz trainiert werden. Sie stecken in Hochleistungsrechnern, Smartphones, Tablets, Servern und zunehmend in der KI-Infrastruktur, die weltweit im Aufbau ist.

Bisher wurde diese Schlüsseltechnologie ausschließlich in Asien produziert – vor allem in Japan, Südkorea und Taiwan. Das machte Europa in einer der kritischsten Technologie-Lieferketten vollständig von Importen abhängig. Die COVID-Pandemie und die zunehmenden geopolitischen Spannungen zwischen den USA und China haben diese Verwundbarkeit schmerzhaft offengelegt. Mit dem neuen Werk in Leoben hat AT&S diese Abhängigkeit erstmals durchbrochen und Europa eine eigene Position in der globalen Halbleiter-Wertschöpfungskette verschafft.

Gut zu wissen:
Das HTB3-Kompetenzzentrum komplettiert AT&S‘ globales Forschungs- und Produktionsdreieck für IC-Substrate: Neben Leoben produziert das Unternehmen in Chongqing (China) und Kulim (Malaysia). Die malaysische Anlage startete im Mai 2025 die Hochvolumenproduktion (HVM). Zusammen bilden die drei Standorte ein Netzwerk, das Kunden weltweit bedienen kann.

Hinterberg 3 – 500 Millionen Euro für die europäische Chipindustrie

Nach dreijähriger Bauzeit ging das 11.000 Quadratmeter große Werk Hinterberg 3 in Betrieb. Die Investition von über 500 Millionen Euro ist die größte Einzelinvestition in der AT&S-Geschichte und eine der bedeutendsten Industrieinvestitionen in der Steiermark der letzten Jahre. 420 neue Arbeitsplätze entstanden bereits in dem hochmodernen Gebäudekomplex, darunter hochqualifizierte Positionen in Forschung, Entwicklung und Reinraumfertigung. Das Werk vereint erstmals in Europa eine Kleinserien- und Prototypen-Produktion für IC-Substrate mit einer angeschlossenen Serienfertigungslinie.

Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer unterstrich bei der Eröffnung die strategische Bedeutung: „Mikroelektronik ist eine der zentralen Schlüsseltechnologien des digitalen Zeitalters – ohne sie ist Künstliche Intelligenz nicht denkbar. Mit AT&S hat Österreich einen globalen Hightech-Champion, der beweist, dass wir mehr können als nur Mid-Tech.“ Wirtschafts- und Forschungslandesrat Willibald Ehrenhöfer ergänzte, dass die Steiermark sich damit „als wesentlicher Player im europäischen Technologie-Ökosystem“ etabliert.

Das Projekt steht im Einklang mit dem European Chips Act der EU-Kommission, der darauf abzielt, ein hochmodernes europäisches Chip-Ökosystem aufzubauen. AT&S hat IPCEI-Fördermittel (Important Projects of Common European Interest) für den Standort Leoben erhalten und stärkt damit Europas Position in der strategisch wichtigen Halbleiter-Lieferkette.

AT&S-Standort Produkte Besonderheit
Leoben-Hinterberg (AT) IC-Substrate, High-End-Leiterplatten, F&E Europas einziges IC-Substrat-Werk (HTB3)
Fehring (AT) Leiterplatten Automotive- und Industriefokus
Chongqing (CN) IC-Substrate Großserienproduktion für Asien
Kulim (MY) IC-Substrate Neue High-End-Anlage, HVM seit Mai 2025
Shanghai (CN) Leiterplatten Mobile Devices
Nanjangud (IN) Leiterplatten Industrial und Medical

Wachstumstreiber Künstliche Intelligenz

Der aktuelle Aufschwung bei AT&S hat einen klaren Treiber: die weltweit explodierende Nachfrage nach KI-Infrastruktur. Rechenzentren für Cloud-Computing und KI-Training benötigen Hochleistungsprozessoren, die wiederum auf die fortschrittlichsten IC-Substrate angewiesen sind. Die Nachfrage nach sogenannten ABF-Substraten (Ajinomoto Build-up Film) für High-Performance Computing wächst im zweistelligen Prozentbereich jährlich – ein Markt, in dem AT&S zu den wenigen globalen Anbietern gehört.

CEO Michael Mertin brachte es bei der Ankündigung des Standortausbaus Anfang 2026 auf den Punkt: „Nach eineinhalb herausfordernden Jahren geht es wieder bergauf. Der Treiber ist Künstliche Intelligenz. Daher ist es gerade dann, wenn die globale Wirtschaft vor Herausforderungen steht, entscheidend, mutig in die eigene Substanz zu investieren.“ Tatsächlich hatte AT&S im Geschäftsjahr 2023/24 einen deutlichen Umsatzeinbruch verkraften müssen, der auf eine Schwäche bei mobilen Endgeräten und Industrieapplikationen zurückging. Die KI-getriebene Erholung markiert eine strategische Verschiebung im Produktmix hin zu margenstarken Hochleistungsprodukten.

