- Die Automatisierungsplattform AT Styria will die Steiermark zur europäischen Testregion für KI-gestützte und humanoide Robotik machen.
- Ein Konsortium mit Partnern aus Österreich, Slowenien und Italien bewirbt sich dafür um ein Projekt des EU-Forschungsprogramms Horizon Europe. Der EU-Beitrag liegt bei rund 18 Mio. Euro.
- Die Ausschreibung öffnet am 17. November 2026 und schließt am 18. März 2027. Die Entscheidung fällt im Sommer 2027, starten könnte das Projekt im ersten Quartal 2028.
- Das Budget der Ausschreibung reicht für ein einziges Projekt in ganz Europa.
- Geplant sind drei Pilotprojekte unter realen Produktionsbedingungen: Maschinenbedienung durch humanoide Roboter, innerbetriebliche Logistik sowie Qualitätskontrolle und Instandhaltung.
- Aus der Steiermark sind unter anderem Joanneum Research, TU Graz, FH Campus 02, Magna Steyr, DCCS und BrightFlare dabei.
- Die steirische Automatisierungstechnik beschäftigt mehr als 44.000 Menschen und erwirtschaftet 6,3 Mrd. Euro Wertschöpfung.
Rund acht Kilogramm wiegt ein Zinkbarren, den bei Roto Frank Austria in Kalsdorf jemand vom Stapel nehmen und der Zinkgussmaschine zuführen muss. Diese Arbeit soll dort künftig ein humanoider Roboter erledigen - läuft alles nach Plan, kommt das erste Gerät noch im Oktober 2026, wie Geschäftsführer Christian Lazarevic im September in einer Gesprächsrunde des Magazins Spirit of Styria ankündigte. Aus solchen Einzelversuchen soll nun ein europäisches Großprojekt werden: Am 5. Oktober 2026 hat die Plattform AT Styria bei den European Robotics and Automation Talks in der WKO Steiermark ihren Plan vorgestellt, die Steiermark zur Testregion für die nächste Robotergeneration zu machen.
Worum sich das Konsortium bewirbt
Das Geld soll aus Horizon Europe kommen, dem Forschungs- und Innovationsprogramm der EU. Im Arbeitsprogramm 2026-2027 für Digitales, Industrie und Raumfahrt steht die Ausschreibung unter der Kennung HORIZON-CL4-2027-04-DIGITAL-EMERGING-05. Ihr Titel lautet sinngemäß: KI-gesteuerte Robotik für die Industrie - Systemintegration und Einführung ermöglichen.
Zwei Zeilen in diesem Dokument erklären, warum die Bewerbung ein Alles-oder-nichts-Rennen ist. Die Kommission veranschlagt einen EU-Beitrag von rund 18 Mio. Euro pro Projekt, und das gesamte Budget der Ausschreibung beträgt ebenfalls 18 Mio. Euro. Gefördert wird also voraussichtlich genau ein Konsortium in ganz Europa.
Auffällig ist auch, was im Ausschreibungstext nicht steht: Das Wort „humanoid“ kommt darin nicht vor, ebenso wenig der Begriff Testregion. Die EU verlangt einen modularen Baukasten, mit dem sich KI-gesteuerte Roboter in bestehende Produktionslinien einbinden lassen - gleich welcher Bauform. Die Testregion und der Schwerpunkt auf zweibeinige Roboter sind die steirische Antwort auf diese Vorgabe.
Laut Ausschreibungstext muss das geförderte Projekt ein Integrations-Framework liefern, das in mindestens drei realen Industriepiloten mit unterschiedlichen Szenarien erprobt wurde - bei KMU ebenso wie bei größeren Herstellern. Dazu kommen ein „Integration Kit“ mit fertigen Modulen und Beispielkonfigurationen, wiederverwendbare Datensätze, Beiträge zu offenen Standards und eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, mit der auch Betriebe ohne eigene Robotik-Abteilung Einführung, Budget und Zertifizierung planen können. Die Technologie soll im Projektverlauf vom Technologie-Reifegrad 4 (im Labor erprobt) auf 7 (Prototyp im realen Einsatz) gebracht werden.
