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Dienstag, 11. August 2026 Kontakt
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Insolvenzen in der Steiermark - 388 Firmenpleiten im ersten Halbjahr

Insolvenzen in der Steiermark - 388 Firmenpleiten im ersten Halbjahr
Das Wichtigste in Kürze
  • 388 steirische Unternehmen meldeten im ersten Halbjahr 2026 Insolvenz an - ein Plus von 2,6 Prozent, während die Zahl österreichweit um 2,6 Prozent auf 3.401 Fälle sank.
  • Die vorläufigen Passiva schnellten von 175 auf 597 Millionen Euro hoch, ein Anstieg um 241 Prozent. Drei der zehn größten Insolvenzen Österreichs kamen aus der Steiermark.
  • 1.870 Beschäftigte waren betroffen, um 76 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum - bei einem bundesweiten Rückgang von 6,7 Prozent.
  • Handel, Bau sowie Gastronomie und Beherbergung stehen für 43 Prozent aller Fälle.
  • 96 der 388 Verfahren wurden mangels Vermögens gar nicht erst eröffnet. Für die Gläubiger bedeutet das den Totalausfall.
  • 473 Steirerinnen und Steirer beantragten ein Schuldenregulierungsverfahren, um 8,7 Prozent mehr als im Vorjahr.

Drei der zehn größten Firmenpleiten Österreichs kamen im ersten Halbjahr 2026 aus der Steiermark: der Grazer Rohstoffhändler LL-resources mit 131 Millionen Euro Passiva, dahinter zweimal die Weinbau-Gruppe Domaines Kilger aus Gamlitz und Wies mit zusammen 133 Millionen. Damit vervierfachten sich die steirischen Insolvenzverbindlichkeiten binnen eines Jahres auf 597 Millionen Euro. Die Zahl der Fälle stieg dagegen nur leicht - aber sie stieg, und zwar gegen den Bundestrend.

388 Fälle: die Steiermark gegen den Trend

Laut der Halbjahres-Hochrechnung des KSV1870 vom 17. Juni 2026 mussten österreichweit 3.401 Unternehmen Insolvenz anmelden, um 2,6 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. In der Steiermark waren es 388 statt 378 Fälle - ein Plus von exakt denselben 2,6 Prozent, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Im Schnitt sind das knapp zwei Betriebe pro Arbeitstag.

René Jonke, Leiter der KSV1870 Region Süd, fasste das gegenüber dem ORF Steiermark so zusammen: "Entgegen dem Bundestrend gibt es aus der Steiermark kein positives Signal." Nur Vorarlberg (plus 38,4 Prozent), Kärnten (plus 6,1) und Oberösterreich (plus 5,4) verzeichneten prozentuell stärkere Zuwächse.

Bundesland Fälle 1. HJ 2026 Veränderung Passiva in Mio. Euro
Wien 1.291 -4,6 % 1.075
Niederösterreich 569 +2,5 % 228
Steiermark 388 +2,6 % 597
Oberösterreich 410 +5,4 % 170
Kärnten 209 +6,1 % 105
Salzburg 176 -18,5 % 84
Tirol 152 -30,9 % 1.788
Burgenland 105 -4,5 % 99
Vorarlberg 101 +38,4 % 97
Österreich gesamt 3.401 -2,6 % 4.243

Quelle: KSV1870 Hochrechnung, Stichtag 9. Juni 2026. Die Passiva sind vorläufige Werte und verschieben sich im Lauf der Verfahren.

597 Millionen Euro: drei Fälle prägen die Bilanz

Auf die Steiermark entfielen 11,4 Prozent aller österreichischen Insolvenzfälle, aber 14 Prozent der Passiva. Das liegt an einer kleinen Zahl sehr großer Verfahren.