Standort-Offensive 2026 – Verdreifachung der Reinraumfläche

Die gute Auftragslage spiegelt sich in konkreten Investitionsmaßnahmen am Standort wider. Im Herbst 2025 schrieb AT&S 150 neue Stellen am Standort Leoben aus – das Feedback war laut CEO Mertin „großartig“. Anfang 2026 kündigte das Unternehmen die nächste Phase der Standortoffensive an: Die Reinraumfläche im Stammwerk wird von 760 auf 2.300 Quadratmeter verdreifacht, modernste Fertigungsanlagen werden installiert und Büro- sowie Logistikbereiche werden umfassend modernisiert.

Die neue Standortleiterin Barbara Decker-Schlögl betont die Tragweite des Projekts: „Wir erhöhen unsere Kapazitäten deutlich. Diese Erweiterung verdanken wir einer anhaltend guten Auftragslage für Embedding-Spezialprodukte und ist ein riesiger Vertrauensbeweis in die Kompetenz unserer Mannschaft.“ Die Fertigstellung ist für Sommer 2026 geplant. Das Investitionsvolumen liegt im mittleren einstelligen Millionenbereich – ein vergleichsweise überschaubarer Betrag, der aber die strategische Richtung klar vorgibt: Ausbau statt Konsolidierung.

Praxis-Tipp:
AT&S sucht am Standort Leoben laufend Fachkräfte – von Ingenieurinnen und Ingenieuren über Prozesstechniker bis zu Reinraum-Facharbeitern. Das Unternehmen bietet Lehrstellen, kooperiert eng mit der Montanuniversität Leoben und investiert stark in interne Weiterbildungsprogramme. Aktuelle Stellenangebote finden sich unter ats.net/karriere.

Von Leoben zum Weltkonzern – die Unternehmensgeschichte

Die Geschichte von AT&S ist eine typisch steirische Erfolgsgeschichte, die zeigt, wie aus einem kleinen regionalen Betrieb ein Global Player entstehen kann. Das Unternehmen formierte sich 1987 aus drei Teilbetrieben in Fehring, Fohnsdorf und Leoben, die ursprünglich aus der verstaatlichten Industrie stammten. Bis zur Privatisierung 1994 befand sich das Unternehmen im Besitz der staatlichen ÖIAG. Nach dem Verkauf an das Bieterkonsortium um den ehemaligen Finanzminister Hannes Androsch begann eine beispiellose Expansion.

Von 939 Mitarbeitern im Jahr 1994 wuchs der Konzern auf heute rund 13.000 Beschäftigte mit Standorten auf drei Kontinenten. Die Internationalisierung begann 1998 mit dem Kauf eines indischen Leiterplattenwerks und setzte sich mit dem Aufbau der Werke in Shanghai (2002) und Chongqing (Großinvestition ab 2012) fort. Die jüngste Erweiterung nach Malaysia (Kulim) und die Aufwertung Leobens zum IC-Substrat-Kompetenzzentrum markieren den bisher bedeutendsten strategischen Schritt in der Unternehmensgeschichte.

Im September 2024 trat der langjährige CEO Andreas Gerstenmayer aus persönlichen Gründen zurück. Sein Nachfolger Michael Mertin übernahm die Führung und setzt den eingeschlagenen Wachstumskurs fort. Aufsichtsratsvorsitzender Hannes Androsch begleitet die Entwicklung seit der Privatisierung und betont: „Die Investitionen im Ausland haben die österreichischen Standorte nicht geschwächt, sondern abgesichert und zum Ausbau geführt.“

Bedeutung für die Region Obersteiermark

Für die Region Leoben und die gesamte Obersteiermark ist AT&S mehr als ein Arbeitgeber – das Unternehmen ist ein Strukturanker. Die Region kämpft seit Jahrzehnten mit dem Rückgang der traditionellen Schwerindustrie und Bergbautradition. AT&S zeigt, dass Hightech-Fertigung auch abseits der großen Ballungsräume funktioniert und eine Region transformieren kann.

Die enge Kooperation mit der Montanuniversität Leoben sorgt für den akademischen Nachwuchs: Materialwissenschaftler, Verfahrenstechniker und Chemie-Ingenieure finden am AT&S-Standort attraktive Karriereperspektiven in ihrer Heimatregion. Auch der zweite steirische AT&S-Standort in Fehring profitiert von der Gesamtstrategie und produziert Leiterplatten für Automotive- und Industrieanwendungen.

Mit der Eröffnung von HTB3 und der laufenden Standorterweiterung festigt AT&S nicht nur seine Position als globaler Technologieführer, sondern etabliert die Steiermark als unverzichtbaren Bestandteil der europäischen Halbleiter-Lieferkette. In Zeiten geopolitischer Spannungen und dem Streben nach technologischer Souveränität ist das ein strategischer Vorteil, dessen Bedeutung kaum überschätzt werden kann. Die Steiermark hat damit neben der traditionellen Stärke im Automotive-Bereich ein zweites industrielles Standbein aufgebaut, das in den kommenden Jahrzehnten an Bedeutung gewinnen wird.

Ausblick:
AT&S setzt verstärkt auch auf den Bereich Rüstungselektronik. Im November 2025 bestätigte das Unternehmen, dass die steigende Nachfrage nach Verteidigungstechnologie ein zusätzliches Geschäftsfeld eröffnet. Die Kombination aus IC-Substraten für KI-Anwendungen und Hochleistungs-Leiterplatten für Verteidigungselektronik könnte dem Standort Leoben langfristig eine doppelte Wachstumsperspektive bieten.

Quellen