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Donnerstag, 3. September 2026 Kontakt
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Manfred Hohensinner - der Bauer, der Thermalwasser in Gemüse verwandelt

Das Wichtigste in Kürze
  • Manfred Hohensinner ist Mitgründer und Geschäftsführer der Frutura Obst und Gemüse Kompetenzzentrum GmbH mit Sitz in Kaindorf, dem größten Obst- und Gemüsevermarkter Österreichs.
  • Er war der erste Landwirt Österreichs, der Geothermie zum Beheizen von Gewächshäusern einsetzte - Thermalwasser aus 3.500 Metern Tiefe mit 125 Grad Celsius.
  • Gegründet wurde das Unternehmen 1999 als Dörrobstland Vertriebs-GmbH, 2002 folgte die Frutura Obst und Gemüse Kompetenzzentrum GmbH - gemeinsam mit den oststeirischen Landwirten Franz Städtler und Hans Schwarzenhofer.
  • Am 3. November 2022 überreichte ihm Bundesminister Martin Kocher das Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich.
  • Mit dem Projekt BioBienenApfel schuf er die erste private Initiative, mit der das Europäische Parlament eine Kooperation im Sinne des Green Deal abschloss.
  • Frutura setzte im letzten Geschäftsjahr rund 580 Millionen Euro um, beschäftigt etwa 900 Menschen und liefert 280.000 Tonnen Obst und Gemüse pro Jahr.

In Bad Blumau pumpt Frutura Thermalwasser aus 3.500 Metern Tiefe an die Oberfläche. Es kommt mit 125 Grad Celsius an, heizt Gewächshäuser und wird anschließend ohne Wasserverlust zurückgeführt. Auf 26 Hektar Glasfläche und Tunneln wachsen damit bis zu 9.000 Tonnen Tomaten, Paprika, Gurken, Melanzani und Radieschen im Jahr - auch im Jänner. Der Mann, der das aufgebaut hat, war zuvor Bergbauer.

Lebensdaten
Herkunft
Aufgewachsen in der Steiermark, nach eigenen Angaben als Findelkind; zunächst Bergbauer
Gründungen
Dörrobstland Vertriebs-GmbH (1999); Frutura Obst und Gemüse Kompetenzzentrum GmbH (2002), gemeinsam mit Franz Städtler und Hans Schwarzenhofer
Aktuell
Geschäftsführer der Frutura Obst und Gemüse Kompetenzzentrum GmbH, gemeinsam mit seiner Tochter Katrin Hohensinner-Häupl
Auszeichnung
Silbernes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, überreicht am 3. November 2022 von Bundesminister Martin Kocher
Weitere Projekte
Initiator des Umwelt- und Gesellschaftsprojekts BioBienenApfel
Publikation
Autor des Buches „Wilde Zeiten"

Vom Bergbauernhof zum Vermarkter

Manfred Hohensinner wuchs nach eigenen Angaben als Findelkind in der Steiermark auf und wurde Bergbauer. Das ist der Ausgangspunkt einer Unternehmensgeschichte, die 1999 mit der Dörrobstland Vertriebs-GmbH begann und 2002 zur Gründung der Frutura Obst und Gemüse Kompetenzzentrum GmbH führte. Er tat sich dafür mit zwei anderen oststeirischen Landwirten zusammen: Franz Städtler und Hans Schwarzenhofer.

Die Grundidee war die Bündelung. Einzelne Obst- und Gemüsebauern haben gegenüber dem Lebensmittelhandel keine Verhandlungsmacht und können keine durchgehende Liefersicherheit garantieren. Ein gemeinsames Kompetenzzentrum mit Reifeanlagen, Packzentrum und Logistik kann beides. Heute ist Spar mit 1.600 Standorten der wichtigste Abnehmer, und Frutura versorgt nach eigenen Angaben täglich 1,3 Millionen österreichische Haushalte.

Das Thermalwasser

Der Schritt, für den Hohensinner ausgezeichnet wurde, war die Nutzung der Geothermie. Ab 2016 begann Frutura, in Bad Blumau Gewächshäuser mit Erdwärme zu beheizen - als erster landwirtschaftlicher Betrieb in Österreich. Das Prinzip: Eine Tiefbohrung fördert 125 Grad heißes Thermalwasser, das über Wärmetauscher die Gewächshäuser versorgt und danach wieder in den Untergrund zurückgeführt wird.

Wirtschaftlich löst das ein zentrales Problem des heimischen Gemüsebaus. Beheizte Gewächshäuser waren bis dahin an Erdgas gebunden, was in Zeiten hoher Energiepreise die Kalkulation zerstört und die Klimabilanz belastet. Regionales Gemüse im Winter war damit teuer und ökologisch fragwürdig - oder es kam aus Spanien und den Niederlanden.

Bei der Verleihung des Silbernen Ehrenzeichens am 3. November 2022 begründete das Ministerium die Ehrung damit, dass Hohensinner gemeinsam mit Schwarzenhofer und Städtler als erster Landwirt Österreichs Geothermie zum Beheizen von Gewächshäusern nutzte und damit bewies, dass sich ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit erfolgreich verbinden lassen. Überreicht wurde die Auszeichnung von Bundesminister Martin Kocher.

