130 Kilometer neue Bahntrasse, 50 Kilometer Tunnel und 23 Bahnhöfe: Mit der Eröffnung der Koralmbahn am 15. Dezember 2025 hat die Steiermark eine infrastrukturelle Wende erlebt, die auch die Logistikbranche neu sortiert. Schon vor der Inbetriebnahme kündigten mehrere Speditionen Investitionen in neue Lager- und Umschlagsflächen an der neuen Strecke an - darunter Gebrüder Weiss in Kalsdorf bei Graz mit einem 26 Millionen Euro schweren Logistikterminal.
- Die Koralmbahn wurde am 15. Dezember 2025 feierlich eröffnet und verkürzt die Fahrzeit Graz-Klagenfurt auf unter 45 Minuten
- Die Strecke umfasst 130 Kilometer Neubau mit 50 Kilometern Tunnel und 23 Bahnhöfen - größtes österreichisches Schieneninfrastrukturprojekt
- Knapp AG in Hart bei Graz ist mit 8.300 Beschäftigten und 49 Standorten weltweit einer der führenden Intralogistik-Anbieter
- Gebrüder Weiss investiert 26 Mio. Euro in ein neues Logistikterminal in Kalsdorf bei Graz mit 70.000 m² Gesamtfläche
- Die Österreichische Post betreibt in Kalsdorf ein Verteilzentrum, das zentrale Funktionen für die Steiermark übernimmt
- Kapazitätsengpässe werden bereits diskutiert: Der zusätzliche Personen- und Güterverkehr auf der Koralmbahn könnte die Trasse schnell auslasten
Koralmbahn - das Infrastruktur-Ereignis der Dekade
Die Koralmbahn ist das mit Abstand größte Infrastrukturprojekt, das in der Geschichte der österreichischen Bundesbahnen je umgesetzt wurde. Mehr als 20 Jahre Bauzeit, rund 6 Milliarden Euro Investitionsvolumen, 130 Kilometer Neubaustrecke zwischen Graz und Klagenfurt, ein durchgehender Ausbau mit 160 km/h-Standard. Am 15. Dezember 2025 fand die offizielle Eröffnung statt, der Regelbetrieb mit Direktzügen zwischen Graz und Klagenfurt begann am 14. Dezember.
Was bedeutet das für die Logistikwirtschaft? Vor allem zwei Dinge. Erstens: Die Steiermark wird Teil eines neuen Süd-Korridors, der Ostseeraum und Adria auf kürzerem Weg verbindet. Zweitens: Graz rutscht als Lager- und Umschlagsstandort näher an Ljubljana, Triest und Koper heran - alles Häfen und Knotenpunkte, die für den österreichischen Außenhandel relevant sind.
Knapp AG - der Weltmarktführer im Hintergrund
Weitgehend unbekannt, aber ökonomisch prägend ist die Knapp AG mit Hauptsitz in Hart bei Graz. Das 1952 gegründete Unternehmen ist spezialisiert auf Intralogistik - also automatisierte Lösungen für Lager, Kommissionierung und Warenverteilung. Knapp beschäftigt rund 8.300 Mitarbeitende an 49 Standorten weltweit und zählt zu den europäischen Technologieführern für Lagerautomatisierung.
Der Standort Hart bei Graz ist Zentrale, Forschungs- und Produktionsstandort zugleich. Große Kunden sind europäische Einzelhandelsketten, Pharma-Großhändler und E-Commerce-Händler, die Knapp-Systeme in ihren Distributionszentren einsetzen. Die Kombination aus starker Robotik, smarter Software und Künstlicher Intelligenz ist laut Unternehmen ein zentrales Alleinstellungsmerkmal.
Gebrüder Weiss - Expansion in Kalsdorf
Auf der anderen Seite des Spektrums - bei den operativen Logistikdienstleistern - hat die Vorarlberger Gebrüder Weiss ihre Präsenz in der Steiermark zuletzt massiv ausgebaut. Die Zweigniederlassung Kalsdorf bei Graz in der Alten Poststraße ist seit Jahren ein zentraler Umschlagspunkt für Ostösterreich und das südöstliche Europa.
