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Donnerstag, 3. September 2026 Kontakt
Menschen

Martin Bartenstein - Pharmaunternehmer, Ex-Minister, Industrieinvestor

Das Wichtigste in Kürze
  • Martin Bartenstein führt gemeinsam mit seiner Frau Ilse und den Söhnen Hans und Michael die Geschäfte der G.L. Pharma GmbH in Lannach - jede siebte in Österreich abgegebene Medikamentenpackung stammt aus dem Unternehmen.
  • Der promovierte Chemiker trat 1978 in den Familienbetrieb Lannacher Heilmittel ein und war von 1980 bis 1995 Alleingeschäftsführer.
  • Mitte der 1980er-Jahre gründete er mit seinem Studienfreund Wolfgang Leitner, dem späteren Andritz-Chef, das Generikaunternehmen Genericon.
  • Von 1995 bis 2008 gehörte er der Bundesregierung an: zunächst als Umweltminister, ab 1996 für Umwelt, Jugend und Familie, von 2000 bis 2008 als Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit.
  • Er hält 97,93 Prozent der Bartenstein Holding GmbH, die 2022 rund 1,25 Milliarden Euro Umsatz und 10.300 Beschäftigte auswies - mit Beteiligungen in Pharma, Büromöbeln und Industrieverpackung.
  • 2018 erwarb die Holding 28,4 Prozent an der KNAPP AG in Hart bei Graz; Bartenstein sitzt im Aufsichtsrat des Intralogistikkonzerns.

Am 25. September 2023 stand Martin Bartenstein in der Leopold-Bartenstein-Straße in Lannach und eröffnete eine Produktionshalle, in die 65 Millionen Euro geflossen waren. Die Straße trägt den Namen seines Vaters, der das Unternehmen 1966 erworben hatte. Über die eigene Marktposition sagte er bei diesem Anlass nur einen Satz: „Wir sind somit Marktführer in Österreich." Und über das Unternehmen: „Wir sind eben ein gewachsener Familienbetrieb, was eher altmodisch ist."

Lebensdaten
Geboren
3. Juni 1953 in Graz
Ausbildung
Matura am Akademischen Gymnasium Graz; Chemiestudium an der Karl-Franzens-Universität Graz (1971-1978), darin ein Semester an der Miami University in Oxford, Ohio (1974); Promotion zum Dr. phil. (1978)
Stationen
Eintritt in die Lannacher Heilmittel GmbH (1978); Alleingeschäftsführer (1980-1995); Mitgründer von Genericon Pharma (Mitte der 1980er-Jahre); Geschäftsführung Bahopharm GmbH
Politische Ämter
Bundesvorsitzender der Jungen Industrie Österreichs (1988-1992); Nationalratsabgeordneter und Industriesprecher der ÖVP (1991-1994); Staatssekretär im Bundesministerium für Öffentliche Wirtschaft und Verkehr (1994-1995); Bundesminister für Umwelt (1995-1996); Bundesminister für Umwelt, Jugend und Familie (1996-2000); Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit (2000-2008); Nationalratsabgeordneter (2008-2013)
Aktuell
Geschäftsführer der G.L. Pharma GmbH, Lannach; Eigentümer von 97,93 Prozent der Bartenstein Holding GmbH; Aufsichtsrat der KNAPP AG
Weitere Funktionen
Obmann der Steirischen Kinderkrebshilfe (seit 1992); ab 2002 Präsident des Österreichischen Basketballverbandes; Stifter der Lithos Privatstiftung
Familie
Seit 1983 verheiratet mit Ilse Bartenstein, fünf Kinder

Chemie, dann das Familienunternehmen

Bartenstein maturierte am Akademischen Gymnasium Graz und studierte von 1971 bis 1978 Chemie an der Karl-Franzens-Universität, unterbrochen von einem Semester an der Miami University in Oxford, Ohio. 1978 promovierte er zum Dr. phil. und trat im selben Jahr in die Lannacher Heilmittel GmbH ein - das Unternehmen, das seine Eltern Leopold und Hannelore Bartenstein 1966 erworben hatten und das 1947 in Lannach gegründet worden war.

Zwei Jahre später, 1980, übernahm er die Alleingeschäftsführung und behielt sie fünfzehn Jahre. In diese Zeit fällt eine Gründung, die für die steirische Industriegeschichte über die Pharmabranche hinaus interessant ist: Mitte der 1980er-Jahre startete Bartenstein gemeinsam mit seinem Studienfreund Wolfgang Leitner das Generikaunternehmen Genericon, mit Schwerpunkt auf rezeptfreien und patentfreien Medikamenten sowie Vitaminpräparaten. Leitner ging 1987 als Finanzvorstand zu Andritz und führte den Konzern später 28 Jahre als CEO. Die Geschäftsbeziehung der beiden hält bis heute.