Unternehmen Sitz Passiva Rang Österreich
LL-resources GmbH Graz 131 Mio. Euro 3
Domaines Kilger GmbH & Co KG Gamlitz 83 Mio. Euro 4
Domaines Kilger GmbH Wies 50 Mio. Euro 6
Wollsdorf International GmbH Wollsdorf rund 33 Mio. Euro -

Über die LL-resources GmbH eröffnete das Landesgericht für Zivilrechtssachen Graz am 5. Jänner 2026 den Konkurs. Das 2011 gegründete Unternehmen handelte weltweit mit Ferrolegierungen, Stahlprodukten, Schrott, Kohle und Düngemitteln. Auslöser waren nach den Angaben im Insolvenzantrag Ungereimtheiten in Millionenhöhe bei über einen längeren Zeitraum eingereichten Rechnungen: Kundenrechnungen waren im Rahmen eines Factoringvertrags zu 95 Prozent vorfinanziert worden, nach Bekanntwerden stellte der Factor die Finanzierung ein. Die bisherige Geschäftsführung wurde am 18. November 2025 abberufen; die genauen Umstände klären Insolvenzverwaltung und Strafverfolgungsbehörden. Dem Antrag zufolge stehen Aktiva von 154,9 Millionen Euro Verbindlichkeiten von 144,9 Millionen gegenüber - das Unternehmen sieht sich als zahlungsunfähig, aber nicht überschuldet.

Die Domaines Kilger GmbH & Co KG in Gamlitz folgte am 23. Februar, die Domaines Kilger GmbH in Wies am 10. März. Hinter beiden steht ein Beteiligungsgeflecht des deutschen Steuerberaters und Investors Hans Kilger aus Weingütern, Hotels, Gastronomie und Landwirtschaft. Auch die Gastro-Tochter in Leibnitz mit Jaglhof und Stupperhof rutschte in die Insolvenz - für die Wirtschaft der Südsteiermark der größte Einzelfall seit Jahren. Gegen die Muttergesellschaft wurden Forderungen von 83,47 Millionen Euro angemeldet, rund 51 Millionen davon sind vorerst anerkannt.

1.870 Beschäftigte betroffen - fast doppelt so viele wie im Vorjahr

Während österreichweit 9.800 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von einer Firmenpleite erfasst wurden und damit um 6,7 Prozent weniger als im Vorjahr, stieg die Zahl in der Steiermark um mehr als 76 Prozent auf 1.870. Jeder fünfte betroffene Beschäftigte Österreichs arbeitete damit in einem steirischen Betrieb.

Den größten Einzelposten liefert die Wollsdorf Leder Schmidt & Co. Ges.m.b.H. im Bezirk Weiz. Der Lederhersteller beantragte am 9. Jänner 2026 für zwei Gesellschaften ein Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung; betroffen waren 365 Dienstnehmer und 660 Gläubiger. Als Grund nannte das Unternehmen die Entwicklung in der Automobilzulieferindustrie - die Produktion wurde nach Mexiko verlagert, der Abschluss war für Ende April 2026 geplant. Am Landesgericht Graz wurden Forderungen von rund 25,65 Millionen Euro geprüft. Für die steirische Automotive-Zulieferkette ist der Fall ein Signal, wie schnell Standortverlagerungen und Auftragsrückgänge zusammenwirken.

Gut zu wissen:
Warum kursieren zwei unterschiedliche Zahlen? Der KSV1870 zählt alle angemeldeten Insolvenzen, also eröffnete und mangels Vermögens abgewiesene Verfahren - für die Steiermark 388. Der Alpenländische Kreditorenverband (AKV) weist nur die tatsächlich eröffneten Verfahren aus und kommt auf 291, ein Plus von 12,79 Prozent. Beide Werte stimmen, sie messen nur Unterschiedliches. Der AKV beziffert die gefährdeten Arbeitsplätze auf 1.547 und erwartet für das Gesamtjahr über 600 eröffnete Verfahren in der Steiermark.