Der Zeitplan bis 2028
| Zeitpunkt | Schritt |
|---|---|
| 21. Juli 2026 | AT Styria, Joanneum Research und der italienische Cluster DITEDI unterzeichnen in Udine ein Memorandum of Understanding |
| 5. Oktober 2026 | Vorstellung des Plans bei den European Robotics and Automation Talks in Graz |
| 17. November 2026 | Die EU-Ausschreibung öffnet |
| 18. März 2027 | Einreichschluss, einstufiges Verfahren |
| Sommer 2027 | Förderentscheidung |
| 1. Quartal 2028 | Frühester Projektstart bei einer Zusage |
„Die EU wird den ‚Call‘ Ende November auflegen. Für das Projekt stehen rund 18 Millionen Euro bereit, die Entscheidung fällt im Sommer 2027 und das Projekt könnte im ersten Quartal 2028 starten“, sagte AT-Styria-Geschäftsführer Helmut Röck laut APA-Bericht vom Pressegespräch.
Drei Pilotprojekte in echten Betrieben
Die Bewerbung baut auf drei industriellen Pilotprojekten auf, die unter realen Produktionsbedingungen laufen sollen. Sie decken sich mit der Mindestanforderung der Ausschreibung.
| Pilot | Technik | Aufgabe |
|---|---|---|
| 1 - Fertigung | Humanoide Roboter | Arbeit an mehreren Arbeitsplätzen einer Fertigung: Maschinen bedienen, Werkstücke wechseln, körperlich belastende Tätigkeiten übernehmen |
| 2 - Logistik | Autonome mobile Roboter | Materialtransport zwischen Lager, Fertigung und Montage, mit selbstständiger Anpassung an geänderte Routen und Abläufe |
| 3 - Qualität | KI-gestützte Systeme | Qualitätskontrolle, Inspektion und Instandhaltung |
Was am Ende herauskommen soll, beschrieb Heinz Mayer, Geschäftsführer von Joanneum Research, gegenüber brutkasten so: „Jeder Pilot setzt bei einem konkreten Engpass im Betrieb an. Am Ende steht eine klare wirtschaftliche und technische Bilanz: Welche Taktzeit erreicht das System, wie zuverlässig arbeitet es, welchen Integrationsaufwand verursacht es und wann rechnet sich die Investition?“ Zugang zu den erprobten Lösungen sollen vor allem kleine und mittlere Betriebe erhalten.
Wer im Konsortium sitzt
Das Konsortium verbindet Industriebetriebe, Technologieanbieter und Forschung aus mehreren Staaten. Die Zusammensetzung laut den Berichten vom Pressegespräch:
| Region | Partner |
|---|---|
| Steiermark | AT Styria, Joanneum Research, TU Graz, FH Campus 02, Magna Steyr, DCCS, BrightFlare |
| Kärnten | Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen, eingebunden über die „Area Süd“ |
| Slowenien | Netzwerk SRIP Factories of the Future und weitere mögliche Pilotbetriebe |
| Italien | Cluster DITEDI sowie Unternehmen und Forschungseinrichtungen aus Friaul-Julisch Venetien |
| Bayern | Bayern Innovativ |
Zwei Grazer Unternehmen decken Integration und Sicherheit ab. Das IT-Haus DCCS verbindet die Roboter mit bestehenden Unternehmensprozessen und IT-Landschaften und hat laut APA bereits mehr als ein Dutzend Projekte mit humanoiden Robotern umgesetzt. „Das Projekt hilft uns Dinge zu tun, die wir sowieso tun müssen“, sagte Geschäftsführer Thomas Edlinger. Der Security-Spezialist BrightFlare kümmert sich um die Absicherung. „Die geplante Testregion bietet uns die Möglichkeit, gemeinsam mit Forschung und Industrie Schutzkonzepte unter realen Bedingungen zu entwickeln und zu erproben“, so CEO Markus Seme.
Die Teilnahme an der Ausschreibung ist auf Einrichtungen aus den EU-Staaten, Island, Norwegen, Kanada, Israel, Südkorea, Neuseeland, der Schweiz und dem Vereinigten Königreich beschränkt. Partner, die von außerhalb dieser Länder kontrolliert werden, brauchen eine von ihrem Sitzstaat geprüfte Garantie; für Unternehmen unter chinesischer Kontrolle ist dieser Weg ausgeschlossen. Die EU begründet das mit dem Ziel, technologische Abhängigkeiten zu vermeiden. Magna Steyr gehört zum kanadischen Magna-Konzern, Kanada steht auf der Liste.
44.000 Beschäftigte und die Hoffnung auf 10.000 weitere
AT Styria ist in der WKO Steiermark angesiedelt, besteht seit zehn Jahren und zählt laut brutkasten rund 120 Unternehmen. Die Branche dahinter ist größer, als ihr Name vermuten lässt: Nach einer Studie des Instituts für Wirtschafts- und Standortentwicklung arbeiten in der steirischen Automatisierungstechnik mehr als 44.000 Menschen, fast 60 Prozent mehr als 2008. Die Wertschöpfung liegt bei 6,3 Mrd. Euro, damit wird laut WKO Steiermark jeder zehnte Euro im Land in diesem Feld erwirtschaftet.