Gut zu wissen:
Die Geothermie in Bad Blumau ist derselbe Thermalwasserkörper, der den Ort als Kurstandort bekannt gemacht hat. Frutura nutzt ihn energetisch, nicht balneologisch, und speist das abgekühlte Wasser wieder ein. Zur wirtschaftlichen Bedeutung der Thermalquellen im Thermen- und Vulkanland gehört damit auch die Lebensmittelproduktion.

Frutura in Zahlen

Kennzahl Wert
Umsatz rund 580 Mio. € (letztes Geschäftsjahr)
Beschäftigte rund 900
Jahresmenge Obst und Gemüse 280.000 Tonnen
Eigene Anbaufläche unter Glas und Folie 26 Hektar, bis zu 9.000 Tonnen Gemüse pro Jahr
Standorte Zentrale und Packzentrum Hartl bei Kaindorf (Betriebsgebäude seit 2004); Gewächshäuser Bad Blumau; eigener Kräuteranbau; Verteilzentrum Vorchdorf, Oberösterreich (seit 2022)
Bilanzsumme (30. Juni 2025) 186,8 Mio. €, Eigenkapital 54,1 Mio. €
Gesellschafter DOL Group GmbH 99 Prozent
Exportquote 9 Prozent

Die Bilanzsumme wuchs von 160,1 Millionen Euro im Jahr 2021 auf 186,8 Millionen Euro zum 30. Juni 2025. Der überwiegende Teil des Anlagevermögens von 93,9 Millionen Euro steckt in Gewächshäusern, Reifeanlagen und Logistik - Anlagen, die über Jahrzehnte abgeschrieben werden und den Betrieb an den Standort binden.

BioBienenApfel

Neben dem Unternehmen initiierte Hohensinner ein Projekt, das mit dem Kerngeschäft nur indirekt zu tun hat: BioBienenApfel verteilt kostenloses Saatgut, damit Privatpersonen, Gemeinden und Betriebe Blühwiesen anlegen. Das Ziel war, binnen fünf Jahren 1.200 Hektar neue Blühflächen zu schaffen - Lebensraum für bis zu eine Milliarde Bienen.

Der bemerkenswerte Teil ist die institutionelle Anerkennung: BioBienenApfel wurde zur ersten privaten Initiative, mit der das Europäische Parlament eine Kooperation im Sinne des Green Deal abschloss. Damit wurde aus einem oststeirischen Firmenprojekt eine Plattform europäischen Zuschnitts.

Fachlich liegt darin durchaus Eigeninteresse. Ein Obstbetrieb ist auf Bestäuber angewiesen, und Apfelkulturen ohne Bienen liefern schlechtere Erträge. Dass die Initiative bei Bürgerbeteiligung ansetzt statt bei Fördertöpfen, unterscheidet sie von den üblichen Agrar-Umweltprogrammen.

Praxis-Tipp:
Für landwirtschaftliche Betriebe, die über Geothermie nachdenken, ist die entscheidende Vorfrage nicht die Technik, sondern der Untergrund: Nutzbare Thermalwasservorkommen gibt es in der Steiermark vor allem im Oststeirischen Becken und im Vulkanland. Auskunft zu Bohrgenehmigungen und Wasserrechten gibt die Abteilung Wasserwirtschaft des Landes Steiermark, zur Förderfähigkeit die Steirische Wirtschaftsförderungsgesellschaft.

Die Übergabe

Seit 2016 führt Hohensinner das Unternehmen gemeinsam mit seiner Tochter Katrin Hohensinner-Häupl, die als Steuerberaterin und Certified Public Accountant bei PwC in New York gearbeitet hatte, bevor sie 2013 in den Betrieb eintrat. Beide sind mit Geschäftsführungsbefugnis im Firmenbuch eingetragen.

Das BioBienenApfel-Projekt starteten Vater und Tochter gemeinsam. Die Arbeitsteilung im Unternehmen folgt dabei den jeweiligen Stärken: Hohensinner brachte die Produktion und die Bauernnetzwerke, seine Tochter Finanzstruktur und Digitalisierung.

Einordnung

Die steirische Landwirtschaft steht seit Jahrzehnten unter Strukturdruck: Kleine Betriebe geben auf, weil sie gegen die Einkaufsmacht des Lebensmittelhandels keine Preise durchsetzen können. Frutura ist die Antwort eines Landwirts auf dieses Problem - nicht Ausstieg, sondern Bündelung und Vorwärtsintegration in die Vermarktung.

Mit rund 900 Beschäftigten ist das Unternehmen in der Oststeiermark ein Leitbetrieb, wie ihn die Region sonst nur in der Industrie hat. Und die Geothermie ist der Punkt, an dem sich das Modell von reiner Handelslogik löst: Wer eigene Produktion im Winter darstellen kann, ist nicht mehr nur Zwischenhändler für Importware, sondern Erzeuger mit Preisspielraum. Für die heimische Landwirtschaft ist das die interessantere Hälfte der Geschichte.

Ausblick: Das Unternehmen ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen, hat mit Vorchdorf ein Verteilzentrum in Oberösterreich aufgebaut und die Geschäftsführung an die nächste Generation herangeführt. Die offene Frage ist die Ausweitung des Geothermie-Modells: Nutzbare Thermalwasservorkommen sind geologisch begrenzt, und jede weitere Tiefbohrung braucht Genehmigung, Kapital und einen Standort mit passendem Untergrund.

Quellen