Zum Inhalt springen
Donnerstag, 4. Juni 2026 Kontakt
Branchen

Steirische Bauwirtschaft in der Krise - Ursachen, Zahlen und Ausblick 2026

Steirische Bauwirtschaft in der Krise - Ursachen, Zahlen und Ausblick 2026

Rund 3.000 neue Wohneinheiten entstehen 2025 in der Steiermark - ein Minus von 27 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Was als konjunkturelle Delle begann, hat sich zu einer strukturellen Krise der steirischen Bauwirtschaft entwickelt, die Tausende Arbeitsplätze und Hunderte Betriebe in allen Regionen des Bundeslandes betrifft. Besonders der Wohnbau steckt in einer tiefen Rezession, während die Sanierung und der Tiefbau leichte Stabilisierungszeichen zeigen.

Das Wichtigste in Kürze
  • Die steirische Bauwirtschaft steckt seit 2023 in einer anhaltenden Krise mit massiv sinkenden Auftragseingängen
  • Wohnbaufertigstellungen 2025 um 27 % unter Vorjahresniveau - der Tiefpunkt wird 2026 erwartet
  • Steirische Bauunternehmen melden Auftragsbestände von 20,8 Wochen - österreichweit der höchste Wert
  • Hohe Baukosten, strenge Kreditvergabe und Fachkräftemangel als Hauptursachen
  • Steirische Wohnbauoffensive und Ende der KIM-Verordnung sollen Erleichterung bringen
  • WIFO prognostiziert erst ab 2026 ein reales Wachstum von 1,6 Prozent für die Bauwirtschaft
  • Durchschnittspreis einer Bauträgerwohnung in der Steiermark: 305.300 Euro

Wie die Krise in der steirischen Bauwirtschaft entstanden ist

Die Probleme der steirischen Baubranche haben sich über mehrere Jahre aufgebaut. Während die Niedrigzinsphase bis 2022 für volle Auftragsbücher sorgte und Bauunternehmen sich vor Aufträgen kaum retten konnten, brachte der Krieg in der Ukraine einen massiven Anstieg der Energie- und Rohstoffpreise. Baustoffe wurden drastisch teurer, Lieferengpässe verzögerten Projekte und viele Auftraggeber schoben geplante Vorhaben auf unbestimmte Zeit.

Die Europäische Zentralbank reagierte auf die hohe Inflation mit Zinserhöhungen, die den Zugang zu Baukrediten deutlich erschwerten. In Kombination mit der seit August 2022 geltenden KIM-Verordnung (Kreditinstitute-Immobilienfinanzierungsmaßnahmen-Verordnung), die Banken zu strengen Regeln bei der Kreditvergabe zwang, brach die Nachfrage nach Neubauten regelrecht ein. Wer ein Eigenheim finanzieren wollte, scheiterte häufig an den verschärften Eigenkapitalanforderungen und der Belastungsgrenze für monatliche Kreditraten.

Hermann Talowski, Obmann der Sparte Gewerbe und Handwerk der WKO Steiermark, beschrieb die Lage als dramatisch: Die Konjunktur am Bau sei zentral für eine Vielzahl der steirischen Gewerbe- und Handwerksbetriebe. Eine Erhebung des Instituts für Wirtschafts- und Standortentwicklung (IWS) zeigte, dass die Nachfragen um bis zu 70 Prozent gesunken sind. Verschärft wird die Situation durch die allgemeine Wirtschaftsschwäche in der Steiermark als traditionellem Industrieland, wo die Schwäche aus der Immobilienwirtschaft mittlerweile auch in der Realwirtschaft angekommen ist.

Aktuelle Zahlen der steirischen Bauwirtschaft

Die Konjunkturbeobachtung für das zweite und dritte Quartal 2025 zeichnete ein gemischtes Bild der steirischen Bausituation. Während die durchschnittlichen Auftragsbestände in der Steiermark bei 20,8 Wochen lagen - der höchste Wert aller österreichischen Bundesländer - bewerteten im zweiten Quartal nur 23 Prozent der Betriebe ihre Geschäftslage als gut. Gleichzeitig stuften 34 Prozent die Situation als schlecht ein, obwohl sich dieser Wert gegenüber dem Vorjahr (44 Prozent) deutlich verbessert hat. Im dritten Quartal 2025 meldeten lediglich ein Sechstel der Betriebe steigende Auftragseingänge oder Umsätze, während 46 Prozent keine Veränderung und 31 Prozent einen Rückgang verzeichneten.