2024 erfolgte der Spatenstich für ein neues Logistikterminal in Kalsdorf mit einer Gesamtfläche von 70.000 Quadratmetern und einem Investitionsvolumen von rund 26 Millionen Euro. Das neue Terminal soll Lager- und Kommissionierkapazitäten deutlich ausbauen und den Umschlag zwischen Straße und Schiene verbessern.
| Akteur | Standort | Rolle |
|---|---|---|
| Knapp AG | Hart bei Graz | Intralogistik / Lagerautomatisierung |
| Gebrüder Weiss | Kalsdorf bei Graz | Transport & Spedition |
| Österreichische Post AG | Kalsdorf | Paket- und Briefverteilzentrum |
| DB Schenker | Premstätten / Graz-Süd | International Freight Forwarding |
| DHL | Werndorf / Wundschuh | Kurier-, Express- und Paketdienst |
| ÖBB Rail Cargo | Werndorf, Graz-Süd | Schienengüterverkehr / Container-Hub |
Terminal Werndorf - das Herz des Schienengüterverkehrs
Für den kombinierten Verkehr ist das Güterterminal Werndorf südlich von Graz die wichtigste Umschlagsanlage der Steiermark. Betrieben von der ÖBB Rail Cargo Group, werden hier täglich Container, Wechselbehälter und Sattelauflieger zwischen Straße und Schiene umgeladen. Mit der Koralmbahn-Inbetriebnahme wurde der Knoten zusätzlich aufgewertet: Güterzüge, die bisher über den Semmering oder die Ostbahn umgeleitet werden mussten, können über die neue Trasse direkt Richtung Adria rollen.
Die Begeisterung über den neuen Süd-Korridor wird durch Kapazitätsfragen gedämpft. Kritiker weisen darauf hin, dass die Koralmbahn bei voller Auslastung im Personenverkehr wenig Kapazität für schwere Güterzüge lässt. Zudem fehlen an manchen Kernabschnitten Überholgleise für lange Güterzüge. Die Österreichische Verkehrszeitung hat diese Frage mehrfach thematisiert.
Post-Verteilzentrum und E-Commerce-Logistik
Die Österreichische Post AG unterhält in Kalsdorf bei Graz eines ihrer Paketverteilzentren und bedient von dort große Teile der Steiermark. Parallel dazu haben KEP-Dienstleister (Kurier, Express, Paket) wie DHL in Werndorf/Wundschuh und DPD eigene Hubs aufgebaut. Der E-Commerce-Boom hat die Nachfrage nach regionalen Umschlagskapazitäten in den letzten fünf Jahren merklich erhöht.
Für Unternehmen, die Flächen für Lager und Logistik suchen, ist der Streifen entlang der Süd-Autobahn A2 zwischen Graz-Süd und Werndorf die am besten erschlossene Logistik-Achse der Steiermark. Grundstückspreise variieren stark - für aktuelle Daten lohnt sich ein Blick in die Immobilienberichte der Kammer der Ziviltechniker und der WKO Steiermark.
Letzte Meile und Nachhaltigkeit
Parallel zum Ausbau der klassischen Logistik laufen Projekte zur nachhaltigen Innenstadt-Belieferung. In Graz testet die Post seit einigen Jahren Lastenradzustellung, dazu gibt es private Anbieter wie Heavy Pedals und VeloNova. Die Stadt Graz arbeitet an Mikro-Hubs, aus denen innerstädtische Zustellungen gebündelt erfolgen sollen. Das reduziert Transitverkehr und Emissionen.
Ausbildung und Fachkräfte
Die FH Joanneum bietet am Kapfenberger Campus den Studiengang „Internationales Industrial Management" mit logistischem Schwerpunkt. Die TU Graz verfügt mit dem Institut für Technische Logistik über eine der wenigen deutschsprachigen Forschungseinrichtungen, die speziell Intralogistik und Materialfluss erforschen. Trotzdem gilt Fachkräfteknappheit auch in der Logistik: Lkw-Fahrer, Disponenten und Zollsachbearbeiter sind knapp.
Quellen
- Land Steiermark: Jahrhundertprojekt Koralmbahn feierlich eröffnet
- Knapp AG: Unternehmenskultur und Standorte
- Logistik Magazin: Gebrüder Weiss erhöht Logistikkapazitäten nahe Graz
- Österreichische Verkehrszeitung: Koralmbahn - Platz für Cargo könnte knapp werden
- WKO Steiermark: Koralmbahn - Wirtschaftliche Chance für Steiermark und Kärnten