Bis 2030 hält die Plattform bis zu 10.000 zusätzliche Arbeitsplätze für möglich. Zum Jubiläum hat sie drei Arbeitsgruppen eingerichtet: „Flexible Robotik“ für humanoide Systeme, „Applied Artificial Intelligence“ und „Safety & Security“. In einer Blitzumfrage unter den Mitgliedern nannten laut Röck rund zwei Drittel humanoide Robotik ein sehr wichtiges Thema, die meisten stünden aber noch beim Ausprobieren. „KI-gestützte beziehungsweise humanoide Robotik wird zu einer zentralen Standortfrage“, sagte der Vorsitzende Herbert Ritter, zugleich Vizepräsident der WKO Steiermark. Gegenüber dem ORF Steiermark formulierte Röck den Anspruch so: „Die Steiermark soll sozusagen den Kern einer großen, breit gedachten mitteleuropäischen Initiative werden.“
Wo steirische Betriebe heute stehen
Abseits der Bewerbung laufen die ersten Versuche bereits. Bei Roto Frank Austria in Kalsdorf, einem Hersteller von Fenster- und Türbeschlägen, nennt Lazarevic zwei Hürden für den Roboter an den Zinkgussmaschinen: Er muss stehen bleiben, sobald jemand in seine Nähe kommt, und die Belegschaft muss ihn annehmen. Für den Einstieg hält er einen semi-humanoiden Roboter für ausreichend.
PIA Automation Austria in Grambach trainiert einen eigenen Humanoiden namens „Kurt“ für eine Produktionslinie im Automotive-Bereich, der Einsatz ist für 2027 geplant. Finanzchef Christof Wochesländer beschreibt einen vorsichtigen Start: Materialtransport und Intralogistik in einem abgegrenzten Bereich hinter einem Schutzzaun, parallel läuft die CE-Zertifizierung des Anwendungsfalls.
Dazu kommt ein Stichtag: Ab 20. Jänner 2027 gilt die EU-Maschinenverordnung 2023/1230, die die bisherige Maschinenrichtlinie ablöst und auch Anforderungen an Cybersicherheit und KI-Anwendungen enthält. Wer einen Roboter in Verkehr bringt, muss die Risikobewertung verantworten.
Kritik: 18 Mio. Euro sind wenig
Die Summe klingt groß, verteilt sich aber auf Partner in mehreren Ländern, drei Pilotbetriebe und die gesamte Projektlaufzeit. Ulrike Haslauer, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Mess-, Automatisierungs- und Robotertechnik (GMAR) und Geschäftsführerin von Compact Electric in Wien, sieht den Betrag laut ORF Steiermark kritisch: Für ein EU-Projekt sei er nicht ausreichend, in der aktuellen Phase zähle aber jeder Cent, und man nehme, was geboten wird. Die GMAR richtet die European Robotics and Automation Talks gemeinsam mit AT Styria aus. Auch beim Pressegespräch wurde betont, die erhofften Gelder wären „erst einmal ein Anfang“.
Bisher gibt es weder einen eingereichten Antrag noch eine Förderzusage. Die Ausschreibung ist noch nicht geöffnet, und um das eine Projekt können sich Konsortien aus ganz Europa bewerben. Ob die Testregion kommt, steht frühestens im Sommer 2027 fest. Die Zahl von bis zu 10.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen bis 2030 ist eine Erwartung der Plattform für die gesamte Branche und hängt nicht am EU-Projekt allein.
Quellen
- ORF Steiermark: Steiermark will Testregion werden (05.10.2026)
- APA via News: Testregion für humanoide Robotik in der Steiermark geplant (05.10.2026)
- brutkasten: Steiermark plant Testregion für KI-gestützte und humanoide Robotik (05.10.2026)
- Europäische Kommission: Horizon Europe Work Programme 2026-2027, Digital, Industry and Space (PDF, Seite 151 ff.)
- Ideal-ist TopicTree: HORIZON-CL4-2027-04-DIGITAL-EMERGING-05, Termine und Budget
- WKO Steiermark: AT Styria feiert 10 Jahre und startet in die Ära der humanoiden Robotik
- Joanneum Research: Kooperation zwischen der Steiermark und Friaul-Julisch Venetien (22.07.2026)
- Spirit of Styria: Ein Gamechanger für die Industrie? (22.09.2026)
- OVE: Ulrike Haslauer ist neue Präsidentin der GMAR (PDF, 01.10.2025)
- European Robotics & Automation Talks: Programm 2026