Der Wohnbau im Großraum Graz verzeichnete zwar 49 neue Bauträgerprojekte seit Oktober 2024, doch andere Regionen wie der Bezirk Weiz kamen auf lediglich zwei neue Projekte. Diese regionale Diskrepanz verdeutlicht ein strukturelles Problem: Während in der Landeshauptstadt und ihrem Umland noch Bautätigkeit stattfindet, trocknet der Wohnbau in den ländlichen Bezirken zunehmend aus.

Kennzahl Wert Vergleich
Wohnbaufertigstellungen Steiermark 2025 ca. 3.000 Einheiten -27 % zum Vorjahr
Durchschn. Auftragsbestand Steiermark 20,8 Wochen Höchster Wert in AT
Durchschn. Preis Bauträgerwohnung Stmk 305.300 Euro +1,4 % zum Vorjahr
Durchschn. Quadratmeterpreis Stmk 4.850 Euro -1,7 % zum Vorjahr
Betriebe mit guter Geschäftslage (Q2 2025) 23 % Vorjahr: 15 %
Neue Bauträgerprojekte Großraum Graz 49 Projekte seit Oktober 2024

Die größten Herausforderungen für steirische Baubetriebe

Laut einer Sondererhebung des IWS im Auftrag der WKO Steiermark sehen sich steirische Baubetriebe mit einer Vielzahl an Problemen konfrontiert, die sich gegenseitig verstärken. An erster Stelle steht die Inflation, die von 63,9 Prozent der befragten Betriebe als größte Herausforderung genannt wird. Dahinter folgen der Arbeits- und Fachkräftemangel mit 61,9 Prozent sowie die Arbeitskosten mit 51,1 Prozent. Die Finanzierungskonditionen rangieren mit 43,4 Prozent auf Platz vier, knapp gefolgt von den Preisen für Energie, Rohstoffe und Vorleistungen mit 43,3 Prozent.

Martin Schaller, Obmann der Sparte Bank und Versicherung in der WKO Steiermark, betonte dass überbordende Bürokratie und ausufernde Vorschriften das Bauen zusätzlich massiv verteuern. Besonders betroffen ist der Wohnungsneubau: Die Kombination aus hohen Zinsen und strengen Vergaberegeln hat viele potenzielle Bauherren in die Miete gedrängt - was wiederum die Mietpreise steigen lässt und einen Negativkreislauf in Gang setzt. Auch die Kreativwirtschaft in Graz, die eng mit der Baubranche vernetzt ist, spürt die Auswirkungen über reduzierte Aufträge im Bereich Architektur und Design.

Wichtige Entwicklung:
Die umstrittene KIM-Verordnung (Kreditinstitute-Immobilienfinanzierungsmaßnahmen-Verordnung) ist ausgelaufen. Banken können nun wieder flexibler Wohnbaukredite vergeben. Die Verordnung war ursprünglich vor dem Ukraine-Krieg aus Angst vor einer Überhitzung des Immobilienmarkts eingeführt worden und galt längst als überholt. Ob das Ende der KIM-VO ausreicht, um eine nachhaltige Trendwende einzuleiten, bleibt abzuwarten.

Insolvenzen in der steirischen Baubranche

Die Krise hat bereits konkrete Opfer gefordert. Die Noricum Bauträger GmbH aus der Steiermark meldete 2025 Konkurs mit 8,4 Millionen Euro Schulden bei nur 4,5 Millionen Euro Aktiva. Als Ursachen nannte die Geschäftsführung gestiegene Baukosten, Projektverzögerungen und Finanzierungsprobleme. Dieses Beispiel steht stellvertretend für eine Insolvenzwelle, die vor allem kleinere und mittlere Bauträger sowie Zulieferbetriebe trifft. Auch die bekannte Sueba AG konnte ihre Sanierung nicht erfolgreich abschließen - ein Signal, dass selbst etablierte Unternehmen unter dem Druck der Krise zusammenbrechen können.

Für die betroffenen Arbeitnehmer bedeutet jede Insolvenz Unsicherheit und im schlimmsten Fall den Verlust des Arbeitsplatzes. Die steirischen Zulieferbetriebe im Maschinenbau und in der Baustoffindustrie spüren die Folgen über ausbleibende Aufträge und verzögerte Zahlungen. Betroffen sind Unternehmen in der gesamten Wertschöpfungskette - vom Baggerfahrer über den Elektriker bis zum Fliesenleger.

