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Dienstag, 11. August 2026 Kontakt
Menschen

Friedrich Santner - der Anton-Paar-Chef, der im SOS-Kinderdorf aufwuchs

Als Friedrich Santner im September 1986 bei Anton Paar anfing, arbeiteten dort rund 200 Menschen. Als er Ende 2024 die operative Führung an seine Söhne übergab, waren es über 4.800 in mehr als 110 Ländern. Dazwischen liegen knapp vier Jahrzehnte, in denen aus einer Grazer Werkstätte für Präzisionsmesstechnik ein Konzern wurde, der Dichtemessgeräte in Brauereien, Raffinerien und Pharmalabors auf der ganzen Welt liefert. Santners Biografie beginnt allerdings nicht in einem Unternehmerhaushalt, sondern in einem SOS-Kinderdorf in Kärnten.

Das Wichtigste in Kürze
  • Friedrich Santner, geboren am 7. Februar 1960 in Gmunden, wuchs in SOS-Kinderdörfern in Moosburg (Kärnten) und in der Steiermark auf
  • Er studierte Psychologie und Pädagogik in Graz, promovierte 1984 und arbeitete fünf Jahre als Erzieher, bevor er 1986 bei Anton Paar einstieg
  • 1997 wurde er Geschäftsführer, ab 2003 führte er das Unternehmen allein - der Umsatz überschritt 2022 erstmals die Marke von einer halben Milliarde Euro
  • Seit 17. Dezember 2024 ist er Vorstandsvorsitzender der Holding Anton Paar Group AG, die operative Führung der Anton Paar GmbH liegt seit Anfang 2025 bei seinen Söhnen Jakob und Dominik
  • Eigentümerin des gesamten Konzerns ist die gemeinnützige Santner Privatstiftung - es gibt keine privaten Anteilseigner, die Gewinne entnehmen
  • Seit 2018 ist Santner Aufsichtsratsvorsitzender der Steiermärkischen Bank und Sparkassen AG, seit November 2025 zusätzlich Aufsichtsratsvorsitzender von SOS-Kinderdorf
Lebensdaten
Geboren
7. Februar 1960 in Gmunden, Oberösterreich
Ausbildung
Matura 1978, Studium der Psychologie und Pädagogik an der Universität Graz, Dr. phil. 1984; Ausbildung in Integrativer Gestalttherapie (1981-1984), Exportkaufmann (1986/87), Automatisierungstechnik (1987/88)
Stationen
Erzieher am Bischöflichen Gymnasium Graz (1981-1986), Eintritt bei Anton Paar (September 1986), Leitung Marketing und Vertrieb, Geschäftsführer Anton Paar Germany, Geschäftsführer Anton Paar GmbH (ab 1997), Alleingeschäftsführer (ab 2003)
Aktuell
Vorstandsvorsitzender der Anton Paar Group AG (seit Dezember 2024)
Weitere Funktionen
Aufsichtsratsvorsitzender Steiermärkische Bank und Sparkassen AG, Vorstandsvorsitzender Steiermärkische Verwaltungssparkasse (seit 2010), Aufsichtsrat Styria Medien AG (seit 2007, Vorsitz seit 2011), Verwaltungsrat Metrohm AG Schweiz (seit 2008), Aufsichtsratsvorsitzender SOS-Kinderdorf (seit November 2025)
Auszeichnung
Großer Josef Krainer Preis (2012)
Familie
Verheiratet mit Maria Santner, vier Kinder, zehn Enkelkinder

Kindheit im SOS-Kinderdorf

Santner kam 1960 in Gmunden zur Welt und verbrachte die ersten acht Lebensjahre im SOS-Kinderdorf Moosburg in Kärnten, danach in der Steiermark. Er bezeichnet sich selbst als "Beutesteirer" - einen, der nicht im Land geboren wurde, aber hierbleiben wollte. Diese Herkunft erklärt einen Teil der späteren Berufswahl: Santner wollte ursprünglich Kinderpsychotherapeut werden.