Vierzehn Jahre in der Bundesregierung

Bartensteins politischer Weg begann in der Interessenvertretung: Von 1988 bis 1992 war er Bundesvorsitzender der Jungen Industrie Österreichs, ab 1991 Nationalratsabgeordneter und Industriesprecher der ÖVP. 1994 wurde er Staatssekretär im Bundesministerium für Öffentliche Wirtschaft und Verkehr, ein Jahr später Bundesminister für Umwelt. Von 1996 bis 2000 verantwortete er das Ressort Umwelt, Jugend und Familie.

Die längste Etappe folgte danach: Von 2000 bis 2008 war er Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit - acht Jahre in dem Ressort, das für Gewerbeordnung, Arbeitsmarkt und Standortpolitik zuständig ist. Bis 2013 blieb er als Abgeordneter im Nationalrat. Mit dem Amtsantritt 1995 hatte er die Alleingeschäftsführung in Lannach abgegeben.

Gut zu wissen:
Die Firmengeschichte reicht bis 1947/1948 zurück, als in Graz die Lannacher Heilmittel und in Wien die Gerot Pharmazeutika gegründet wurden. 1966 übernahm die Familie Bartenstein, 1997 kaufte Lannacher die Wiener Gerot, 2009 fusionierten beide unter der Marke Gerot Lannach. 2023 folgte die Umbenennung in GL Pharma. Zwei EU-GMP-zertifizierte Produktionsstätten stehen heute in Lannach bei Graz und in Wien.

Das Unternehmen in Zahlen

Kennzahl Wert
Umsatz GL Pharma 246 Mio. € (2022, plus 17 Prozent); Unternehmensangabe aktuell 350 Mio. €
Umsatz Gruppe mit Genericon Pharma 500 Mio. €
Beschäftigte rund 1.300 in der Gruppe, davon rund 800 in Lannach
Marktanteil in Österreich 14,3 Prozent bzw. 34,5 Mio. verordnete Packungen (mit Genericon Pharma)
Produktionsvolumen 2022: 4,5 Mrd. Einzeldosen bzw. 90 Mio. Packungen; Kapazität nach dem Ausbau bis zu 10 Mrd.
Märkte über 50; eigene Marketingstrukturen in Österreich und 15 weiteren Märkten in Europa sowie Mexiko
Bilanzsumme (2024) 384,5 Mio. €, Eigenkapital 336,6 Mio. €
Gesellschafter BAHOPHARM GmbH 75 Prozent, CEAS GmbH 25 Prozent

Die 65-Millionen-Halle

Der Spatenstich für das Werk P2 erfolgte Anfang Mai 2019, die Eröffnung im September 2023. Auf 15.000 Quadratmetern und drei Geschossen entstanden Reinräume für orale Fertigarzneimittel, ein Entwicklungslabor, Technikbereiche und ein Lösungsmittellager. Von den 65 Millionen Euro der ersten Phase gingen rund 40 Millionen in Gebäude und Infrastruktur, rund 20 Millionen in Anlagen und Maschinen. Phase eins und zwei zusammen sind mit 100 Millionen Euro angesetzt.

Rund 100 Arbeitsplätze entstanden unmittelbar, im Vollausbau sollen es 200 sein. Die damalige Wirtschaftslandesrätin Barbara Eibinger-Miedl ordnete die Investition bei der Eröffnung so ein: „Wir sind stolz auf solche Familienbetriebe, weil sie eine besonders starke Verbundenheit zum Standort haben und in Generationen denken." Lannachs Bürgermeister Josef Niggas sagte: „Wir können stolz auf solche florierenden Unternehmerinnen und Unternehmer als Arbeitgeber und als Wirtschaftsfaktor sein."

Die Holding: Pharma, Büromöbel, Verpackung - und KNAPP

Bartenstein hält 97,93 Prozent der Bartenstein Holding GmbH; die restlichen Anteile liegen bei der Lithos Privatstiftung, deren Stifter er ist. Die Holding wies 2022 rund 1,25 Milliarden Euro Umsatz und 10.300 Beschäftigte aus, nach 933 Millionen Euro und 8.200 Beschäftigten im Jahr 2020.