Handel, Bau, Gastronomie: 43 Prozent aller Fälle

Die drei Problembranchen sind seit Jahren dieselben. Österreichweit führt der Handel mit 553 Verfahren (minus 6,3 Prozent) vor dem Baugewerbe mit 495 (minus 2,8 Prozent). In der Steiermark zählte der AKV im ersten Halbjahr 62 eröffnete Verfahren im Handel, 60 am Bau und 46 in der Gastronomie.

Verschärft hat sich vor allem die Lage in Beherbergung und Gastronomie: 441 Fälle österreichweit bedeuten ein Plus von 8,4 Prozent. Karl-Heinz Götze, Leiter KSV1870 Insolvenz, nennt dafür "hohe Betriebskosten, fehlendes Personal und strukturelle Probleme in Form von geringen Gewinnmargen sowie ein starker Konkurrenzkampf". Der Personalmangel führe häufig zu verkürzten Öffnungszeiten - die notwendigen Einnahmen müssen also in weniger Stunden erwirtschaftet werden.

Rückläufig ist dagegen die Herstellung von Waren mit österreichweit 137 Verfahren (minus 17,5 Prozent) sowie das Grundstücks- und Wohnungswesen mit 270 Fällen (minus 13,2 Prozent). In der Steiermark schlägt die Sachgütererzeugung trotz weniger Fällen bei den Beschäftigten durch: Auf sie entfielen laut AKV mit 602 Personen die meisten betroffenen Dienstnehmer.

Jedes vierte Verfahren scheitert am fehlenden Geld

Von den 388 steirischen Anmeldungen wurden 292 eröffnet, 96 blieben mangels kostendeckenden Vermögens liegen. Das ist knapp ein Viertel - österreichweit sind es mit 1.414 von 3.401 Fällen sogar 42 Prozent, und dieser Anteil steigt weiter (plus 7,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr).

Was das für Gläubiger heißt:
Wird ein Verfahren nicht eröffnet, gibt es keine Quote und keine Verteilung - offene Forderungen müssen zur Gänze abgeschrieben werden. "Je mehr solcher nicht eröffneten Verfahren vorliegen, desto schwieriger wird es auch für finanziell gesunde Unternehmen, ihre wirtschaftliche Stabilität langfristig zu halten", warnt Götze. Für Lieferanten heißt das: Bonitätsprüfung vor größeren Aufträgen und konsequentes Mahnwesen sind billiger als jede spätere Forderungsanmeldung.

Der KSV1870 verweist auf einen weiteren Faktor: Mit dem Betrugsbekämpfungsgesetz 2025, das mit 1. Jänner 2026 in Kraft trat, wurden Finanzverwaltung und Sozialversicherung im Insolvenzverfahren bevorzugt - der Kreditschutzverband spricht von einem "de facto wieder eingeführten Klassenkonkurs". Die befürchtete Folge: Gläubiger bringen weniger Anträge ein, Insolvenzen werden später angemeldet, und dann reicht die Masse nicht mehr für eine Eröffnung.

Sanierung statt Zusperren: worin sich die Verfahren unterscheiden

Nicht jede Insolvenz endet mit dem Aus. Von den 292 eröffneten steirischen Verfahren waren 233 Konkurse, 53 Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung und 6 Sanierungsverfahren mit Eigenverwaltung. Die Verfahrensarten der Insolvenzordnung unterscheiden sich vor allem in der Mindestquote: Wer das Unternehmen selbst weiterführen will, muss den Gläubigern mindestens 30 Prozent binnen zwei Jahren anbieten; ohne Eigenverwaltung sind es 20 Prozent.

Wie das ausgehen kann, zeigt die ADA Möbelfabrik in Anger bei Weiz. Das Traditionsunternehmen beantragte am 24. März 2026 ein Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung, rund 76 Beschäftigte und Verbindlichkeiten von etwa 11,2 Millionen Euro standen im Raum. Die Gläubiger nahmen den Sanierungsplan mit einer Quote von 20 Prozent an, der Betrieb wird mit einem Investor fortgeführt. Das nicht mehr benötigte Inventar am Standort Anger - rund 6.000 Positionen - kommt ab 24. August 2026 über das Auktionshaus Aurena unter den Hammer.