Nach der Matura 1978 studierte er in Graz Psychologie und Pädagogik und promovierte 1984 zum Dr. phil. Parallel absolvierte er von 1981 bis 1984 eine Ausbildung in Integrativer Gestalttherapie. Von 1981 bis 1986 arbeitete er als Erzieher am Bischöflichen Gymnasium in Graz. Es war eine Laufbahn, die mit Messtechnik nichts zu tun hatte.

Die Verbindung zum Unternehmen entstand privat: 1981 heiratete er in die Familie Santner ein, der Anton Paar seit 1963 gehört. Sein Schwiegervater Ulrich Santner hatte den Betrieb von rund 20 auf 460 Beschäftigte ausgebaut und führte ihn bis 2002.

Der Quereinstieg 1986

Im September 1986 wechselte Santner in das Unternehmen und holte die kaufmännische Ausbildung nach: Exportkaufmann 1986/87, ein Lehrgang für Automatisierungstechnik 1987/88, eine Marketingausbildung in London 1989. Er übernahm zunächst Marketing und Vertrieb und führte die deutsche Tochtergesellschaft, bevor er 1997 in die Geschäftsführung der Anton Paar GmbH aufrückte. Ab 2003 leitete er das Unternehmen allein.

Sein Vertriebsverständnis fasste er 2023 in einem Satz zusammen, der die Expansionsstrategie der folgenden Jahrzehnte beschreibt: "Man wird nicht vom Schreibtisch aus erfolgreich. Wir wollen raus in die Welt und zu den Kundinnen und Kunden, um dort vor Ort die bestmögliche Verkaufs- und Serviceleistungen anbieten zu können." Anton Paar baute in dieser Logik eigene Vertriebs- und Servicegesellschaften auf, statt über Händler zu verkaufen - heute sind es mehr als 50 Gesellschaften weltweit.

Die Zahlen der Ära Santner

Das Wachstum verlief über lange Strecken exponentiell. Das Unternehmen verdoppelte sich nach eigener Darstellung etwa alle fünf Jahre.

Jahr Kennzahl
1963 Übernahme durch Ulrich Santner, rund 20 Beschäftigte
2002 Ende der Ära Ulrich Santner, rund 460 Beschäftigte
2005 652 Beschäftigte
2021 471 Mio. Euro Umsatz
2022 547,6 Mio. Euro Umsatz (plus 17,3 Prozent), erstmals über einer halben Milliarde
2023 über 600 Mio. Euro Umsatz
2026 4.850 Beschäftigte, Vertrieb in 110 Ländern

Rund ein Drittel der Belegschaft arbeitet am Stammsitz in der Anton-Paar-Straße in Graz-Straßgang, dem zugleich größten Produktionsstandort der Gruppe. Damit zählt Anton Paar zu den größten privaten Arbeitgebern im Grazer Raum - neben Betrieben wie Magna Steyr und AVL List.

Eine Stiftung als Eigentümerin

Die für die Unternehmenskultur folgenreichste Entscheidung fiel 2003: Seither hält die gemeinnützige Santner Privatstiftung das Vermögen. Ihr Zweck ist die Förderung von Wissenschaft und Forschung sowie von Maßnahmen gegen Suchtprobleme. Praktisch bedeutet das, dass keine Familienmitglieder Gewinne entnehmen, sondern die Erträge im Unternehmen bleiben oder in den Stiftungszweck fließen.

Gut zu wissen:
Die Konstruktion erklärt, warum Anton Paar Investitionen aus dem Cashflow finanziert und über Jahrzehnte hinweg keinen Investor aufnehmen musste. Santner beschrieb die Linie so: Gewinne würden "nachhaltig, sinnvoll und sinnstiftend in das Unternehmen" investiert. Für die Betriebsnachfolge in Familienunternehmen ist die gemeinnützige Stiftung eines von mehreren Modellen - sie schließt den Verkauf faktisch aus.