Wohnbauoffensive des Landes Steiermark

Die steirische Landesregierung war eine der ersten, die das Wohnbaupaket des Bundes umgesetzt hat. Martin Schaller, Generaldirektor der Raiffeisen-Landesbank Steiermark, bezeichnete den Stimulus als etwas mehr als einen Tropfen auf dem heißen Stein: Einige Projekte wären ohne die Offensive nicht angegangen worden, doch es müsse noch mehr passieren. Vorausgesetzt es passieren wesentliche Reformen, könne man 2025 und spätestens 2026 wieder auf eine Normalisierung hoffen.

Die Wohnbauoffensive umfasst unter anderem verbesserte Förderkonditionen für gemeinnützigen Wohnbau, Anreize für thermische Sanierung bestehender Gebäude und erleichterte Bauvorschriften. Zusätzlich soll der SFG-Förderungsbereich Unternehmen bei der Umstellung auf energieeffizientes Bauen unterstützen. Für die Zukunft sieht Schaller die Förderung von Wohnungseigentum als zentrale Maßnahme: Mit der Teuerung steigen auch die Mieten, während sich die Grundinvestition in die eigenen vier Wände langfristig rechnet. Wohneigentum sei daher die wirksamste Starthilfe, die man seinen Nachkommen angedeihen lassen könne.

Praxis-Tipp für Bauherren und Sanierer:
Der Handwerkerbonus wurde 2024 bei Weitem nicht ausgeschöpft und steht auch 2025 zur Verfügung. Wer Sanierungsprojekte plant, sollte diese Förderschiene unbedingt nutzen. Zusätzlich gibt es Landesförderungen für den Heizungstausch, Dämmung und barrierefreien Umbau. Informationen gibt es bei der Wirtschaftskammer Steiermark und der SFG.

Prognose 2026: Kommt die Trendwende?

Die Experten sind vorsichtig optimistisch, warnen aber vor übertriebenen Erwartungen. Das WIFO prognostiziert für 2026 ein reales Wachstum von 1,6 Prozent für die gesamte österreichische Bauwirtschaft - das klingt bescheiden, wäre aber nach zwei Jahren des Rückgangs ein wichtiges Zeichen der Erholung. Das Forschungsnetzwerk Euroconstruct erwartet jährliche Wachstumsraten des Bauvolumens zwischen 0,6 und 1,0 Prozent für die Jahre 2026 und 2027. Der Wohnbau soll erst 2026 keine weiteren Verluste mehr ausweisen, während die Sanierung und der sonstige Hochbau sich bereits früher stabilisieren könnten.

Für die steirische Bauwirtschaft könnte die Erholung sogar etwas dynamischer verlaufen als im Bundesschnitt: Die vergleichsweise hohen Auftragsbestände und die starke Nachfrage nach Wohnraum im Großraum Graz deuten darauf hin, dass die Steiermark von einer Belebung überproportional profitieren könnte. Die Fertigstellung der Koralmbahn und die damit verbundene Infrastrukturentwicklung zwischen Graz und Klagenfurt dürfte zusätzliche Impulse für den steirischen Bausektor liefern.

Chancen ergeben sich vor allem in der energetischen Sanierung bestehender Gebäude. Die EU-Vorgaben zur Energieeffizienz treiben die Nachfrage nach Dämmung, Heizungstausch und Photovoltaik-Anlagen - Bereiche, in denen steirische Betriebe traditionell stark vertreten sind. Das Baunebengewerbe war nie so stark von der Wohnbaukrise betroffen wie der Hochbau, da in der Sanierung zum Teil sogar deutliche Steigerungen zu verzeichnen waren. Erst mit einer Erholung des Wohnbaus ab 2026 ist aber auch hier wieder mehr Dynamik zu erwarten. Auch die Investitionspläne im steirischen Thermenland und in der Tourismusbranche könnten für zusätzliche Bauaufträge sorgen.

Fazit: Die steirische Bauwirtschaft steckt in ihrer schwersten Krise seit Jahren, zeigt aber erste Stabilisierungszeichen. Die Auftragsbestände in der Steiermark liegen österreichweit am höchsten, und ab 2026 wird ein moderates Wachstum erwartet. Wer jetzt baut oder saniert, profitiert von besseren Förderungen, dem Ende der KIM-Verordnung und stabileren Materialpreisen - sollte aber die Finanzierung sorgfältig planen und die regionalen Förderangebote vollständig ausschöpfen.

Quellen