Neben den Pharmabeteiligungen - G.L. Pharma zu 100 Prozent, Genericon Pharma und Gerot Pharmazeutika je zur Hälfte - gehören dazu der Verpackungshersteller Varioform PET und die Hälfte der BGO-Holding mit den Büromöbelmarken Bene, Hali und Neudörfler. An den Biotechunternehmen APEIRON Biologics und invIOs hält die Holding je sechs Prozent.

Der industriell auffälligste Schritt fiel in den Mai 2018: Die Holding kaufte 28,4 Prozent an der KNAPP AG in Hart bei Graz und übernahm damit das Paket des japanischen Minderheitsgesellschafters Daifuku, der zuvor 30 Prozent gehalten hatte. Die Familie Knapp zog ihr Vorkaufsrecht und erhöhte parallel auf 71,6 Prozent. Bartenstein zog in den Aufsichtsrat ein, ohne ins operative Geschäft einzugreifen. Zur Logik des Einstiegs sagte er damals: „Es ist für das Unternehmen sicherlich gut, dass es sich nicht um ein Finanzinvestment handelt, wo dann der Exit ... im Vordergrund steht."

KNAPP setzte im Geschäftsjahr 2016/17, also unmittelbar vor dem Einstieg, 632 Millionen Euro um und beschäftigte rund 3.500 Menschen. Heute ist der Intralogistikkonzern unter Gerald Hofer deutlich größer - für die Holding ist es die renditestärkste Beteiligung außerhalb der Pharmabranche.

Wichtige Einschränkung:
Die Umsatzangaben zu GL Pharma unterscheiden sich je nach Quelle und Abgrenzung: Die Bartenstein Holding weist für GL Pharma 250 Millionen Euro und 1.200 Beschäftigte aus, das Unternehmen selbst nennt 350 Millionen Euro und rund 1.300 Beschäftigte sowie 500 Millionen Euro für die Gruppe samt Genericon Pharma. Belegt und mit Jahresbezug versehen ist der Wert für 2022: 246 Millionen Euro. Die Gruppe ist nicht börsennotiert und legt keine Konzernquartalszahlen vor.

Engagement und die nächste Generation

Seit 1992 ist Bartenstein Obmann der Steirischen Kinderkrebshilfe. Ab 2002 stand er dem Österreichischen Basketballverband als Präsident vor - eine Funktion, die inzwischen anders besetzt ist. 1990 gehörte er dem ORF-Kuratorium an, seit 1992 war er Landesparteiobmann-Stellvertreter der ÖVP Steiermark.

In der Geschäftsführung der G.L. Pharma GmbH sitzen heute vier Personen mit dem Namen Bartenstein: Martin und Ilse Bartenstein sowie die 1992 geborenen Zwillinge Hans und Michael. Der Generationenübergang läuft also schon, und er läuft, wie es in dem Haus üblich ist, ohne Ankündigung im großen Stil.

Einordnung

Bartensteins Laufbahn ist im österreichischen Kontext ungewöhnlich, weil sie in beide Richtungen verläuft. Ein Unternehmer wird Minister für das Ressort, das seine eigene Branche reguliert, und kehrt danach als Investor und Geschäftsführer in die Wirtschaft zurück. Die vierzehn Regierungsjahre liegen dabei genau in jener Phase, in der der Familienbetrieb von einem regionalen Arzneimittelhersteller zu Österreichs größtem Anbieter wurde.

Für den Standort Lannach im Bezirk Deutschlandsberg ist das Unternehmen der prägende Arbeitgeber, und für die steirische Life-Sciences-Branche ist es die größte Produktionseinheit. Dass ein Generikahersteller nicht nach Indien oder Osteuropa abgewandert ist, sondern in Lannach 100 Millionen Euro in neue Kapazität steckt, ist in einem Markt mit staatlich regulierten Erstattungspreisen eine bemerkenswerte Standortentscheidung.

Ausblick: Mit Hans und Michael Bartenstein ist die dritte Generation in der Geschäftsführung angekommen, und die zweite Phase des Werksausbaus in Lannach ist noch nicht abgeschlossen. Die entscheidende Größe für das Unternehmen bleibt außerhalb seiner Kontrolle: Generikapreise werden in Österreich und den Exportmärkten staatlich reguliert, während Energie- und Personalkosten am Standort steigen. Wie lange sich Produktion in Österreich unter diesen Bedingungen rechnet, ist die Frage, die über Lannach hinaus die gesamte europäische Arzneimittelversorgung betrifft.

Quellen