Die Übergabe an die fünfte Generation

Santner hatte sich selbst eine Altersgrenze von 65 Jahren für die operative Führung gesetzt und diese Regel auch im Unternehmen verankert. Die Umsetzung erfolgte in Schritten: 2020 rückten seine Söhne in die Geschäftsführung der Anton Paar GmbH auf, Jakob Santner als Technikvorstand, Dominik Santner als Produktionsverantwortlicher. Beide sind seit langem im Betrieb, Jakob seit 1999, Dominik seit 2002.

Mit 17. Dezember 2024 wurde die Anton Paar Group AG als Holding im Firmenbuch mit einem dreiköpfigen Vorstand eingetragen: Friedrich Santner als Vorsitzender, Jakob und Dominik Santner als Mitglieder. Seit Anfang 2025 führen die beiden Söhne die operative Anton Paar GmbH. Die Holding bündelt sechs direkte Tochtergesellschaften - neben der Anton Paar GmbH sind das ShapeTec (Metall- und Blechtechnik), SportsTec (Analysesysteme für den Sport), ConsumerTec (Messgeräte für Endkunden), die 24 Asset Management GmbH (Immobilien) und das Anton Paar Sudhaus (Gastronomie und Brauerei).

Im Aufsichtsrat der Holding sitzen Clemens Jaufer als Vorsitzender, Nina Pildner-Steinburg und Christian Grabner als Stellvertreter sowie Horst Bischof, der Rektor der TU Graz.

Funktionen außerhalb des Unternehmens

Santner ist einer der am dichtesten vernetzten Wirtschaftsvertreter des Landes. Seit Mai 2017 gehört er dem Aufsichtsrat der Steiermärkischen Bank und Sparkassen AG an, seit der Hauptversammlung am 4. Mai 2018 führt er ihn als Vorsitzender - er folgte damals auf Gunter Griss, der die satzungsgemäße Altersgrenze erreicht hatte. Er kontrolliert damit den Vorstand der größten Bundesländer-Sparkasse Österreichs. Im selben Aufsichtsrat sitzt unter anderem Christian Knill. Bereits seit 2010 ist Santner Vorstandsvorsitzender der Steiermärkischen Verwaltungssparkasse.

Dazu kommen ein Aufsichtsratsmandat bei der Styria Medien AG seit 2007, das er seit 2011 als Vorsitzender ausübt, und ein Sitz im Verwaltungsrat des Schweizer Messtechnikunternehmens Metrohm AG seit 2008. 2012 übernahm er den Aufsichtsratsvorsitz der SK Sturm Sportbetriebe GmbH und der SK Sturm Wirtschaftsbetriebe GmbH.

Zurück zum SOS-Kinderdorf

Von 1999 bis 2005 war Santner Vorsitzender von SOS-Kinderdorf Steiermark. Nachdem Verdachtsfälle von Missbrauch in der Organisation bekannt geworden waren, initiierte er eine Petition für deren Neuaufstellung. Am 20. November 2025 wurde er zum Vorsitzenden des neu gewählten Aufsichtsrats von SOS-Kinderdorf bestellt. Bei der Wahl des Gremiums wurde ausdrücklich auf Kinderschutzkompetenz der Mitglieder geachtet.

2012 erhielt Santner den Großen Josef Krainer Preis, eine der höchsten Auszeichnungen des Landes Steiermark. Als Botschafter der Landestourismusorganisation formulierte er sein Verhältnis zur Wahlheimat so: "Das Grüne Herz ist Zuhause und Heimat."

Ausblick: Die operative Ära Santner ist abgeschlossen, seine Rolle im steirischen Wirtschaftsgefüge nicht. Über den Vorstandsvorsitz der Holding, den Aufsichtsratsvorsitz bei der Steiermärkischen und das Mandat bei Styria Medien bleibt er an drei zentralen Schaltstellen präsent. Für Anton Paar selbst beginnt die erste Bewährungsprobe der fünften Generation: ein Konzern mit 4.850 Beschäftigten in einem Marktumfeld, in dem Labor- und Prozessmesstechnik zunehmend über Software und Automatisierung verkauft wird.

Quellen