Praxis-Tipp für Betriebe:
Wer eine Insolvenz nicht rechtzeitig anmeldet, haftet als Geschäftsführer persönlich. Als Frühwarnsignale gelten schleppende Zahlungen an die Sozialversicherung, ausgeschöpfte Kreditrahmen und Lieferanten, die auf Vorauskasse umstellen. Die Insolvenzrechts-Beratung der Wirtschaftskammer Steiermark und die Sanierungsberatung der Gläubigerschutzverbände sind für Mitglieder kostenlos - je früher der Termin, desto größer die Chance auf ein Sanierungsverfahren statt eines Konkurses. Beschäftigte erhalten offene Ansprüche über den Insolvenz-Entgelt-Fonds; die Fristen dafür erklärt die Arbeiterkammer Steiermark.

Auch die Privatkonkurse steigen

Parallel zu den Firmenpleiten nahmen die Schuldenregulierungsverfahren zu: 473 Steirerinnen und Steirer beantragten im ersten Halbjahr einen Privatkonkurs, um 8,7 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Die dahinterstehenden Passiva stiegen um 56 Prozent auf 64 Millionen Euro. Der Zusammenhang mit dem angespannten Arbeitsmarkt liegt nahe: Ende Juli waren 37.739 Steirerinnen und Steirer ohne Job, um 3,8 Prozent mehr als ein Jahr davor.

Was im zweiten Halbjahr zu erwarten ist

Der KSV1870 rechnet für Österreich mit einem Jahresergebnis, das jenes von 2025 mit rund 6.800 Firmenpleiten nicht überschreiten dürfte. "Für die kommenden Monate rechnen wir mit einer ähnlichen Entwicklung wie zuletzt. Historisch betrachtet verlangsamt sich die Insolvenzdynamik im dritten Quartal regelmäßig, was auch auf die Ferien- und Urlaubszeit zurückzuführen ist", sagt Götze. Für die Steiermark erwartet der AKV über 600 eröffnete Verfahren und - inklusive der mangels Vermögens abgewiesenen Anträge - mehr als 800 Fälle im Gesamtjahr.

Die Ursachen bleiben dieselben: schwache Konsumnachfrage, hohe Finanzierungskosten und steigende Personalkosten treffen gleichzeitig auf geopolitische Unsicherheit. Gerade für kleine und mittlere Betriebe entscheidet dabei oft der Zugang zu Betriebsmitteln, ob eine Durststrecke überbrückbar bleibt - die Konditionen bei KMU-Krediten haben sich zuletzt zwar entspannt, die Anforderungen an Sicherheiten aber nicht.

Rechtlicher Hinweis:
Diese Informationen ersetzen keine professionelle Beratung. Für individuelle Fragen zu Insolvenzantrag, Haftung, Forderungsanmeldung oder Sanierungsplan wenden Sie sich an einen Rechtsanwalt, Steuerberater oder an einen der Gläubigerschutzverbände.
Ausblick: Die steirische Insolvenzstatistik wird 2026 von wenigen Großverfahren dominiert - bei den Fallzahlen liegt das Land dagegen nur leicht über dem Vorjahr. Entscheidend für die zweite Jahreshälfte wird, ob die Sanierungsverfahren bei Wollsdorf, Kilger und ADA halten und wie stark sich die neuen Gläubigerprivilegien des Betrugsbekämpfungsgesetzes auf die Zahl der mangels Masse abgewiesenen Anträge auswirken. Die nächste Zwischenbilanz des KSV1870 folgt Anfang Oktober mit den Zahlen zum dritten Quartal.

Quellen